Die schwarzen Vans haben Davos wieder eingenommen. In einer endlosen Blechkolonne schlängeln sie sich seit dem Wochenende durch die engen Straßen des Skiorts in den Schweizer Alpen. Dazwischen immer mal wieder ein Lastwagen, ein Mannschaftsbus oder ein olivgrünes, gepanzertes Fahrzeug: Willkommen beim Weltwirtschaftsforum.
An den Kreuzungen versuchen Polizisten die Straßenverkehrsordnung aufrechtzuerhalten. Auf den temporär aufgestellten Straßenschildern steht, man solle nicht dem GPS folgen. Immer wieder beginnen einzelne Fahrer Diskussionen mit den Polizisten. Teile des Ortes sind komplett abgesperrt, vor allem um das Kongresszentrum. Betonblöcke und sogar mit Sandsäcken bewehrte Türme machen das Areal zur Festung. Ohne Teilnehmerausweis kommt niemand rein. An vielen Ecken stehen große Gruppen von Polizisten.
Frei zugänglich ist nach wie vor die sogenannte Promenade, die Hauptstraße durch Davos, zumindest der Gehweg. Wenn da nicht gerade ein reicher und/oder wichtiger Mensch flankiert von einer Formation finster dreinblickender Anzugträger durch Menge pflügt oder ein Unternehmen zeigen möchte, was es Tolles entwickelt hat und einen wackeligen Roboter durch die Gegend stolpern lässt.
Auf der Promenade haben sich Länder und Unternehmen eingemietet, um Podiumsdiskussionen abzuhalten, Hintergrundgespräche zu führen oder schlicht Werbung für sich zu machen. Vor allem die Golfstaaten, aber auch andere verschenken Tee, Kaffee und Süßigkeiten. Wer sich bis zum Ende der Promenade durchgefuttert hat, kann dort eine Runde Minigolf auf Eis spielen. Unklar ist allerdings, wer in dieser Woche Zeit dafür hat. Viele bleiben auch stehen, um ein Foto von der Kirche zu machen, in der die USA mit Unterstützung von Microsoft und McKinsey ein „USA House“ eingerichtet haben.

„Die Veränderung ist unfassbar“, sagt eine junge Frau, die nur Mona genannt werden möchte. „Es ist krass zu sehen, was hier aufgefahren wird, wie teilweise ganze Fassaden neu gebaut werden. Es entsteht eigentlich eine komplett neue Stadt für eine Woche.“ Mona arbeitet in Davos als Saisonkraft in der Gastronomie. Wie viele andere, musste sie während des WEF ihre Wohnung verlassen, das ist oft in den Mietverträgen so festgelegt. Die Wohnungen werden in der Zeit dann für ein Vielfaches der normalen Miete an Besucher des Wirtschaftsforums untervermietet. Und in manchen Fällen, müssen sogar die eigentlichen Mieter weiterzahlen, wenn sie mit ihrem Vermieter keine andere Vereinbarung getroffen haben.
Mona hat Glück gehabt, sie kann bei ihrem Chef auf dem Sofa schlafen. „In einer sehr intensiven Arbeitswoche bedeutet das aber: keine Privatsphäre, keinen Rückzugsraum“, sagt sie. „Wir machen schon Witze, dass man sich jetzt noch ein Tinder-Date suchen muss, um irgendwo ein Bett zu bekommen.“ Die Gastronomie-Mitarbeiterin sieht das Treffen, wie viele andere aus dem Ort, sehr kritisch, und zwar vor allem wegen Donald Trump. „Um Trump nach Davos zu kriegen, werden seine Autos hierhergeflogen. Was soll das?“ fragt sie. „Und wir sollen keine Plastikflaschen mehr kaufen, weil das schlecht für das Klima ist?“

