
Emmet Storer hat zwei Platten und zwölf Schrauben im Bein. Er war gerade dabei, eine Kuh in ein anderes Gatter zu treiben, als sie auf ihn losging. 600 gegen 100 Kilogramm. Ein gebrochenes Schienbein, ein gebrochenes Wadenbein und ein ausgerenkter Knöchel. Im Krankenwagen gab es erst mal Morphium. Das ist erst vier Monate her, aber Storer ist in Nebraska als Rancher in fünfter Generation aufgewachsen. Da bringen sie dir als Kind bei: Wenn du vom Pferd geworfen wirst, musst du schnell wieder aufsteigen. Also steht er schon seit Wochen wieder im Auktionsring.
Storer ist Manager eines Viehmarkts im Westen Nebraskas. Im „North Platte Stockyards“ werden im Jahr 50.000 Tiere versteigert, dienstags sind die Rinder dran. Die Handgriffe sind eingeübt. Immer wieder zieht der Achtundzwanzigjährige das schwere Tor auf, durch das das Vieh getrieben wird. Kühe, Bullen, Stiere, Kälbchen. Schwarzes und rotes Angusrind, Herefords mit ihren weißen Köpfen. Wenn alle drin sind, stellt Storer sich in den Schutzstand am Rand des Auktionsrings. Die weiß gestrichene Stahlplatte geht ihm bis zur Brust. Gut gegen aggressive Tiere. Wenn ein Rind am Ende nicht zum anderen Tor rauswill, kriegt es mit der Plastikklatsche eins aufs Hinterteil.
Wer hier den Tag verbringt, nimmt den Geruch von Kuhmist mit nach Hause. Aber wer will schon einen schlecht bezahlten Bürojob machen, sagt Storer. Gerade jetzt, wo es so gut läuft. Die Branche boomt. Was für Joe Biden im Wahlkampf 2024 die Eierpreise waren, ist für Präsident Donald Trump dieser Tage das Rindfleisch: sehr teuer für den Durchschnittsamerikaner. Aber hier, wo sie von den hohen Preisen profitieren, hat niemand etwas dagegen einzuwenden. Und gegen Präsident Trump in der Regel auch nicht.
Nebraska stimmte 1964 das letzte Mal für einen demokratischen Präsidenten. In den vergangenen beiden Wahlen ging zwar eine der fünf Wahlmännerstimmen an die Demokraten. Doch das war rund um Omaha, die größte Stadt des Bundesstaats, nicht hier im dünn besiedelten Westen.
Selbst Minneapolis ist hier weit weg
Emmet Storer ist nach dem Wirtschaftsstudium an der Universität von Nebraska in Lincoln sofort wieder auf die Ranch der Eltern gezogen, zwei Stunden von North Platte entfernt. Ihm gefällt es, dass Trump den Mut hat, einfach zu machen, was er will. Das sei der „American Way“, sagt er. Schließlich seien die Vereinigten Staaten immer überall auf der Welt involviert gewesen. Trump mache jetzt nur darauf aufmerksam und „korrigiere“, wenn nötig. Und überhaupt, findet Storer: Wer ist schon perfekt?
Auf dem Viehmarkt in North Platte interessieren sich dieser Tage, nach dem ersten Jahr von Trumps zweiter Präsidentschaft, nur wenige für das politische Dauerfeuer, das er entfacht hat. Venezuela, Grönland, Iran und selbst Minneapolis sind weit weg. Hier knallt es nur, wenn der Präsident sich mal wieder in die Angelegenheiten der Rindfleischindustrie einmischt. Dafür aber richtig.
Jay Nordhausen hat das dieses Jahr mehrfach mitgemacht. Zusammen mit seinem Partner Lance Van Winkle gehören ihm das Auktionshaus in North Platte und der „Livestock Auction Market“ in Ogallala eine Stunde westwärts. Nordhausen zeigt den Kursverlauf im Oktober: ein Preissturz gegen Ende des Monats. Damals kündigte Trump erst erweiterte Importe aus Argentinien an, um den hohen Preisen beizukommen.
