

Um 18.30 Uhr reiht sich im Discounter eine Familie mit quengelnden Kindern an der Kasse ein. Ein junges Paar legt einen Sack Kartoffeln aufs Band, die Knollen sind gerade im Angebot. Dahinter Männer – mal im feinen Wollmantel, mal in verschlissenen Arbeitsjacken. Eine junge Frau platziert drei Dosen Mais und irgendetwas aus dem Backshop auf dem Band. Beep. 3,56 Euro. Ein Elternpaar mit zwei Kindern hat den Wagen voll: ein Sechserpack Wasser, ein Salatkopf, sechs Pizzen, Fleisch und noch mehr Essen und Getränke. Beep. Knapp 75 Euro. Beim Mann an der anderen Kasse sind es schon mehr als 65 Euro, der Wagen ist nur zur Hälfte gefüllt.
Viele Kunden gehen heute wohl mit dem gleichen Gefühl aus dem Laden: Es ist alles wahnsinnig teuer geworden.
Dabei hat sich auf den ersten Blick die Preisdynamik sogar zuletzt beruhigt. Im November 2025 lag die Gesamtinflation bei 2,3 Prozent, die Lebensmittelpreise lediglich bei 1,2 Prozent über dem Vorjahresmonat; so niedrig wie zuletzt Anfang 2025. Auf den zweiten Blick bleibt die Belastung aber weiter hoch: Zwischen Dezember 2019 und November 2025 kletterten die Lebensmittelpreise um 37,9 Prozent. Das günstige Niveau vor der Pandemie liegt weit entfernt.
Preise schlagen auf die Stimmung
Zum Leidwesen vieler Kunden, denn die Teuerungen schlagen sich auch in der Stimmung nieder. Das zeigt eine aktuelle Forsa-Befragung im Auftrag der Verbraucherzentralen: 58 Prozent machen sich Sorgen um die steigenden Lebenshaltungskosten und die finanzielle Situation ihres Haushalts. Das größte Thema sind für die Mehrheit die Preise im Lebensmittelregal. So geben gut zwei Drittel der Befragten in der repräsentativen Umfrage an, dass sie die Preissteigerungen bei den Lebensmitteln am meisten zu spüren bekommen. Zum Vergleich: Energiekosten, etwa fürs Heizen, nannten nur 16 Prozent der Menschen, bei der Mobilität (Fahrkarten und Tanken) sind es sogar gerade einmal vier Prozent.
In einer weiteren Umfrage von Forsa und der Verbraucherzentrale sagt knapp die Hälfte, dass sie sich aufgrund der gestiegenen Lebensmittelpreise beim Einkauf im Supermarkt und Discounter einschränken müsse. Lebensmittelpreise sind für viele Menschen zur Alltagssorge geworden.
Dabei war gerade das für die Bundesrepublik lange undenkbar. Schließlich galt Deutschland viele Jahrzehnte als eines der Industrieländer mit den günstigsten Lebensmitteln. Mancher Nachbar aus Belgien oder Luxemburg kam eigens zum preiswerten Einkauf über die deutsche Grenze.
Heute dominieren vier Handelsunternehmen den Markt
Dass Deutschland so lange so günstig war, hat eine Vorgeschichte. Der Grundstein dafür wurde in den Sechzigerjahren gelegt, als die Albrecht-Brüder mit der Gründung von Aldi das Discount-Prinzip groß machten: Wenige Produkte im Sortiment, dafür niedrige Preise – das war die Devise. Diese Idee revolutionierte den deutschen Einzelhandel und prägt ihn bis heute, auch wenn die Discounter längst mit Bio und pflanzlichen Produkten nicht nur das Sortiment, sondern auch ihre Zielgruppe erweitert haben. Im Discounter kauft heute jede Einkommensschicht ein.
Nur vier Handelsgruppen dominieren den Lebensmittelmarkt: der Discounter Aldi, die Schwarzgruppe, zu der Kaufland und der Discounter Lidl gehören, sowie die Supermarktketten Rewe und Edeka mit ihren Discountern Penny und Netto. Sie teilen den Großteil des Marktes unter sich auf. In der Wirtschaftstheorie nennt man das ein klassisches Oligopol.
