Hat hier etwa ein Riese Mikado gespielt? Auf dem Hof der Emma-Kann-Grundschule im Frankfurter Europaviertel liegen dicke Holzbalken kreuz und quer. Was auf den ersten Blick wie zufällig wirkt, wurde mit Bedacht angeordnet und befestigt. An einigen Stellen sind die Balken mit großen Findlingen verschraubt.
Kurz vor Weihnachten wurde der neue Spielplatz endlich freigegeben. In der großen Pause klettern die Kinder über Balken und Steine, rutschen und hangeln an der Kletterwand. Es gibt auch einen Fußballplatz und einen Schulgarten. Und die Weitsprunggrube dient in der Pause als Sandkasten.
Die Schulleiterin Soo-Young Hirsch-Yun freut sich, dass das Außengelände ihrer Schule endlich fertig ist. „Die Kinder sind sehr begeistert, auch vom Mikado-Wald“, sagt sie und lobt die Stadt. Es habe zwar lange gedauert, bis die Schule und mit ihr auch der Spielplatz fertig waren, aber das Ergebnis sei gelungen. „Wir sind dankbar.“

Auf dem Schulhof kann sie kaum ein paar Schritte gehen, ohne aufgehalten zu werden. Ein Kind soll ein anderes gehänselt und beleidigt haben. Ein kleiner Junge ist gestürzt und muss getröstet werden. Das gehört dazu. Aber Hirsch-Yun hat auch beobachtet: „Die Kinder sind heute weniger geschickt und geübt.“
An den neuen Spielgeräten können sie ihre motorischen Fähigkeiten ausprobieren und verbessern. Im Mikado-Wald können viele Kinder gleichzeitig klettern, deshalb ist er an dieser Stelle genau richtig. Spielgeräte wie Schaukeln oder Wippen, die nur von wenigen Kindern auf einmal benutzt werden können, sind auf einem Schulhof fehl am Platz. Schließlich strömen in der Emma-Kann-Grundschule viele der 330 Schüler auf einmal in die Pause.
„Eine Vogelnestschaukel funktioniert bei hohem Spieldruck nicht“, sagt Markus Rathschlag. Stattdessen: Alles, was für eine große Gruppe geeignet ist, zur Bewegung anregt und den Gleichgewichtssinn, die Koordination und die Konzentration trainiert.

Rathschlag ist der Mann hinter den Spielelementen. Sein Familienunternehmen aus dem mittelhessischen Löhnberg ist aus einer 1890 gegründeten Zimmerei entstanden und stellt Spielgeräte her, vor allem aus Holz. Rathschlag hat beobachtet, wie sich die Spielplätze in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben, und weiß, was neue Trends sind und pädagogisch gefragt ist. Und welche Sicherheitsregeln zu beachten sind.
Das Unternehmen hat schon Hunderte Spielplätze mitgestaltet, auch in vielen Frankfurter Kitas und Schulen. Sein neuestes Projekt in Frankfurt ist der Spielplatz der Emma-Kann-Grundschule, in dessen Neubau auch noch eine Kita einziehen soll.
Den Wettbewerb für die Gestaltung des Außengeländes hat das Landschaftsarchitekturbüro LS² zwar schon vor neuneinhalb Jahren gewonnen. Weil sich der Bau der Schule aber mehrfach verzögert hat, ist das Ergebnis erst jetzt zu sehen. Am Spielplatz lag das nicht: Es dauert nur rund 20 Wochen, um so eine Spielanlage zu bauen.
Von einer bloßen Möblierung des Raums mit fertigen Spielgeräten halten die Landschaftsarchitekten von LS² aus Frankfurt und Darmstadt nichts. Sie haben eine Spiellandschaft mit vielen unterschiedlichen Elementen entworfen, die zum Spielen und zur Bewegung verführen sollen und in eine künstlich geschaffene Topographie eingebettet sind. Die Kinder sollen balancieren, hangeln, klettern, phantasievoll spielen, springen, hoch- und runterrennen können.
An der Kita gehört ein Wellensteg dazu, es gibt Liegenetze, Spielhütten und für die ganz Kleinen auch eine Bobby-Car-Strecke. Vor der Krippe stehen Spielwände für Krabbelkinder, die die Phantasie anregen, vor dem Kindergarten gibt es eine Wasserrinne aus Holz mit Pumpe, Sand und Podesten und ein Spielelement zum Klettern und Balancieren. Zu einem Spielturm führen Netze aus „Herkulestau“, das mit Stahl-Sehnen verstärkt wurde.

So entsteht ein Parcours. Für die Planer ist es eine Herausforderung, wenn Kinder unterschiedlicher Altersgruppen dasselbe Spielgelände nutzen: „Es ist schwierig, wenn Kinder unter und über drei Jahren auf einem Spielplatz sind, denn dann muss man Geräte entschärfen“, sagt Rathschlag. Sogenannte Einstiegsfilter sollen Krabbelkinder abhalten, sich an Spielgeräten zu erproben, die für sie noch zu gefährlich sind. Zum Beispiel wird darauf geachtet, dass die Sprossen vor einem Klettergerüst nicht zu niedrig angebracht sind.
Der Spielplatz vor der Grundschule ist durch einen Bretterzaun von der Zone der Kita getrennt. Von der Grundschulseite aus ist dieser Zaun „bespielbar“, hat kleine Vorsprünge und kurze Seile, die zum Klettern anregen. Wie schon vor der Kita ist auch hier alles aus Holz und Stein. „Das sind alles Unikate“, sagt Rathschlag.
Viele Elemente sind direkt auf der Baustelle entstanden. Der Grad der Vorfertigung ist gering. Denn genau das ist heutzutage vor allem gefragt: individuell geplante Spielplätze mit maßangefertigten Geräten und nicht Klettergerüste aus dem Katalog. „Bis 1990 waren Spielgeräte quadratisch, praktisch gut“, sagt Rathschlag. Deshalb ähnelten sich die Spielplätze dieser Zeit. Die Geräte waren austauschbar, aus einer Art Baukastensystem.