Nach heftiger Kritik schickte er einen Beitrag auf seiner Onlineplattform hinterher: Die Rindviehzüchter, „die ich liebe“, verstünden nicht, dass es ihnen nur wegen seiner Zölle auf Rindfleischimporte so gut gehe. Außerdem müssten sie für die Verbraucher die Preise senken. Das empfanden viele seiner Wähler als Verrat, sagt Nordhausen.

Er muss es wissen. In seine Auktionshäuser kommen Rancher und Käufer aus vielen Bundesstaaten, auch aus Colorado, Kansas, Utah, Wyoming. Nordhausens Handy klingelt auf maximaler Lautstärke, unermüdlich. Der 38 Jahre alte Mann ist in Ogallala geboren und gewissermaßen ins Geschäft hineingewachsen. Sein Vater hat 36 Jahre lang in dem Viehmarkt gearbeitet. Nordhausen hat ihn 2020 mit Van Winkle von dessen Vater und einem Partner übernommen. Familienbande zählen hier viel. Die alte Garde half, als die Pandemie über den Betrieb in Ogallala hereinbrach.
Der Ort mit 4700 Einwohnern hat seinen Namen von den Oglala, einem Stamm der Lakota-Sioux. Er entstand in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts als ein Nebenbahnhof der „Union Pacific Railroad“, die die transkontinentalen Eisenbahnstrecken vom Atlantik bis zum Pazifik erweiterte. Innerhalb von zehn Jahren wurde aus einem Wasserturm und einem Bahnwärterhäuschen eine blühende Stadt des Viehhandels. Auf einer historischen Tafel in Ogallala heißt es, in der „Cowboyhauptstadt“ sei damals viel Gold, viel Alkohol und auch viel Blut geflossen. Von hier aus wurden Rinder nach Omaha, Chicago oder an Rancher in umliegenden Gebieten transportiert. In manchen Jahren mehr als hunderttausend.
Heute findet der Rinderhandel in Ogallala im Auktionshaus statt. An einem Verkaufstag fährt Nordhausen um halb sechs Uhr morgens mit seinem weißen Pick-up vor und geht, wenn es gut läuft, zwölf Stunden später wieder. Aber das macht ihm nichts aus. Vor allem nicht an Tagen wie diesem, wenn es besonders gut läuft, die Reihen voll sind und die Stimmung super ist.
Alle Augen sind auf die Rinder und auf die Bildschirme rechts und links gerichtet. Sie zeigen an, wie viele Tiere es sind, wie viel sie wiegen und wie das höchste Gebot lautet. Kevin Schow, der Auktionator, sitzt im Zimmerchen über dem Ring und leitet die Versteigerung. Er zeigt auf die Bieter und rattert in atemraubender Geschwindigkeit die Gebote herunter. Wer das Stakkato nicht gewohnt ist, kann nur einzelne Zahlen und das Ende ausmachen: sold, verkauft. Nach einer Stunde tauscht Kevin mit Kyle, seinem Bruder. Sonst lässt sich das Tempo nicht halten.

Nordhausens Aufgabe ist es diesmal, dem Auktionator zuzuarbeiten. Neben einem Dutzend Telefonaten scannt er die Zuschauer, weist auf Gebote hin, bedankt sich nach einem Deal bei Käufern. Er liebe seinen Job wegen der Gemeinschaft, der Freundschaften, sagt er, und das glaubt man ihm. Die Kunden sind loyal. Jeder kennt hier jeden. Wenn es während der Versteigerung mal hitzig wird, ist das hinterher schnell wieder vergessen.
Und wenn der Auktionator übers Megafon kurz Nordhausens kleiner Tochter sagt, dass sie die runtergefallene Banane bitte nicht mehr essen soll, ist das auch kein Problem. Und auch wenn man sich in großen Fragen der Politik uneins ist, kommt man über die Sache doch meistens wieder zusammen. Am Ende geht es darum, einander zu helfen.
Es hat Nordhausen nicht gewundert, als Trump in seinem Onlinebeitrag gegen die Rancher keilte. Das neue Zauberwort der Regierung laute ja „affordability“, Erschwinglichkeit, da müsse man ein Bauernopfer finden. Dabei hat ihm ein befreundeter Supermarktbesitzer erzählt, dass an Weihnachten alle nach dem Rind gegriffen hätten, „reich oder arm“. Die Schweinekoteletts hätten sie verschmäht.