Bequem machten es sich die Anbieter darin aber nicht, im Gegenteil: Lange Zeit lieferten sie sich einen erbitterten Preiskampf, was die Konzentration im Markt noch verstärkte. Das lässt sich auch an der Liste jener Unternehmen ablesen, die seit der sogenannten „Aldisierung“ aus dem Markt verschwunden sind: Plus, Real, Tengelmann – manche von ihnen wurden von den Großen aufgekauft, andere verschwanden ganz. Selbst der größte Einzelhändler der Welt, Walmart, musste sich 2006 den Discountern in Deutschland geschlagen geben. Zu schwierig war es, gegen die Billigheimer anzukommen.
Weniger Ware für das gleiche Geld
Für die Kunden hatte dieser erbitterte Kampf eine positive Konsequenz: eines der niedrigsten Preisniveaus Europas. Senkte Aldi den Preis für Kartoffeln auf einen Euro, dauerte es nicht lange, bis Lidl mit 99 Cent nachzog. „Die Discounter liefern sich eine Preisschlacht nach der anderen, Lebensmittel sind so geradezu lächerlich billig geworden“, schrieb eine große Wochenzeitung im Jahr 2010.
Lächerlich billig, das war einmal. Wer heute einkauft, bekommt deutlich weniger Waren als noch vor wenigen Jahren. Und das, obwohl die Marktstruktur im Kern bis heute gleich geblieben ist: Die gleichen Anbieter ringen weiterhin um die gleichen Kunden – und doch sind die Preise nicht mehr günstig. Das wirft die Frage auf: Wirkt der Wettbewerb im deutschen Lebensmittelhandel überhaupt noch als Preisdämpfer?
Passend zu diesen Fragen legte die Monopolkommission Ende 2025 ein viel beachtetes Sondergutachten vor. Ein Auslöser für dieses waren auch hier die stark gestiegenen Lebensmittelpreise. Die Kommission wollte unter anderem wissen, ob diese Preissteigerungen im Handel wirklich nur auf gestiegene Energie- und Rohstoffkosten zurückzuführen seien, wie die Supermärkte gerne behaupten.
Die Margen von Händlern und Herstellern steigen
Der Befund ist für Handel und Verbraucher unbequem: Die Marktmacht der Händler ist laut der Kommission zuletzt noch einmal gewachsen. Die vier großen Handelsunternehmen kontrollieren mittlerweile rund 85 Prozent des Marktes. Das macht es für neue Anbieter noch schwieriger, in ihn einzutreten.
Vor allem fällt der Kommission aber auf: Die Margen von Händlern und Herstellern steigen laut Gutachten seit über einem Jahrzehnt parallel zur zunehmenden Marktkonzentration. Gleichzeitig sind die Verbraucherpreise in Deutschland stärker gestiegen als in vielen anderen EU-Ländern. „Die Macht des Lebensmitteleinzelhandels und teilweise der Hersteller ist zulasten der Verbraucher deutlich gestiegen“, sagt Kommissionschef Tomaso Duso. Die hohe Marktkonzentration und steigende Preisaufschläge seien „besorgniserregend“.
Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn es gibt auch andere Lesarten. Das Thünen-Institut, eine staatliche Einrichtung für Agrarforschung, hat sich wie die Monopolkommission jahrelang mit den Lebensmittelpreisen im Supermarktregal beschäftigt und ein Preismonitoring veröffentlicht. „Die Analysen selbst kommen gar nicht zu so unterschiedlichen Ergebnissen, allerdings unterscheiden sich die Interpretationen“, sagt Anne Margarian vom Thünen-Institut, die für das Monitoring zuständig ist.
