„MTV Rewind“ bringt MTV zurück: Lass dich überraschen – Kultur

Im Oktober 1993 galt MTV kurzzeitig als lebensgefährlich. In Ohio hatte ein Fünfjähriger in einer schrecklichen Tragödie sein Wohnhaus angezündet. Seine zweijährige Schwester starb, und die Mutter machte „Beavis and Butt-Head“ für den Tod verantwortlich. In der Comic-Show über zwei geistig ambitioniert derangierte Jugendliche hatte Beavis die Neigung, weithin frenetisch die Worte „Fire, fire!“ zu rufen. Recherchen zeigten später, dass das Kind die Sendung vermutlich nie gesehen hatte. Dennoch wurde der Ausruf verbannt – was selbstverständlich hieß, dass man ihn allenthalben provokant umtänzelte. Als die beiden Figuren während einer späteren Folge in einer Burgerbraterei arbeiten, ruft Beavis etwa „Fryer, fryer!“. Fritteuse. So war das damals.

Bis alles anders wurde und der Sender – am 1. August 1981 gestartet, um mit nur wenigen Unterbrechungen Musikvideos zu zeigen – sich inhaltlich veränderte. Konformer wurde. Die Musik sukzessive aus dem Programm verbannte und durch im besten Fall mittelerträgliche Reality-TV-Formate ersetzte. Und damit kommerziell und kulturell stetig irrelevanter wurde. Es sind seither viele Nachrufe gedruckt und gesendet worden, zuletzt, als der US-Medienkonzern Paramount, dem MTV gehört, Ende vergangenen Jahres ankündigte, ein paar Spartenkanäle in Europa stillzulegen.

Programmiert hat die Seite ein Internet-User, der sich „FlexasaurusRex“ nennt

Dabei hat MTV ja eigentlich nur das Schicksal ereilt, das zuvor schon Laternenanzünder heimgesucht hat, Fischbeinreißer, Hufschmiede, Milchmänner, die Hersteller von Mini-Disc-Playern oder Betamax-Rekordern, Fachgeschäfte für Schreibmaschinen und Videotheken. Die technische Entwicklung hat die Sache obsolet gemacht. In Zeiten, in denen jeder jeden Song und jedes Video on demand abrufen konnte, lieferten sich immer weniger der Willkür, dem Dünkel oder womöglich ja auch der Geschmackssicherheit eines Musikredakteurs aus. Eine gewisse Nostalgie blieb dennoch. Und bestimmt auch eine stille Sehnsucht danach, nicht ausschließlich von Algorithmen errechnete, vermeintlich perfekt zum bisherigen Geschmack passende Titel ausgespielt zu bekommen – sondern sich stattdessen auch mal wieder überraschen zu lassen.

Auftritt „MTV Rewind“. Ein Internetnutzer, von dem man bislang nur den Vornamen (Louis) und das Alias „FlexasaurusRex“ kennt, hat die Homepage programmiert, auf der sich, Stand Dienstag, 42 008 Videos finden. Sortiert unter anderem nach Genres („Headbanger’s Ball“, „Yo! MTV Raps“), Jahrzehnten oder Livekonzerten wie der Unplugged-Reihe. Außerdem gibt es den Nostalgie-Overload „MTV 1st Day“, der, der Name lässt es erahnen, den Debüttag des Senders abbildet. Programmatisch prägender erster Song damals: „Video Killed The Radio Star“ von The Buggles.

Besonders nah ans Original kommt man aber natürlich über die „Shuffle All“-Funktion, die, laut Betreiber rein zufällig, Songs aus dem Gesamtfundus greift. Schönste Entdeckung zwischen INXS, The Connells und, ja, auch Blümchen: die englischsprachige Cover-Version von Falcos „Der Kommissar“ von After The Fire. Eine britische Progressive-Rock-Band, die mit dem Song ihren einzigen Hit in den USA hatte. 1983 war das, ein Jahr nach Veröffentlichung. Da hatte sie sich bereits aufgelöst. So war das damals eben auch.