:„Es ist absurd, diesen Menschen eine Plattform zu bieten“
Bei der Demonstration gegen das Weltwirtschaftsforum kritisieren Linke, Wissenschaftler und Feministinnen das Treffen – aus unterschiedlichen Gründen. Auf eines können sich alle einigen: Trump ist in Davos nicht willkommen.
Viele der Saisonkräfte sind in einer ähnlichen Lage und stehen dem WEF gespalten gegenüber. Manche, deren normaler Betrieb während dieser Woche geschlossen hat, haben auf der Promenade Arbeit gefunden. „Jeder versucht, Kohle damit zu machen, ich ja auch“, sagt eine andere Saisonkraft, die anonym bleiben möchte. „Aber letztlich ist es eine schreckliche Veranstaltung.“
Ihr Kollege teilt die Kritik, findet aber: „Es ist zweischneidig.“ Er merkt an, dass viele der Unternehmen inzwischen ganze Abteilungen für Nachhaltigkeit haben und am Weltwirtschaftsforum in manchen Foren tagelang über dieses Thema diskutiert wird. „Desto mehr das Thema Nachhaltigkeit zum Mainstream wird, desto mehr kommt es auch hier an.“
Insgesamt ist das Thema beim WEF allerdings stark zurückgefahren worden. Und Greenpeace weist darauf hin, dass in diesem Jahr die Zahl der Privatflüge in die Schweiz wegen des Treffens noch einmal um zehn Prozent zugenommen hätten – von 628 auf 709. „Im Schnitt kommt inzwischen ein Privatjet-Flug auf vier Teilnehmende“, heißt es in einer Pressemitteilung.

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:Auch in Davos steht Trump im Fokus
Am Montagabend beginnt das Weltwirtschaftsforum in der Schweiz. Das Treffen der Wirtschaftselite wird von den großen geopolitischen Themen dominiert – und vom Besuch des US-Präsidenten.
Rekordverdächtig ist auch in diesem Jahr wieder der Aufwand für die Sicherheit der Veranstaltung. Die Schweizer Behörden geben neun Millionen Schweizer Franken (etwa 9,7 Millionen Euro) an Zusatzkosten an. Diese werden zur Hälfte vom WEF übernommen. Den Rest teilen sich der Bund, der Kanton Graubünden sowie die Gemeinden Davos und Klosters. Der Armeeeinsatz wird aus dem normalen Budget finanziert und hat in den vergangenen Jahren je etwa 25 Millionen Franken gekostet. Wobei man damit sogar noch unter dem veranschlagten Budget von 32 Millionen Franken geblieben sei, wie es auf der Website der Schweizer Regierung heißt. Das WEF selbst machte im „Geschäftsjahr von Juli 2024 bis Juni 2025 einen konsolidierten Umsatz von 469 Millionen Franken“, heißt es dort ebenfalls.
Insgesamt lohnt sich die Veranstaltung also wahrscheinlich für die Beteiligten. Eine Studie der Universität St. Gallen errechnete nach dem Weltwirtschaftsforum 2023, dass die zusätzlichen Steuereinnahmen die Kosten für die Sicherheit problemlos abdecken. Allein in Davos würden 100 Millionen Franken Umsatz gemacht. In diesem Jahr werden es wahrscheinlich noch mehr werden. Und genaue Zahlen gibt es von den Betreibern natürlich nicht, aber auf der Promenade erzählen die Saisonkräfte, wer in dieser Woche Zimmer vermietet oder einen Gastronomiebetrieb hat, kann in dieser Zeit einen Großteil seines Jahresumsatzes machen.

Und dabei wurden noch nicht einmal alle aus ihren Wohnungen vertrieben. Auf ein paar Balkonen sonnen sich die Skifahrer nach ihrer Abfahrt, während auf dem Trottoir unter ihnen die Weltwirtschaft vorbeiflaniert. Etwas weiter auf dem Dach des Kongresszentrums sind schon die Scharfschützen in Stellung gegangen. Das Weltwirtschaftsforum 2026 hat begonnen.
