
Die Schlagzeile in der Los Angeles Times vor ein paar Tagen: „Machen Sie sich auf mehr Kojoten in Ihrer Wohngegend gefasst“. Das klang so, als müsse man sich auf ein bisschen mehr Regen einstellen oder darauf, dass der Müll in dieser Woche schon am Mittwoch abgeholt werde. Aber Moment: Kojote? Das Raubtier, das eine Klapperschlange erlegt, indem es seine Beute am Kopf packt und schüttelt? Sollte man da nicht eher alarmiert sein? Immerhin heißt es, Menschen müssen sich keine allzu große Sorgen machen: Sie gehören nicht zum Beuteschema von Kojoten. Auf Haustiere wie Hunde dagegen müsse man besonders aufpassen: Die könnten angegriffen werden, bei Spaziergängen durch Parks und Alleen zum Beispiel. Dort seien Begegnungen mit Kojoten gerade zu Jahresbeginn sehr wahrscheinlich.
Die Kalifornier sind sehr stolz darauf, wie sie in Einklang mit der Natur und ihren Geschöpfen leben. Gerade in Los Angeles, das in den 1990ern noch ein berüchtigter, von Autosmog verpesteter Großstadt-dschungel war. Seither hat sich vieles zum Guten verändert, mittlerweile betrachtet die Stadt sich als ganz besonders naturverbunden. Da wäre zum Beispiel die alte Bahnstrecke zwischen der Metropole und der Strandstadt Redondo Beach, die heutzutage über weite Strecken eine Spazierallee ist. In manchen Abschnitten mit zersetztem Granit als Untergrund für Rollstuhlfahrer, anderenorts sind es Holzspäne. „Green Belt“ („grüner Gürtel“) nennen die Menschen in Los Angeles die Spazier-Oase – die eben auch ein wunderbarer Wanderweg für Kojoten ist.
Zu Jahresbeginn sind die männlichen Exemplare unterwegs, es beginnt gerade die Paarungszeit. Sie legen ordentliche Strecken zurück, damit sie ihre Gene möglichst breit streuen. Die Vororte in Südkalifornien finden sie besonders toll, aus mehreren Gründen. In Mülltonnen, gerade in der Nähe von Parks, finden sie nach Geburtstagspartys Futter im Übermaß. In den Parks und den Grüngürteln sind sie geschützt vor natürlichen Feinden – und vor Autos, weil dort keine fahren. Bis Ende des Jahres soll es ihnen sogar möglich sein, gefahrlos eine Autobahn zu überqueren: Über die zehn Fahrspuren des legendären 101 Freeway wird gerade eine Brücke für Wildtiere gebaut. Kojoten, Berglöwen, Schwarzbären sollen sie unter anderem nutzen können.
Kojoten gibt es in Kalifornien schon länger als Menschen
Seit 40 000 Jahren gibt es Kojoten in Kalifornien, sie waren lange vor den ersten Menschen da. In den La Brea Tar Pits im Zentrum von LA werden Skelette von Tieren ausgegraben, die dort im Pleistozän in Gruben voller natürlichem Asphalt fielen und extrem gut konserviert wurden. Die am dritthäufigsten dort gefundene Spezies (nach Urzeitwolf und Säbelzahntiger): der Kojote. Dessen Rückkehr in die Vororte der Stadt werten Experten als die sichtbarste Verbindung zwischen damals und heute. Mittlerweile gibt es Kojoten in ganz Nordamerika außer dem Nordosten Kanadas; mit die größte Populationsdichte herrscht laut Daten der University of California in den Vororten Südkaliforniens.
Dort wird den Leuten derzeit deshalb mitgeteilt, dass sie sich auf Begegnungen mit Kojoten einstellen sollen. Der Mensch müsse sich anpassen, das Tier sei zuerst da gewesen. Also: Müllsäcke verschließen sowie Mülleimer und Vogelhäuser nachts reinstellen. Hunde nicht von der Leine lassen. Und: Kojoten nicht füttern. Bis Ende März dauert die Paarungszeit, ihren Höhepunkt erreicht sie rund um den 14. Februar. Valentinstag. Der gilt offenbar auch für die Kojoten von Los Angeles.