Nach der Wende veränderte eine besondere Holzart die Spielplätze: Die Robinie erhielt Einzug auf den Spielplätzen, denn diesen Baum kann man im Boden einbetonieren, ohne dass er fault. Der naturnahe Spielplatz war geboren. Dieser Ansatz wirkt bis heute fort. Auch Rathschlags Unternehmen ist dem Material Holz verbunden, am liebsten aus heimischer Produktion. „In der Kita ist Holz das Maß der Dinge. Wir versuchen, die Natur reinzuholen“, sagt er.
Immer wieder klappt Rathschlag beim Gang über den Spielplatz seinen Zollstock aus, misst hier nach, kontrolliert dort einen Abstand. In einem Beutel trägt er sogenannte Prüfkörper mit sich herum. Das sind Elemente aus Plastik, mit denen simuliert wird, ob ein Kinderkörper durch die Öffnungen passt oder sich verfangen kann. Mit einem Gerät, das dem Umfang eines Kopfes entspricht, prüft Rathschlag, ob ein Kind irgendwo stecken bleiben kann, wenn es abrutscht. Und an der Rutsche am Mikado-Wald untersucht er mithilfe eines Prüfkörpers, an dem eine Schnur befestigt ist, ob eine Anorak-Kordel am Turm hängen bleiben kann.
„Spiel ist ein Risiko“
Sollte es tatsächlich so eine „Fangstelle“ geben, muss sie entschärft werden. Denn bevor ein Spielplatz freigegeben wird, kommen die Spielplatzprüfer vom TÜV und kontrollieren, ob auch alles den Richtlinien zur Sicherheit der Kinder entspricht. Nervenkitzel ist erwünscht, aber er soll kalkulierbar sein.
„Spiel ist ein Risiko. Die Kinder dürfen sich verletzen“, sagt Rathschlag. Doch es geht darum, dieses Risiko möglichst gut zu beherrschen, ohne ernste Gefahr für Leib und Leben. Deswegen gibt es Regeln: Zum Beispiel darf man nicht aus mehr als 60 Zentimeter Höhe auf einen harten Untergrund fallen. Auf Rasen geht es schon höher hinaus, dort darf die Fallhöhe höchstens 1,50 Meter betragen. Und noch höher darf es sein, wenn der Untergrund aus speziellem Fallschutz wie Holzschnipseln oder Sand besteht: „Bis drei Meter darf man in Deutschland frei fallen“, sagt Rathschlag.
Zusammengefasst sind diese Vorgaben für Spielplatzgeräte in der DIN-Norm EN 1176. Daran orientieren sich alle Planer, wenn sie einen neuen Spielplatz anlegen. Mit der Abnahme und der anschließenden Freigabe ist es nicht getan. Auch zwischendurch kommen die zertifizierten Spielplatzprüfer wieder zum Einsatz. Einmal im Jahr ist für jeden Spielplatz eine Hauptinspektion vorgesehen.
Spielplätze sind eine Erfindung der Großstadt
Natürlich testen Rathschlag und seine Kollegen die Spielelemente auch selbst: „Es macht schon Spaß, da einmal rüberzulaufen“, sagt er. Seinen Beruf beschriebt Rathschlag als einen positiven und sinnvollen Beitrag zur Umweltgestaltung. „Und man erfreut die Kinder.“ Seine eigenen sind inzwischen schon erwachsen.
Mit den Bedingungen der Stadt Frankfurt ist er zufrieden: „Man merkt, dass es der Stadt etwas wert ist.“ Besonders auf den Schulhöfen habe sich einiges gewandelt. „Früher gab es nur einen Basketballplatz, eine Tischtennisplatte, und das war es.“
Vor einigen Jahren zeigte das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt die Ausstellung „The Playground Project“. Sie machte deutlich: Spielplätze sind eine Erfindung der Großstadt. Denn in den Reihenhaussiedlungen am Stadtrand hat heutzutage fast jede Familie ihre eigene Schaukel im Garten.
Abenteuerspielplätze in Frankfurt
Mit den ersten, noch betreuten und nach Geschlechtern getrennten Plätzen wollten Sozialreformer Ende des 19. Jahrhunderts die Kinder von der Straße holen. Die Plätze ähnelten Freiluftturnhallen, der Schwerpunkt lag auf der körperlichen Ertüchtigung des Nachwuchses. Unzerstörbare Spielgeräte aus Metallrohren prägten das Bild.
Erst nach dem Krieg begann sich dies zu ändern. Der Impuls kam damals aus Skandinavien, wo die ersten Spielskulpturen entstanden. Bei der Weiterentwicklung des Spielplatzes zu Spiellandschaften war Holland ein Vorreiter. Und in Frankfurt entstand vor mehr als fünfzig Jahren der erste Abenteuerspielplatz, auf dem die Kinder selbst aktiv werden und mit Holz, Hammer und Säge ganze Burgen und Baracken bauen können. Inzwischen gibt es drei davon.
Wie sehr sich die Spielplätze auch an Grundschulen gewandelt haben, ist im Europaviertel sichtbar. Der TÜV war da, es gab nichts Gravierendes zu beanstanden. Rathschlag kann Zollstock und Prüfkörper beruhigt einpacken. Jetzt übernehmen die Kinder die Regie.
