

Die Empörung über den Erpressungsversuch Trumps zur Erlangung Grönlands ist mehr als berechtigt, das Kopfschütteln über die unfassbare politische Dummheit, der er entspringt, ist es nicht weniger. Zum Glück besteht in Europa weitgehend Einigkeit darüber, dass man auch und gerade dem formell Verbündeten in Washington nicht durchgehen lassen kann, was Moskau verweigert werden muss: sich fremde Gebiete anzueignen unter Anwendung militärischer Gewalt oder der Androhung derselben.
Auch schon Trumps ökonomischen Gewaltmaßnahmen, den Strafzöllen, will die EU sich nicht beugen, sondern sie ihm notfalls mit gleicher Münze heimzahlen. Man hofft, dass er nachgibt, wenn er erstmals ernsten Widerstand aus Europa spürt, der Amerika und damit Trumps Wählern wirtschaftlich schadet. Die schmerzhaften Folgen eines Zollkriegs bekämen aber auch die Europäer zu spüren, in ohnehin schon schwierigen Zeiten.
Trump nur zu schmeicheln genügt nicht mehr
Daher sollten tatsächlich alle Gesprächskanäle nach Washington genutzt werden, um die Eskalation dieser Krise abzuwenden, die die NATO bereits schwer beschädigt hat. In Davos können die europäischen Regierungschefs Trump selbst ins Gebet nehmen. Es wird nicht genügen, ihm wieder nur bis zur Selbsterniedrigung Honig um den Bart zu schmieren.
Das Problem dabei ist jedoch, dass Trump nicht nur mit Zöllen drohen kann, sondern auch mit dem Entzug der restlichen, aber kriegswichtigen Unterstützung für Kiew, um dann die Frage zu stellen: Was ist euch wichtiger, die Ukraine oder Grönland? Ihm ist auch zuzutrauen, dass er mit dem Abzug seiner Truppen aus Europa droht oder eines Nachts postet, die erweiterte nukleare Abschreckung gelte nicht mehr für bestimmte unbotmäßige Länder.
Trump nutzt die Abhängigkeiten, Schwächen und Streitereien Europas so skrupellos aus wie Putin. Ihnen und ihren Nachfolgern können die Europäer nur mit Geschlossenheit, Wirtschaftskraft und militärischer Macht Paroli bieten, was das auch erfordert und kosten mag. Sonst bleibt Europa auf ewig erpressbar.