Nordhausen ist registrierter Demokrat. Die sind hier in der Gegend selten, und deswegen hängt er das nicht an die große Glocke. Bloß nicht, sagt er und lacht. Mit Trump ist es für ihn wieder einfacher geworden, über Politik zu reden. Joe Biden und Barack Obama durfte man hier gar nicht erwähnen. Dabei ist der Besitzer der Auktionshäuser ohnehin keiner der „Radikalen“, die sie hier für völlig spinnert halten. Nordhausen sagt selbst: Wir sind hier sehr konservativ.

Geht es nach ihm, ist das Land seit zehn Jahren nicht mehr gut regiert worden. Unter Joe Biden waren es vor allem die Themen Homosexualität und Transgender, bei denen es ihm zu weit ging. Kinder könnten heute keine Fernsehshow, keinen Disney-Film mehr sehen, sagt er, ohne mit diesen Themen konfrontiert zu werden. Das sei zu aufdringlich, auch wenn er per se nichts gegen diese Gruppen habe. Auf der anderen Seite, wie er sie nennt, gebe es dafür viel hasserfüllte Inhalte. Und dass von allen Menschen in diesem Land ausgerechnet dieser Mann Präsident geworden ist, kann er nicht verstehen. Amerika ist vom Weg abgekommen, findet Nordhausen.
Man meint, den wettergegerbten Gesichtern der Rancher und Käufer in Ogallala und North Platte anzusehen, wo sie politisch stehen. Auf dem Papier ist die Sache bei den meisten auch eindeutig. Doch viele scheren sich nicht um Trumps tägliche Tiraden, die die amerikanischen Küsten und die Welt in Atem halten, oder sagen es zumindest nicht. Die Themen und Probleme sind hier andere, konkreter.
Da ist die Furcht vor der nächsten langen Trockenphase, vorm Zusammenbruch des Marktes, die Angst ums Überleben des eigenen Betriebs, der auch das Überleben der Familie sichert. Überhaupt zeigt sich immer wieder, wie wichtig hier Familie ist, deren Verteidigung Trump sich als zweifach geschiedener Mann auf die Fahnen geschrieben hat.
Auch Geoff Cook hat Angst. Aber nicht, weil Trump Präsident ist, sondern weil es zu gut läuft. Er sitzt fünf Tage die Woche bei Rinderauktionen. Heute in North Platte auf dem dritten Stuhl in der vorletzten Reihe, in der Uniform der Rancher: Bluejeans, Cowboystiefel und Kappe. Cooks Job ist es, für größere Unternehmen einzukaufen, Mastbetriebe, Viehhöfe. Und er weiß jetzt schon, dass das Glück immer irgendwann ein Ende hat. Cook ist erst 39, aber schon dreifacher Vater und ein alter Hase im Geschäft. Er ist auf einer Ranch aufgewachsen, hat sich gleich nach der Schule selbständig gemacht. Wenn er mitbietet, zuckt nur der Zeigefinger. Das rote Angusrind? Gekauft. Draußen steht sein Pick-up mit dem neun Meter langen Anhänger, der bis zu dreieinhalb Tonnen laden kann.
Was Trump in der Welt treibt, kriegt Cook nur sporadisch mit
Cook sagt zwar, dass er sich um den Markt sorgt, aber er ist kein Typ für große Aufregung. Es nervt ihn, dass ein Social-Media-Beitrag reicht, um den ganzen Markt ins Wanken zu bringen. In einer halben Stunde kenne dessen Inhalt die ganze Welt, sagt er. Dabei halte Trump manchmal besser einfach seinen Mund, kümmere sich um die echten Probleme und lasse die Rindfleischindustrie ihr eigenes Ding machen. Jeder hier weiß, was im vergangenen Oktober los war.
Cook will sich trotzdem nicht verrückt machen. Die Leute verfielen immer in Panik, sagt er, dabei könne man ja ohnehin nichts machen. Und die Sache mit Argentinien sei halb so wild gewesen. Selbst wenn es am Ende so komme, dass sie viermal so viel Rindfleisch mit niedrigen Zöllen einführen wie bisher, geht es immer noch erst um acht Prozent der gesamten amerikanischen Rindfleischimporte.
