Zum Tod von Valentino Garavani: Der letzte große Couturier

Sein Name wird bleiben, so viel steht fest. Für Mittwoch nächster Woche ist um 15 Uhr die Couture-Schau der Marke Valentino angesetzt. Und mit dem Designer Alessandro Michele, der dem römischen Couture-Haus seit knapp zwei Jahren neuen Sinn verleiht, wird auch diese Kollektion ihre Kundinnen finden – also Kundinnen, die den Preis eines Kleinwagens gerne mal für ein Kleid ausgeben.

Er wurde 93 Jahre alt: Valentino Garavani, hier 2007, gehörte zu den großen Modeschöpfern.
Er wurde 93 Jahre alt: Valentino Garavani, hier 2007, gehörte zu den großen Modeschöpfern.dpa

Es wird ein tränenreiches Defilee werden. Denn Valentino Garavani, der Gründer der Modemarke, ist am Montag im Alter von 93 Jahren in Rom gestorben. Und viele Kundinnen, viele Mitarbeiter, nicht zuletzt Alessandro Michele selbst erinnern sich aus persönlicher Anschauung an den stets gut gebräunten alten Herrn, der über Jahrzehnte die Alta Moda in Rom und die Haute Couture in Paris mit seinen Entwürfen prägte. Und der neben Yves Saint Laurent, Karl Lagerfeld und Giorgio Armani zur goldenen Generation der Designer gehörte, die nach Christian Dior, Coco Chanel, Elsa Schiaparelli und Cristóbal Balenciaga die höchste Schneiderkunst beherrschten.

Er blieb der Mann der Haute Couture

Sicher, auch Valentino Clemente Ludovico Garavani, der seinen Namen marketinggerecht auf Valentino verkürzte, begab sich im Laufe seiner langen Karriere in die Niederungen des Prêt-à-Porter und der Parfumlizenzen, die zwar nicht viel Ruhm, aber viel Geld versprachen. Unter den in der ersten Hälfte der Dreißigerjahre geborenen Modeschöpfern jedoch blieb er der Haute Couture, der auf Handarbeit setzenden Maßschneiderei, am treuesten – während Saint Laurent mit „Rive Gauche“, Lagerfeld bei Chloé und Armani mit seiner Herrenmode früh die Konfektionsmode bedienten. Bis zum Ende seiner aktiven Zeit im Jahr 2008 zeichnete Valentino jeden Entwurf selbst von Hand.

Im Jahr 1971 in Rom: Models applaudieren dem aufstrebenden Designer.
Im Jahr 1971 in Rom: Models applaudieren dem aufstrebenden Designer.dpa

Valentino Garavani, der am 11. Mai 1932 in Voghera in der Lombardei geboren wurde, hatte das Handwerk früh gelernt. Schon mit 18 Jahren arbeitete er in Paris im Atelier bei Jean Dessès, danach wechselte er zu Guy Laroche. Mit dem Wissen aus den Pariser Ateliers, in denen oft noch die aus dem 19. Jahrhundert stammenden „Premières Mains“, die Chefschneiderinnen, den Ton angaben, kehrte er nach Rom zurück.

1959 gründete er sein eigenes Modehaus, und das Glück wollte es, dass Elizabeth Taylor, die gerade in der Stadt drehte, eine seiner ersten Kundinnen wurde. Seine ersten Jahre fielen in die Blütezeit der Traumfabrik Cinecittà, wo von „Cleopatra“ bis „La Dolce Vita“ seit den Fünfzigerjahren viele Filmklassiker entstanden. So trug Elizabeth Taylor ein weißes Valentino-Kleid zur Premiere von „Spartacus“ in Rom.

Elizabeth Taylor blieb ihm über viele Ehen hinweg treu

Die Schauspielerin blieb dem Modeschöpfer über all ihre Ehen hinweg treu. Noch für ihre achte (und letzte) Hochzeit, mit Larry Fortensky auf der „Neverland Ranch“ von Michael Jackson, hatte Valentino ihr eine blassgelbe Spitzenrobe zugeeignet, die ihre Schultern wunderbar zur Geltung brachte. Immerhin hatte sich Taylor bei ihrer nun wirklich letzten Hochzeit vom reinen Weiß verabschiedet.

Seine treueste Kundin: Elizabeth Taylor schaut sich die Kollektion für Frühjahr und Sommer 1990 an.
Seine treueste Kundin: Elizabeth Taylor schaut sich die Kollektion für Frühjahr und Sommer 1990 an.dpa

Und noch ein Glücksfall half der Karriere des jungen Designers. Er kam mit Giancarlo Giammetti zusammen, der zum Geschäftsführer seines Unternehmens wurde. Anders als Pierre Bergé, der Yves Saint Laurent zwar durch die Szene lenkte, aber das Genie auch mit seiner nörgeligen Pedanterie in den Alkoholismus und den Wahnsinn trieb, blieb Giammetti geschlagene sechseinhalb Jahrzehnte als Mädchen für alles an der Seite von Valentino, organisierte, kommunizierte – und handelte Verträge aus, die Valentino zu einem steinreichen Mann machten.

