Tirol ist wunderschön. Raue Berge, kristallklare Seen, verträumte Wiesen. Oder, wie Schlagerlegende und Tirol-Ureinwohner DJ Ötzi es formulierte: „De Berg so hoch und tiaf es Tal.“ Mit dem Song „Tirol“ von 2013 hat der Kinnbart-und-Beanie-Träger seiner Heimat eine Hymne in feinster Mundart gewidmet. Und es geht um so viel mehr: die vergebliche Suche nach ländlicher Herzlichkeit in der Großstadt, die Sehnsucht nach der Heimat, Verletzlichkeit und Hoffnung.
Worum es nicht geht: merkwürdige Hohlerde-Theorien. Trotzdem tauchen seit einiger Zeit immer mehr Tiktok- und Instagram-Posts mit dem in die Jahre gekommenen Song im Hintergrund auf, und unter Skiurlauber und heimatverbundene Tiroler als Absender mischen sich überraschend viele Spinner der besonderen Art. Sie posten KI-generierte Bilder, Illustrationen von blonden, blauäugigen, Legolas-ähnlichen Typen und schlechte Fotocollagen von weißen Monster-Energydrinkdosen. Und immer wieder steht da irgendwo geschrieben: Agartha.
Aga-was?
Ähnlich wie Atlantis gilt Agartha als ein fiktiver, mysteriöser Ort, in diesem Fall soll er sich im Inneren der Erde verstecken. Wo genau der angebliche Eingang liegt, weiß natürlich niemand, vermutlich irgendwo im Himalaja. An diesem Ort soll es eine Art überlegene Zivilisation geben, ein kulturell, wissenschaftlich und gesellschaftlich hoch entwickeltes Königreich, das nur Auserwählte finden und betreten können. Die ersten Erwähnungen werden französischen Okkultisten und Autoren Ende des 19. Jahrhunderts zugeschrieben, die ihre Informationen wahlweise aus jahrtausendealten indischen Schriften, mongolischen Sagen oder übernatürlichen Eingebungen bezogen haben wollen, Quelle: Vertrau mir, Bruder. Sogar die Nationalsozialisten suchten in den 1930er-Jahren bei Expeditionen in Tibet neben kälteresistenten Getreidesorten nach Hinweisen auf arische Zivilisationen.
Dabei ist man sich nicht mal bei der Schreibweise einig: Heißt es jetzt Agartha oder Agharta oder Aghartta oder Agharti? Auch popkulturell wurde der Mythos verarbeitet, etwa 1975 in der ARD-Mystery-Serie „Sie kommen aus Agarthi“ oder dem japanischen Animationsfilm „Die Reise nach Agartha“ von 2011.

Was genau hat DJ Ötzi jetzt aber mit der ganzen Nummer zu tun? Nun, gesungen wird seine Bob-Ross-ige Beschreibung der Tiroler Alpenlandschaft auf den eingängigen Reggae-Rock-Beat von „Down Under“ der australischen Band Men at Work von 1981. Eigentlich passend, beschreibt das Original doch ebenfalls die Identifikation mit dem Heimatland, nur eben Australien, down under, und nicht Tirol, up high. Genau die Verknüpfung mit „Down Under“ dürfte ein Grund für das plötzlich wieder steigende Interesse am Song von DJ Ötzi sein. Denn „Down Under“ ist nicht nur ein australischer Kultsong, er hat sich auch zur inoffiziellen Hymne der Agartha-Verschwörungsgruppe gemausert. Und die liebt nun eben auch DJ Ötzis Version.
Natürlich glauben längst nicht alle Agartha-Kommentatoren, dass es diesen Ort tatsächlich gibt, es dürfte ganz im Gegenteil eher ein Bruchteil sein. Agartha ist eine Hülle für klassisches Shitposting: Es werden mit Absicht sinnlose, absurde Inhalte geteilt; der Dadaismus des Internets. Oft sind solche Posts mit einer aggressiven Stimmung versehen: übersteuerte Musik, grelle Farben, überladene, pixelige Bildcollagen. Das an sich, könnte man sagen, ist eben das Internet. Die Idee, dass man eine Dose des weißen Monster-Energydrinks trinken muss, um den geheimen Ort betreten zu dürfen, klingt verrückt, aber nicht gefährlich. Allerdings mischen sich unter die klassischen Internettrolle auch Rechtsextreme. Überlappungen dieser zwei Gruppen sind keine Seltenheit, die Grenzen zwischen Satire und Ernst oft unklar. Dass es zufällig blonde Menschen mit blauen Augen sind, die Agartha bevölkern, und auch nur Menschen dieses Phänotyps Zugang gewährt werden soll, klingt dann eben doch nach Rassenideologie.
Man könnte sich als Künstler auch von so einer Instrumentalisierung abgrenzen
Wer durch die mit „Tirol“ unterlegten Videos scrollt, findet zwischen Tanzvideos im Schnee und Bergpanoramen auch Nazisymbole und knallharte Holocaustleugnung. Immer wieder taucht in den Bildern oder Kommentaren die Zahl 271 auf – stellvertretend für die antisemitische Lüge, beim Holocaust seien nicht sechs Millionen Juden systematisch ermordet worden, sondern „nur“ 271 000. Noch ekliger ist die darauf oft zu lesende Antwort „not enough“. Dass solche Aussagen sich im strafrechtlich relevanten Bereich bewegen, scheint Tiktok nicht zu interessieren – entweder die Plattform hat die Löschversuche aufgrund der schieren Menge an neuen Inhalten aufgegeben oder es gar nicht erst probiert.
Natürlich ist DJ Ötzi nicht verantwortlich für das, was andere Menschen aus seiner Musik machen. Zwar protestierte Ariana Grande gegen die Vereinnahmung ihrer Musik durch die Trump-Administration, Herbert Grönemeyer verbot Politikern, seine Songs für Kampagnen zu verwenden. Doch der Fall „Tirol“ ist ein wenig anders gelagert. Hier geht es eben nicht um einzelne, virale Videos von prominenten Persönlichkeiten, gegen die man als Künstler geordnet vorgehen könnte. Mit einem Klick ist ein KI-Meme erzeugt, mit einem weiteren Klick ist der entsprechende Song hinterlegt. Oder einfach nur ein entsprechender Kommentar unter einem Video getippt. Alle „Tirol“-Videos zu finden und zu prüfen, kann nicht die Aufgabe des Künstlers sein.
Was er natürlich dennoch tun kann: sich von der Instrumentalisierung der eigenen Kunst abgrenzen. Gern hätte man DJ Ötzi deshalb zu seiner neuen Zuhörerschaft befragt, erfahren, ob er die Memes gesehen hat und was er darüber denkt. Doch das Management des Musikers lässt mitteilen, aus Termingründen könne man leider nichts zu dem Thema sagen.
