

Wer am heutigen 21. Januar Jogginghose trägt, ist womöglich ein Sympathisant des gestürzten venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Vielleicht hat er, nach dem Ausspruch Karl Lagerfelds, auch die Kontrolle über sein Leben verloren. Oder aber er begeht den Internationalen Tag der Jogginghose.
Wie bitte, noch so ein Tag? War nicht gestern erst der Tag der Kaffeepause, vorgestern der Welt-Quark-Tag und vorvorgestern der Welttag des Schneemanns?
Ausgangspunkt in Graz
Was sich anhört wie ein Verkaufstrick amerikanischer Sportartikelhersteller – Internetforen zufolge zahlte Nike ja sogar für Produktplatzierung in der Maduro-Entführung –, geht in Wahrheit auf die Initiative vierer Gymnasiasten aus Graz zurück. Am 21. Januar 2009 erschienen sie zur Feier des Faschings in Jogginghose zur Schule. Das kam so gut beziehungsweise, bei Lehrern, so schlecht an, dass sie beschlossen, daraus ein Statement zu machen und künftig jedes Jahr am 21. Januar eine zu tragen.
Über eine Facebook-Gruppe – ja, so lange ist das schon her! – verbreitete sich der Trend. Schließlich fand der „Feiertag“ Eingang in die Kalender der Journalisten. Seitdem vergeht kaum ein 21. Januar ohne Berichte über den erstaunlichen Aufstieg der Jogginghose, von ihrer Erfindung als Sportkleidungsstück vor einhundert Jahren über ihren Status als Unterschichtsmerkmal bis zu ihrer Aufnahme in die haute couture.
Bequemlichkeit in der Öffentlichkeit?
In die Abfolge solcher Artikel reihen wir uns bereitwillig ein. Doch wollen wir etwas Wasser in den Wein der allgemeinen Begeisterung gießen und fragen, wie emanzipatorisch-subversiv das Tragen von Jogginghosen noch sein kann – heute, da man nicht nur in vielen Berliner Vierteln mit Krawatte stärker auffällt als im Trainingsanzug? Und welche Werte sollen damit überhaupt vermittelt werden?
Die Jogginghose stehe für Bequemlichkeit und Freiheit, sagen ihre Apologeten, der Gummibund und die weite Passform verziehen alles. Für die eigenen vier Wände mag das als Rechtfertigung gerade noch durchgehen – aber spricht daraus, ungezwungen in die Öffentlichkeit transportiert, nicht gerade jene Ichbezogenheit und Nachsichtigkeit gegenüber sich selbst, an der unsere Gesellschaft gerade leidet? Wer für eine radikale Individualisierung wirbt, möge bitte auch den Ohne-Hosen-Tag am ersten Freitag im Mai ernst nehmen.
Die Verfechter der klassischen Mode müssen an der zügellosen Feiertagswirtschaft dennoch nicht verzweifeln. Im Oktober bietet sich die Gelegenheit zum Gegenschlag: Dann folgt in kurzem Abstand der Weltkrawattentag auf den Tag des Anzugs. Wer so lange nicht warten möchte, kann schon heute zumindest ein subtiles Zeichen setzen und, statt Jogginghose zu tragen, einfach Eichhörnchen füttern, Müsliriegel essen oder besonders intensiv kuscheln. Auch diese Dinge haben am 21. Januar nämlich ihren Ehrentag.
