Dann lief Sadio Mané los, er hatte offensichtlich genug. Die Anzeigetafel des Prince Moulay Abdellah Stadium in Rabat zeigte gerade die 110. Minute der regulären Spielzeit an, allein das war schon Zeugnis der Besonderheiten in den Minuten zuvor. Tumulte hatte es gegeben, auf dem Feld, auf den Zuschauerrängen, wo die senegalesischen Anhänger Sitzschalen warfen und versuchten aus ihrem Block auszubrechen. Beruhigt hatte sich die Lage noch nicht, zumindest aber schien es, als könnte das Spiel nun ohne Sicherheitsbedenken fortgesetzt werden. Dieses Finale des Afrika Cup of Nations, es lag nun in den Händen von Mané, der sich auf den Weg in die Kabine Senegals machte. Er musste seine Mannschaft zurück auf das Feld holen. „Es wäre traurig und bedauerlich gewesen, ein Finale so enden zu sehen. Es ist unmöglich, der Welt ein solches Bild zu vermitteln“, sagte der frühere Münchner über diese Szenen. Er hätte „lieber verloren, als so ein Ende zu erleben. Das hat mich bewegt, den Jungs zu sagen, sie sollen zurückkehren und unseren Fußball spielen.“
In einer beispiellosen Aktion waren die Senegalesen zuvor unter Protest vom Feld geflüchtet, nachdem ihnen in ihrer Wahrnehmung der Turniersieg gestohlen worden war. Gleich zweimal. Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo hatte erst (in der zweiten Minute der Nachspielzeit) einen Treffer Senegals nicht gegeben, weil diesem ein fragwürdiges Foul vorangegangen war. Der VAR konnte sich allerdings nicht einschalten, Ndala Ngambo hatte schon gepfiffen, bevor der Ball im Tor landete. Dafür meldete sich der Videoschiedsrichter wenige Minuten später: Diesmal, in der sechsten Minute der Nachspielzeit, wurde ein Zupfen am Trikot des Marokkaners Brahim Díaz als Foul geahndet – und der Schiedsrichter aus Kongo entschied nach Ansicht der Bilder auf Strafstoß.

:Favoritenleben statt Favoritensterben
Der Afrika-Cup ist vor dem Halbfinale ein Turnier ohne große Überraschungen. Gernot Rohr, Trainer des unterlegenen Benin, argwöhnt: Das liege nicht nur an der Qualität der großen Teams.
Eine Debatte hätte man über diese Entscheidung führen können, den folgenden protestierenden Aufstand Senegals rechtfertigte sie jedoch nicht, er wird als extreme Maßnahme in Erinnerung bleiben, die die Geschehnisse verzerrte und einen fairen Ablauf verhinderte. Ndala Ngambo nämlich entglitt durch den Abschied der Senegalesen in die Kabine die Kontrolle vollends, Spieler beschimpften ihn, der Ärger übertrug sich auf die Tribüne. Trainer Pape Thiaw war entscheidend beteiligt, er schickte seine Mannschaft in die Kabine. Und erst als Mané Minuten später den Ernst der Lage erkannte und losrannte, um seine Kollegen zurückzuholen, konnte das Spiel fortgesetzt werden. Marokkos Trainer Walid Regragui beschwerte sich hinterher bitterlich: „Wie der afrikanische Fußball sich präsentiert hat, war eher beschämend. Ein Spiel mehr als zehn Minuten lang unterbrechen zu müssen, während die ganze Welt zuschaut, ist nicht sehr stilvoll“, sagte er.
Allein: Der Irrsinn war damit noch lange nicht zu Ende.
14 Minuten nach dem Elfmeterpfiff drückte Youssef En-Nesyri seinem Mitspieler Díaz den goldenen Finalball in die Hand, der Marokko zum ersten Titel seit 1976 bringen sollte. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid sollte den entscheidenden Treffer erzielen, doch er entschied sich im vielleicht bedeutendsten Moment seiner Laufbahn gegen das Gewöhnliche, gegen einen normalen Schuss. Sein Elfmeter, ein Lupfer in die Tormitte, ein schlecht ausgeführter Panenka, eine gescheiterte Hommage an Zinédine Zidane im WM-Finale von 2006, er wurde zur Peinlichkeit. Senegals Torhüter Edouard Mendy blieb stehen, fing den Ball auf, zeigte in den Himmel, aus dem es gerade zu regnen begonnen hatte, als ob es noch mehr Dramatik gebraucht hätte. Und dieses bemerkenswert wahnwitzige Finale, es setzte sich fort.
Wild geht es zu in diesem Finale und irgendwann trifft Senegals Pape Gueye
Wieder also sollten sich Marokko und Senegal mit denselben Mitteln wie zuvor bekämpfen. Ein intensiver Schlagabtausch war dieses Spiel von Anfang an gewesen, taktisch und spielerisch unterstrich es das gestiegene Niveau des gesamten Turniers. Wild ging es schon vor den Ereignissen der Nachspielzeit zu, die keine Entscheidung gebracht hatte. Die kam in der Verlängerung.
In der 94. Spielminute lief da einmal mehr Sadio Mané los. Der 33-Jährige wirkte inzwischen sichtbar angeschlagen und ermüdet, aber eine Situation im Mittelfeld erkannte er meisterhaft: Dem Marokkaner Neil El Aynaoui stahl er den Ball vom Fuß, dribbelte kurz und leitete dann den Gegenangriff ein. Villarreals Pape Gueye wurde kurz darauf angespielt, gelangte an den Rand des Strafraums, verlor sich fast zwischen den marokkanischen Beinen und schoss doch noch, im Fallen: Traumhaft schlug sein Schuss im rechten oberen Eck ein, zum 1:0, das bleiben sollte.
Als Endergebnis in einem Finalspiel, dessen Kuriosität selbst unter den in der Historie schon häufig besonderen Afrika-Cup-Finals herausragen wird. Und mit extremen Bildern endete. Mit Aufnahmen der entsetzten Anhänger Marokkos im Stadion und eines untröstlichen Brahim Díaz, der von Fifa-Präsident Gianni Infantino die Auszeichnung als bester Torschütze des Turniers erhielt. So tragisch verloren wie einst Zidane, der 2006 ebenfalls eine Einzelauszeichnung erhalten, aber den WM-Titel verloren hatte, wirkte er inmitten seiner trauernden Landsleute.
Auf der anderen Seite zelebrierten die Senegalesen ihren Nationalhelden Mané, den größten Fußballer des Landes, der in Rabat durch sein angekündigtes Karriereende nach der WM 2026 seine letzte Partie bei einem Afrika-Cup bestritt. Sie wurde unter widrigen Umständen zur Krönungsmesse eines Spielers, der mit einem seiner Sprints entscheidend dazu beitrug, dass dieses Finale überhaupt ein Ende finden konnte.