Lebens- und Geschäftspartner: Giancarlo Giammetti und Valentino 2013 bei der „Vanity Fair“-Oscar-Party
Lebens- und Geschäftspartner: Giancarlo Giammetti und Valentino 2013 bei der „Vanity Fair“-Oscar-PartyAFP

Die Modeschöpfer, die einst vor den Frauen knieten, um den Saum abzustecken, wurden in den Siebzigerjahren zu Stars, denen die Frauen zu Füßen lagen. Und wer seinen Stil verkaufen wollte, musste den richtigen Lebensstil zur Schau tragen. Valentino gelang das spielend, auch in Konkurrenz zu Saint Laurent und in Freundschaft zu Lagerfeld. Seine weltläufige Grandezza zeigte er schon mit seinen Immobilien, mit Villen am Holland Park in London und an der Via Appia Antica in Rom, mit einem Schloss bei Paris und einem Anwesen in der Toskana, mit Wohnsitzen in Gstaad für den Winter, in Capri für den Sommer und in Manhattan für jede Jahreszeit.

Seine Nachfolger arbeiten in seinem Namen

Während der Modeschöpfer selbst in den vergangenen Jahren zu schwach war, noch an den Schauen seiner längst verkauften Marke teilzunehmen, saß Giammetti weiter mit perfekt gescheiteltem grauem Haupthaar und gesundem Teint in der ersten Reihe und verlor kein böses Wort über die Designer, die sich als Nachfolger des großen Genies inszenierten.

Dabei zeigt es die Stärke des Modeschöpfers Valentino, dass sein Erbe nicht so dekonstruiert wurde wie zum Beispiel das seines spanischstämmigen Kollegen Cristóbal Balenciaga, der sich in seinem Grab schon mehrmals umdrehen musste. Nein, Maria Grazia Chiuri, Pierpaolo Piccioli und nun Alessandro Michele haben Valentino würdig verwaltet. Kein Wunder, sie alle stammen wie der große Meister aus Rom, kannten und schätzten den Mann, der nicht so garstig wie manche seiner Kollegen auf die nächste Generation hinabschaute.

Der neue Chefdesigner von Valentino: Alessandro Michele kleidete für die Met Gala 2025 Lana Del Rey ein.
Der neue Chefdesigner von Valentino: Alessandro Michele kleidete für die Met Gala 2025 Lana Del Rey ein.AFP

Die Ästhetik Valentinos speiste sich in den Anfangsjahren aus dem Designertraum, Prinzessinnen auszustatten. Die Prinzessinnen des Filmzeitalters nahmen die verrüschten Entwürfe gerne auf. Aber Valentino blieb nicht in der Welt des alten römischen Adels hängen.

Er entwickelte ein vielfältiges stilistisches Repertoire, das stets seine Urheberschaft erkennen ließ und mit den Jahren nüchterner, grafisch, fast schon minimalistisch wurde – aber immer mit vielen Blumenmotiven, gedruckt, gemalt, gestickt, modelliert. Mit seinem Atelier in Rom beschäftigte er all die Berufe, die heute keiner mehr kennt: Plisseure, Sticker, Federmacher. So schuf er nicht einfach nur Kleider, sondern Skulpturen.

„Ich glaube an die Haute Couture“, sagte er einmal. „Ein Couturier muss einen eigenen Stil entwickeln und dabei bleiben. Die meisten Modeschöpfer begehen den Fehler, dass sie ihr Konzept mit jeder Kollektion ändern. Ich ändere auch ein wenig – aber nie zu viel, damit ich meine Identität bewahre.“ Sinnbildlich für seinen Stil wurde das „Valentino-Rot“, das Rot des Klatschmohns, das er immer wieder einsetzte und das zu einem sinnlich schönen Markenzeichen wurde. So einfach kann „brand building“ sein.

Schon 1998 bereitete Valentino seinen Ausstieg aus der Mode vor, indem er seine Marke an einen italienischen Konzern verkaufte. Er blieb aber zunächst als Designer an Bord und erlebte 2005 auch den Börsengang mit. Am 23. Januar 2008 schließlich präsentierte er im Musée Rodin seine letzte Haute-Couture-Kollektion.

Am Tag seines Todes: Angestellte beraten sich am Montag in einer Valentino-Boutique in Rom.
Am Tag seines Todes: Angestellte beraten sich am Montag in einer Valentino-Boutique in Rom.Reuters

Sein Name aber bleibt. In einer Zeit, in der das große Publikum junge Top-Designer wie Matthieu Blazy oder Jonathan Anderson gar nicht mehr buchstabieren kann, hält man sich gerne an den großen Glanz von gestern. Ganz Rom wird daher in dieser Woche Trauer tragen.

Am Mittwoch und Donnerstag wird er von 11 bis 18 Uhr im Haus seiner Stiftung an der Piazza Mignanelli aufgebahrt. Die Trauerfeier findet am Freitag um 11 Uhr in Santa Maria degli Angeli e dei Martiri an der Piazza della Repubblica statt. Es wäre nicht Italien, wenn die Schlangen der Trauernden nicht so lang wären wie beim Abschied von Giorgio Armani in Mailand vor einem halben Jahr.