„Keine Sonderentwicklung der Ernährungswirtschaft“
So stimme es zwar, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland in den vergangenen Jahren stärker gestiegen sind als in anderen europäischen Ländern. Allerdings ignoriere dies das niedrige Ausgangsniveau. Auch sieht die Forschungseinrichtung zwar steigende Margen, jedoch im gesamten verarbeitenden Gewerbe. „Wir sehen hier also keine Sonderentwicklung der Ernährungswirtschaft, was bestätigt, dass es sich eher um eine Erholung als um einen Effekt zunehmender Marktmacht handelt.“
Nicht belegt in „den deskriptiven Ergebnissen des Berichts der Monopolkommission“ sei der „Missbrauch von Marktmacht durch Unternehmen der Ernährungswirtschaft“ oder des Handels. Das heiße natürlich nicht, dass der nicht vorkomme, sagt sie. Aber: Sie findet, dass die Ergebnisse der Monopolkommission in der öffentlichen Diskussion weiter ausgelegt worden seien, als es das Gutachten eigentlich hergibt.
Wenig überraschend ist: Wenn es nach den deutschen Lebensmittelhändlern geht, steht es um den Wettbewerb „ausgesprochen gut“, wie es vom Supermarkt Edeka auf F.A.S-Anfrage heißt. Denn im „intensiven Wettbewerb des deutschen Lebensmitteleinzelhandels“ könne es sich gar kein Unternehmen leisten, Margen zulasten der Kunden auszuweiten.
Es liegt auch an der Psychologie – und an der Mathematik
Konkurrent Lidl argumentiert mit den Preissenkungen, die im vergangenen Jahr stattfanden. Der Discounter habe „im Jahr 2025 massiv in sinkende Preise investiert und so sinkende Rohstoffkosten direkt an die Kunden weitergegeben“. Das sei zum Beispiel beim Butterpreis der Fall gewesen, der in dem Jahr insgesamt achtmal reduziert wurde. „Auch bei weiteren Artikeln des täglichen Grundbedarfs der Kunden wie Pasta, Lachs, Reis, Fruchtsäften, Molkereiartikeln und Backwaren haben wir die Preise 2025 deutlich gesenkt“, heißt es weiter.
Doch weshalb nehmen die Kunden solch einzelne Preissenkungen kaum wahr?
Das hat mit Psychologie zu tun und mit Mathematik. „Preise, die steigen, bleiben uns stärker im Gedächtnis als solche, die fallen“, sagt etwa Karsten Sandhop vom Statistischen Bundesamt. Viele vergleichen Preise nicht mit dem Vorjahr, sondern mit längeren Zeiträumen, zum Beispiel mit der Zeit vor der Corona-Pandemie – als die Preise eben deutlich niedriger waren.
Der zweite Punkt ist schlicht ein Warenkorbeffekt. Stephan Rüschen hat sich viel mit den Preiskämpfen der Händler beschäftigt. Rüschen hat selbst einmal im Lebensmittelhandel gearbeitet, heute ist er Professor an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. Wenn Supermärkte die Preise auf einige Artikel senken, mag das für das einzelne Produkt einen großen Unterschied machen, hat aber für den gesamten Warenkorb nur geringe Auswirkungen. „Die Verbraucher merken von einzelnen Preissenkungen sehr wenig.“
Daraus speist sich ein weiterer Vorwurf: Die Lebensmittelhändler hätten überall sehr ähnliche Preise. Rüschen kennt das. Zuletzt kam der Einwand von einem Zuschauer einer TV-Show, bei der Rüschen als Experte war. Seine Antwort: „Wieso fühlen Sie sich veräppelt? Das ist doch eigentlich eine positive Botschaft. Wenn ein Händler groß kommuniziert, dass er die Butter im Preis senkt, dann können Sie sicher sein, dass der andere Händler das am nächsten Tag auch getan hat.“ Das sei gerade ein Zeichen für besonders gut funktionierenden Wettbewerb.
Für den Moment hilft das den Menschen an der Kasse wenig. „Ganz schön teuer.“ Die Kassiererin erwidert nur: „Haben Sie die Lidl-App?“ Es hilft nichts, auch mit der Kunden-App sind es nur 14 Cent weniger für einen Karton Milch. Der Preis bleibt hoch.