Was Trump sonst so in der Welt treibt, kriegt Cook nur sporadisch mit. Früher hat er noch die Lokalnachrichten geschaut, aber seit der Pandemie macht er das kaum noch. Er sagt, Trump rücke die Dinge jetzt mal wieder gerade. Amerika sei ja nun mal das stärkste Land von allen. Nur das mit den Razzien gegen Einwanderer findet Cook schwierig. Wer nicht arbeite, solle gehen. Aber man könne eben auch nicht die Hand beißen, die einen füttert. In der Fleischverarbeitung machen viele Migranten Jobs, die Amerikaner für das Geld nicht machen würden. Die Industrie ist auf sie angewiesen.
Um tagaus, tagein in Viehauktionen zu sitzen, muss man etwas stoisch sein. Die Rinder sind gestresst, sie urinieren, scheiden Kot aus. Manchmal versuchen sie, überraschend agil, mit ihren Hunderte Kilogramm schweren Körpern über die Stahltüren zu entkommen. An diesem Tag bleibt ein Tier bei dem Versuch stecken und muss von einer Gruppe Männer, darunter zwei Cowboys mit Lassos, befreit werden. Cook kennt das alles schon. Im vergangenen September wurde er mit einem Preis als bester Käufer ausgezeichnet. Die Trophäe: eine silberne Cowboy-Gürtelschnalle, wie sie hier viele tragen.

Wer im Jahr 2026 Cowboys sucht, der wird am Viehmarkt in Ogallala fündig. Hier schaut niemand verdutzt, wenn jemand mit einem Pferd über den Parkplatz prescht. Die Cowboys treiben die Rinder durch das Labyrinth von Gattern zur Halle, bevor die Auktion losgeht, manchmal mehr als 20 Tiere auf einmal. Und manchmal 8000 am Tag. Wenn die Rinder dann begutachtet und verkauft sind, wartet am Ausgang der kleinen Arena wieder ein Cowboy auf sie, um sie in den zugewiesenen Pferch zu bringen. Oder ein Cowgirl wie Madysin Cutler.
Was nach einer einfachen Aufgabe klingt, ist anspruchsvoll. Manchmal dauert eine Auktion zehn, zwölf Stunden, und trotzdem darf kein einziges Tier in das falsche Gatter geraten. Immerhin ist es in diesem Winter bislang ungewöhnlich warm gewesen, das macht die Arbeit angenehmer. Cutler ist 26 Jahre alt und macht die langen Tage seit fünf Jahren als Nebenjob. Eigentlich hält sie mit ihren Eltern den Betrieb für Landwirtschaft und Viehzucht am Laufen, den sie später übernehmen will. Sie bauen Mais, Sojabohnen und Weizen an und züchten Kälber. Das ist stressig, sagt sie.
Aber es käme Cutler nicht in den Sinn, dieses Fleckchen Erde in Nebraska zu verlassen. Schließlich sagen alle, dass es hier die schönsten Sonnenuntergänge und das leckerste Rindfleisch der Welt gibt. Was will man mehr?
Das Leben hier ist auch langsamer, sagt Cutler, und meint damit nicht, dass die Landwirtschaft ein einfacher Beruf sei. Der jungen Frau gefällt das Miteinander, die Bereitschaft zu helfen. Unter 80 Besuchern der Viehauktion in Ogallala sind eine Handvoll Frauen. Aber Cutler sagt, sie kennt viele, die in der Branche erfolgreich ihre eigenen Unternehmen führen. Ab und zu kommt Cutler in ihrem Alltag mal ein Mann unter, der ihr das Gefühl geben will, nicht fähig zu sein. Aber davon lässt sie sich nicht beeindrucken. Wenn es nach ihr geht, wird sie die Rinderzucht der Eltern ausbauen. Eigentlich hält sie sich aus der Politik heraus, aber Trumps Bemerkung zu den Ranchern hat sie geärgert. Unnötig und falsch, sagt sie.
Am Ende bliebe ihnen jedoch immer nur eines: Egal, wer Präsident ist, sie müssten ihren Job so oder so 365 Tage im Jahr machen.
