In Ruhpolding ticken die Tickets anders. Die VIP-Eintrittskarte etwa ermächtigt den Halter im Biathlonstadion zwar zum Konsum von Speisen und Getränken, sie hat aber einen Beigeschmack: Die VIPs warten in Ruhpolding meist länger auf den Bus als das sogenannte einfache Fußvolk. Der VIP-Busfahrer hat dafür einen speziell ausgeprägten Humor. „Bei Fragen wenden Sie sich gerne an mich, ich werde die meisten zwar nicht beantworten können, aber vielleicht fühlen Sie sich dann besser.“
Wem die schicke, von prominenten Nebenfiguren geprägte Wintersportwelt im nahegelegenen Kitzbühel missfällt, dem sei der Gegenentwurf empfohlen: Ruhpolding im Chiemgau, wo die Kuhmistschaufeln neben Schneeschippen an den Hausmauern stehen und wo statt Champagner Klopferschnäpse ein Milieu erzeugen, in dem sich alles zwischen Après-Ski-Hütten mischt, Trainer, Athleten, Fans – und VIPs. Spätestens im sogenannten Championspark, der Ruhpoldinger Wintervariante des Oktoberfests, sind alle gleich.

:Das Rätsel um die Höhenmaske
Woran starb der Biathlet Sivert Bakken, der zum Todeszeitpunkt ein Gerät auf dem Gesicht trug, das spezielle Bedingungen simuliert? Nachforschungen beim Weltcup in Ruhpolding.
Die Siegerzeremonie sagt nicht alles über Ruhpolding, aber vieles. Protagonisten sind nicht nur jene, die dann Medaillen überreicht bekommen. Mehr sind es eigentlich die lokalen Vereine, denen der Ausschank vor der Bühne im besagten Championspark obliegt und gutes Geld in die Kassen spült, auch dank einer listigen Pfandmarkenstrategie – mit den Abendstunden verschwinden die Marken verlässlich dahin. Und ehe am Samstagabend das Finale im Almstadl, in der Fritzn Alm und in der Strafrunde eingeläutet wurde, wo sich die Menschen am Eingang drängten, als gäbe es Freibier (gab es nicht), ehrten die Ruhpoldinger die Sieger des samstäglichen Sprintrennens der Männer. Sieger Sebastian Samuelsson aus Schweden trat auf die Bühne, der Zweite Tommaso Giacomel aus Italien und Isak Frey aus Norwegen als Dritter gesellten sich hinzu. Bühnensprecher Geri Egger holte noch einen Einzelapplaus für David Zobel beim Publikum ein, der 29-Jährige hatte im Sprintrennen als bester deutscher Skijäger Rang neun belegt und die Olympianorm erfüllt.
Sportlich werden diese Tage im Miesenbacher Tal als kleineres Kapitel der deutschen Biathlongeschichte hinterlegt bleiben. Die Ruhpoldingerin Franziska Preuß zeigte sich bei ihren Heimwettkämpfen nach Problemen in der Staffel samt Strafrunde (ohne Schnaps) deutlich formverbessert. Die 31-Jährige verpasste am Freitag als Tagesfünfte im Sprint um fünf Sekunden das Podest der besten drei, ehe sie am Sonntag im Verfolgungsrennen als Siebte ins Ziel kam. Preuß’ Teamkollegin Selina Grotian, die krankheitsbedingt einen Großteil der bisherigen Biathlonsaison verpasst hat, gelang mit Rang 15 und 13 knapp drei Wochen vor Beginn der Winterspiele in Antholz noch die Olympianorm. Den einzigen deutschen Podestplatz verzeichnete das Staffelteam der Männer in Ruhpolding, Rang drei wurde es bei der Generalprobe für die Spiele. Im abschließenden Jagdrennen am Sonntag siegte der Norweger Johannes Dale-Skjevdal vor Eric Perrot aus Frankreich und dem Schweden Martin Ponsiluoma. Lokalmatador Philipp Nawrath kam mit 17,7 Sekunden Rückstand als Zehnter ins Ziel. Er hätte das Rennen wohl gewonnen, wäre er nicht einmal zu viel in die Strafrunde eingebogen, wie so viele dieser Tage.
Es gab Jahre, da bewegte sich das deutsche Biathlonteam beschwingt über die Ruhpoldinger Loipe, fast schwebten die Skijäger einst durch die Arena, als hätten sie die Produktionsschleife der Ruhpoldinger Windbeutelgräfin durchlaufen. Vor 30 Jahren etwa, als 50 000 Zuschauer zur Weltmeisterschaft nach Ruhpolding kamen und dabei zusahen, wie Uschi Disl, Simone Greiner-Petter-Memm, Katrin Apel und Petra Behle Staffelgold gewannen. Das Männerquartett mit Ricco Groß, Peter Sendel, Frank Luck und Sven Fischer holte damals Silber. Und 2026, im Olympiajahr? Scheinen die deutschen Biathleten ähnlich weit entfernt wie „Ruapading“ von „Kitz“.
Wobei es beim Biathlon ähnlich wie bei diversen Ski-alpin-Weltcups stets mehr um die Nebengeräusche des Schießstands und Skistadions geht. In Kitzbühel, wo kommende Woche die Alpinrennläufer antreten, tummelt sich Prominenz von internationalem Rang um Arnold Schwarzenegger, Heidi Klum und Weißwursttöpfe, die VIPs dort sind zwar nicht wichtiger als andere, aber zugegebenermaßen prominenter. Im Ruhpoldinger Stadion samt Championspark ist die prominenteste und lauteste Figur stets Karlheinz Kas: Der wortgewaltige Stadionsprecher empfängt alljährlich junge Menschen mit Behinderung in seiner Reporterkabine; und am Abend im Championspark erfreut er den Turnverein oder den Leichtathletikklub, in dem er den weniger prominenten Gästen fortlaufend wärmende Getränke spendiert.
Fast anachronistisch wirkt Ruhpolding dieser Tage, wo so viel Schnee liegt wie zu Zeiten, als Klimawandel noch ein Fremdwort war. Aber eben nur fast, weil sogar in oberbayerischen Alpenregionen Veränderungen möglich sind. Der Nachhaltigkeit zuliebe durften die Zuschauer erstmals kostenlos ab München mit der Bahn nach Ruhpolding anreisen. Bisher war dies nur ab der Zwischenstation Traunstein möglich. Von dort geht es dann – ob mit oder ohne VIP-Ticket – über die „Bedarfshaltestelle“ Bibelöd nach Ruhpolding.
