In der derzeitigen Nachrichtenlage spielen Frauen eine eher untergeordnete Rolle, da wird höchstens das Stirnrunzeln der zum Reagieren verdammten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mal mit etwas Aufmerksamkeit bedacht. So gesehen ist es bemerkenswert, dass es im aktuellen Social-Media- und Klatschspalten-Erdbeben primär um zwei Frauen geht, obwohl dieses doch von einem Mann ausgelöst wurde: der Austritt des ältesten Beckham-Sprosses Brooklyn aus dem Familienverbund via Instagram; ein Vorgang, für den bereits nach wenigen Stunden die Fachbezeichnung „Beckxit“ feststand.
Brooklyn Peltz Beckham, wie der 26-Jährige seit seiner Eheschließung mit der Schauspielerin Nicola Peltz Beckham heißt, sagte sich zu Beginn der Woche in einer sechs Slides umfassenden Instagram-Story von seinen Eltern los; er warf Victoria und David Beckham unter anderem vor, dass bei ihnen nicht die Familie zuerst komme, sondern die „Brand Beckham“. Seither gibt es in den Vorgang begleitenden Posts, Podcasts und Substack-Essays im Grunde nur zwei Arten, mit denen dieser in aller Öffentlichkeit ausgetragene Familienstreit (über den man in Wahrheit natürlich relativ wenig weiß) interpretiert wird: Entweder wird Brooklyn Beckham von seiner Frau Nicola manipuliert und kontrolliert, die einer noch viel reicheren Familiendynastie entstammt als er selbst; oder, die Ansicht ist fast noch weiter verbreitet: Victoria Beckham ist eine Art Lady Macbeth. Ganz schlecht als Mutter, als Schwiegermutter ein Desaster, und Geschmack hat sie auch nicht. Im Zweifelsfall gehen die Deutungen in den Diskussionen und Kommentarspalten hin und her: Nicola ist schuld! Nein, Victoria ist schuld! Es ist ein Fest der frauenfeindlichen Klischees.

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Aber wie kann es sein, dass ein Mann eine Schlammschlacht anzettelt, in deren Zentrum sich nur kurz darauf zwei Frauen wiederfinden, die – zumindest in dem Moment – dazu gar nichts gesagt haben? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem am Megxit, der Palastrevolte der Windsors, die mit dem Rückzug von Prinz Harry und Meghan aus der königlichen Firma endete, immer nur Meghan schuld ist oder vielleicht höchstens noch Camilla, aber bestimmt nicht Harry. Oder aus dem Grund, aus dem Annalena Baerbocks New-York-Posts seit ihrem Amtsantritt bei den Vereinten Nationen ständig aufs Neue skandalisiert werden, obwohl niemand dazu gezwungen wird, sie anzuschauen. Oder aus dem Grund, weshalb alle Clinton-Hasser ihren Hass auf Hillary Clinton konzentrieren, obwohl die nie Präsidentin war und auch nichts darüber bekannt ist, dass sie etwas mit einem ihrer Praktikanten gehabt hätte.
Seit die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies im Umlauf ist, neigt die Menschheit, ja, auch die weibliche Hälfte dazu, sich auf Frauen einzuschießen, sobald diese die Chuzpe haben, sich zu exponieren. Im Fall des Beckham’schen Familienstreits ist dieses Narrativ schon im ursprünglichen Post angelegt: In der kleinen Klageschrift schreibt Beckham junior zwar immer wieder von seinen Eltern, alle konkreten Vorwürfe allerdings beziehen sich dann auf seine Mutter, das Ex-Spice-Girl Victoria. Sie habe ihn als „bösartig“ bezeichnet (unfair!), sie habe seiner Frau Nicola die Unterstützung bei einem Hunderettungsprogramm während der Brände in Los Angeles im vergangenen Jahr versagt (herzlos!), sie habe bei seiner Hochzeit 2022 den Brauttanz an sich gerissen und ihrem Sohn damit den demütigendsten Augenblick seines Lebens beschert (narzisstisch!). Obendrein habe Victoria Beckham, die inzwischen als Designerin arbeitet, kurz vor der Hochzeit das versprochene Brautkleid-Design verweigert (zickig!).
Über Davids Fußballfeld beschwert sich niemand
Ob das nun stimmt oder nicht (in der Juni-Ausgabe der britischen Vogue aus dem Jahr 2022 ist zumindest etwas anderes zu lesen über besagtes Kleid): Egal, wohin man in dieser Geschichte blickt, nirgends wird David Beckham als Verursacher des ganzen Schlamassels in Betracht gezogen. Ja, er habe seinen Sohn und dessen Frau mal in London im Hotel sitzen lassen, als sie ihn zum Geburtstag besuchen wollten, schreibt Brooklyn. Und ja, er ist Teil der „Brand Beckham“, bei der die Fassade wichtiger als alles andere scheint. Aber auch dahinter wird vor allem Victoria als treibende Kraft vermutet. Überhaupt hat es der Öffentlichkeit noch nie so ganz gepasst, was das ehemalige Spice Girl tut. Dass sie so gut wie nie lächelt, sehr dünn ist und sich ein sehr großes Landhaus in den Cotswolds gekauft hat: ganz schlecht. Nie aber beschwert sich jemand darüber, dass zu dem Riesenanwesen ein Fußballfeld gehört, das bestimmt nicht auf Weisung der Hausherrin angelegt wurde. Und dass David Hühner liebt: einfach nur süüüüß.
Wenn sich in der amerikanischen Rechten das Akronym „awful“ breitmacht, das für „affluent white female urban liberal“ steht, dann deswegen, weil es da längst nicht mehr nur um körperliche Selbstbestimmung geht – sondern auch um finanzielle und politische. Das hat mit dem Beckham-Social-Media-Erdbeben vielleicht auf den ersten Blick nichts zu tun, aber die Verachtung für Victoria Beckham hat eben auch keinen seriösen Grund. Man kann es nämlich auch so sehen: Von allen Spice Girls hat sie es am weitesten gebracht. Respekt.
