
Die New York Times hat Lars Klingbeil als einen der Anführer jenes Widerstands identifiziert, der sich in Europa gerade gegen die Politik des US-Präsidenten formiert. „Some leaders — like President Emmanuel Macron and Lars Klingbeil“, so schrieb das Blatt am Montag, seien offenbar „bereit, dieses Risiko einzugehen“. Nämlich: sich mit Trump in der Zoll- und Grönland-Frage anzulegen, auch auf das Risiko hin, dass „Europas Verhältnis zu den Vereinigten Staaten irreparabel“ beschädigt werde, so die Analyse der NYT.
Tatsächlich ist auffällig, dass der deutsche Vizekanzler und SPD-Vorsitzende derzeit deutlich härtere Kritik an der US-Regierung übt als Kanzler Friedrich Merz oder andere Kabinettsmitglieder. Angefangen hat das an diesem Wochenende, an dem Trump neue Strafzölle für acht europäische Staaten, darunter Deutschland, angekündigt hat. „Das ist jetzt ein Punkt, den wir nicht mitgehen können. Wir lassen uns nicht erpressen“, sagte Klingbeil auf einer Wahlkampfveranstaltung im rheinland-pfälzischen Daaden.
Und er wurde noch grundsätzlicher: „Wir erleben gerade ständige Provokationen, wir erleben ein ständiges Gegeneinander, das von Präsident Trump gesucht wird. Hier muss jetzt jeder in den USA auch merken: Die Europäer machen das nicht mit. Hier ist eine Grenze erreicht.“ Am Montag benutzte Klingbeil dann im Beisein des französischen Finanzministers in Bezug auf den US-Präsidenten erneut dieses Wort: „Erpressung“ und kündigte an, dass Europa sich widersetzen werde. Und er verwies – ähnlich wie Macron – auf den „Instrumentenkasten“, also auf mögliche Gegenmaßnahmen, die die Europäer nun prüfen wollen. Da Klingbeil solche Worte formulierte, ohne explizit danach gefragt worden zu sein, schien er diese Botschaft offenbar unbedingt loswerden zu wollen.
Lovely Friedrich and Angry Lars
Ganz anders dagegen der Kanzler, der sichtlich bemüht ist, den Konflikt zu entschärfen. Merz hatte nach Trumps Ankündigung vom Wochenende zunächst zwei Tage lang geschwiegen. Später beschrieb er seine „Strategie“ so: Er wolle darauf hinwirken, dass Trump von den Zusatzzöllen wieder Abstand nehme und in der Ukraine engagiert bleibe, sagte Merz. Er werde „nichts tun“, was die Chancen darauf mindere. Merz setzt darauf, Trump an diesem Mittwoch in einem persönlichen Gespräch in Davos besänftigen zu können.
Diese Kanzler-Rhetorik klingt nun nicht gerade nach Klartext, auf den Merz doch sonst immer so stolz ist. Den übernimmt der sonst so „nette Lars“, der sich eigentlich am liebsten als „Brückenbauer“ bezeichnet. Fast wirkt es, als hätten der Kanzler und sein Vize ihre Rollen getauscht. Lovely Friedrich meets Angry Klingbeil.
Auf diese Rollenverteilung verständigt
Allerdings kann sich ein deutscher Vizekanzler harsche Kritik auch eher erlauben. Lars who? Klingbeil dürfte unter der Wahrnehmungsschwelle von Donald Trump existieren. Friedrich Merz hingegen verhandelt regelmäßig mit dem erratischen US-Präsidenten, es geht bei der Ukraine und jetzt auch bei Grönland um existenzielle Fragen – auch für die Bundesrepublik. Klingbeil kann es sich also erlauben, harscher zu kritisieren, weil er weniger Schaden anrichten kann. Merz hingegen ist stolz darauf, vom US-Präsidenten immerhin respektiert zu werden. Das will er nicht verspielen.
Und so ist diese unterschiedliche Tonalität zwischen Kanzler und seinem Vize bewusst gewählt. Klingbeil ist es wichtig zu betonen, dass er sich mit Merz eng abgestimmt hat – und sich nicht etwa im Alleingang mit der Supermacht anlegt. Die beiden haben sich dazu am Sonntagabend im Kanzleramt beraten und sich auf diese Rollenverteilung verständigt, heißt es aus Klingbeils Umfeld. Bei aller Kritik betone der Vizekanzler ebenfalls, dass die Hand der Deutschen ausgestreckt bleibe und man weiter das Gespräch suche. Aber sollten die Zölle aller Diplomatie zum Trotz kommen, signalisiert Klingbeil jetzt schon, dass Europa sich wehren werde.
