

Nicht nur in Frankfurt, Berlin und München ist der Matcha-Latte mit seiner grellgrünen Farbe und seinen viel beworbenen gesundheitlichen Vorteilen im Vergleich zu Kaffee in den vergangenen Jahren zum In-Getränk geworden. In Metropolen rund um die Welt erlebt das Teepulver, für das Influencer sich unzählige Darreichungsformen von Kuchen über Pudding bis hin zu Cocktails ausgedacht haben, einen beachtlichen Aufschwung. In Japan, dem Herkunftsland des grünen Teepulvers, sorgt das für Stress bei den Produzenten, die kaum noch mit der Nachfrage mithalten können – und für glänzende Geschäfte.
Preise für Teeblätter ziehen kräftig an
Allein in den ersten zehn Monaten des Jahres haben die japanischen Grüntee-Produzenten so viel exportiert wie zuletzt vor mehr als 70 Jahren, wie aus neuen Regierungszahlen hervorgeht. Vor allem wegen der rasant gestiegenen Nachfrage nach Matcha in aller Welt sind die Ausfuhren zwischen Januar und Oktober gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 44 Prozent auf nun 10.084 Tonnen gestiegen. Zudem hilft der sehr günstige Yen gegenüber dem Dollar und dem Euro den Exporteuren am Weltmarkt. Deutschland ist nach den Vereinigten Staaten der zweitwichtigste Auslandsmarkt.
Schon neun Jahre in Folge steigen die Exporte von Grüntee aus Japan, wie die Statistiker hervorheben. Sie begründen das mit dem allgemein gestiegenen Bewusstsein für gesunde Lebensmittel. Die wachsende Nachfrage hat die Teepreise zuletzt kräftig anziehen lassen. Zwischen Oktober und November geerntete Blätter, die typischerweise für abgefüllte Teegetränke verwendet würden, erzielten derzeit Marktpreise von mehr als 2500 Yen (14 Euro) pro Kilogramm. Das sei das Sechsfache des Vorjahreswerts, schreibt die japanische Nachrichtenagentur Kyodo News und beruft sich auf eine landwirtschaftliche Genossenschaft aus der südwestlichen Präfektur Kagoshima, dem wichtigsten Produzenten von Teeblättern des Landes.
Mehrere Trocknungsprozesse bei Tencha-Blättern nötig
Die Preise für Tencha, das Grundprodukt, aus dem Matcha gemacht wird, liegen zum Teil noch deutlich höher. Nach Angaben des amerikanischen Matcha-Importeurs Ooika zahlten Händler auf einer Auktion im Juni in Kyoto dafür im Durchschnitt 8235 Yen je Kilogramm. Hintergrund sei, dass ein vergleichsweise kühler Frühling und der sehr heiße Sommer die Ernte hätten schrumpfen lassen, während der weltweite Matcha-Durst weiterhin wachse.
Um mit der steigenden Nachfrage nach dem grünen Pulver mithalten zu können, müssen viele Teebauer und -produzenten ihre Betriebe komplett umstellen. Denn Tencha wird ganz anders hergestellt als herkömmlicher Grüntee zum Aufbrühen, Sencha. Um dem Tencha seinen typisch grasigen Geschmack zu verleihen, müssen die Teepflanzen in den Wochen vor der Ernte mit Planen überzogen und vor der Sonne geschützt werden. Bei Sencha werden die Blätter nach der Ernte gedämpft, gerollt und anschließend getrocknet. Tencha-Blätter hingegen durchlaufen mehrere Trocknungsprozesse, bevor sie zu Matcha-Pulver vermahlen werden. Nach Daten des Verbands japanischer Teeproduzenten ernteten die Mitglieder im Jahr 2023 insgesamt 4176 Tonnen Tencha, was mehr als doppelt so viel war wie zehn Jahre zuvor.
„Es ist, als würde man völlig unterschiedliche Agrarprodukte anbauen“, sagte Naoyuki Hashimoto, der die Firma Maruyama Tea Products in der Präfektur Shizuoka leitet, kürzlich der Zeitung „Nikkei“. Die Umstellung führe zu Engpässen in vielen Teilen der Industrie. So nimmt etwa ein Hersteller von Mühlen für die Matcha-Produktion derzeit keine Aufträge mehr an. „Uns fehlen Artikel für jeden einzelnen Verarbeitungsschritt von Matcha“, sagt Hashimoto. Viele Teeproduzenten haben schon auf ihren Internetseiten den Hinweis vermerkt, dass sie keine neuen Bestellungen mehr annehmen.
Suche nach Produzenten außerhalb der Teeindustrie
Die Firma Ito En ist der größte Hersteller von Teegetränken in Japan und nach Coca-Cola Japan und den beiden Großkonzernen Suntory und Kirin die Nummer vier am Getränkemarkt. Im Mai richtete das Unternehmen eine Abteilung ein, die sich ausschließlich der Beschaffung von Matcha widmen soll. Um mit dem Mahlen der Blätter nachzukommen, hat Ito En kürzlich zwei weitere Hammermühlen in seinem Werk in Shizuoka installiert und damit die jährliche Produktionskapazität auf 630 Tonnen verdoppelt. Nach Angaben des Abteilungsleiters Yasutaka Yokomichi reicht aber auch das noch nicht aus. Er und seine Kollegen suchten derzeit nach Unternehmen außerhalb der Teeindustrie, etwa bei Mühlenbetrieben für Mehl, ob sie möglicherweise die Matcha-Verarbeitung übernehmen könnten.
Zuletzt lagen die Grüntee-Exporte aus Japan in den Fünfzigerjahren auf einem ähnlichen Niveau wie heute. Das bislang beste Exportjahr war 1954 mit 11.553 Tonnen Grüntee. In den Jahrzehnten danach wurde Tee aus China und anderen asiatischen Ländern beliebter. In den vergangenen Jahren sank auch die heimische Nachfrage in Japan, und die alternde Gesellschaft sorgt zudem dafür, dass es immer weniger Teebauern gibt. Das führte zu einem Schrumpfen der japanischen Teeproduktion. Im Jahr 2024 produzierte Japan rund 74.000 Tonnen Teeblätter, ein Rückgang um mehr als zehn Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Der Matcha-Boom könnte auch die Gesamtproduktion wieder beflügeln.
