

Sein Gesicht sprach Bände. Markus Krösche stand im Licht der Neonröhren, die den Gang vor den Umkleidekabinen im Weserstadion in seinem Rücken erhellten, schaute sich mit düsterem Blick noch einmal kurz um, ehe er Luft holte und zur Sache kam.
Der Sportvorstand der Frankfurter Eintracht unternahm keinen Versuch, seinen Unmut verbal zu kaschieren. Und er vermied, auf die unmittelbar folgenden Nachfragen ein Bekenntnis zu Trainer Dino Toppmöller.
Über das späte Tor von Ansgar Knauff zum 3:3, das dem Team in der Nachspielzeit einen Punkt beim Auftritt zum Rückrundenstart der Bundesliga in Bremen sicherte, könne er sich „überhaupt nicht freuen“, sagte Krösche mit Leichenbittermiene: „Das war glücklich, nicht mehr.“ Der Fünfundvierzigjährige attestierte der eigenen Mannschaft das nächste „schlechte“ Spiel: „So dürfen wir nicht auftreten.“
„Das war nicht das, wie wir Eintracht Frankfurt repräsentieren wollen“
Krösche ließ erstmals durchblicken, dass er die Geduld verloren hat, dass mit Toppmöller, den er vor zweieinhalb Jahren als Chefcoach angeheuert hatte, eine Wende zum Besseren gelingt.
Obwohl er seine Worte regelmäßig wiederhole, „verändert sich nichts“, stellte er frustriert fest. Das Fußballteam bekomme die Unzulänglichkeiten nicht in den Griff. „Wir haben jetzt seit 17, 18 Spielen die gleichen Themen, die uns begleiten.“
Er monierte „zu viele einfache Fehler und zu viele Gegentore“ sowie „Hektik“ in Ballbesitzphasen und eine „fehlende Struktur“ von vorne bis hinten – wodurch auch Werder wiederholt die Gelegenheit erhielt, die Abwehrreihe der Eintracht mit Tempo zu attackieren, der inzwischen eine solide Grundordnung vollkommen abhandengekommen ist. „Wir sind Eintracht Frankfurt und haben einen Anspruch, wie wir Fußball spielen wollen, sowohl mit als auch gegen den Ball“, sagte Krösche. „Das war nicht das, wie wir unsere Mannschaft und wie wir Eintracht Frankfurt repräsentieren wollen.“
Der Einsatz am Freitagabend war der zwölfte im Saisonverlauf, bei dem die Frankfurter mindestens drei Treffer hinnehmen mussten. Ihre Torbilanz steht bei 38:39, aus den vergangenen neun Partien gingen sie nur einmal als Gewinner hervor – eine Negativbilanz, die Toppmöller den Job kosten könnte. Krösche kündigte an, die sich zuspitzende Situation umgehend zu analysieren, die die Ambitionen des Klubs, der in der Winterpause rund 20 Millionen Euro zur Nachbesserung des Kaders investierte und auch nach den Sommerferien in einem internationalen Wettbewerb vertreten sein möchte, zu gefährden droht: „So können wir nicht weitermachen“, sagte Krösche. „Wir besprechen es jetzt. Wir müssen die Themen angehen und sehen, dass wir solche Leistungen nie wieder zeigen.“
Toppmöller geht nicht von Wendepunkt aus
Es klang nicht so, als werde er bei der Suche nach Lösungen viel Verständnis für die Herangehensweise Toppmöllers aufbringen, dem er ansonsten bei allen anderen Gelegenheiten, in denen es in der Vergangenheit Kritik (von außen) an dessen Engagement gab, demonstrativ den Rücken gestärkt hatte.
Der Coach selbst sagte vor dem nächtlichen Heimflug des Teams mit einem Privatjet, er habe „nicht das Gefühl“, dass es sich für ihn um einen Wendepunkt in seiner Beschäftigung mit und für die Eintracht handeln könnte. Aber es gehe auch nicht um seine persönlichen Empfindungen. „Ich glaube, dass wir alle nicht zufrieden sind mit der Punktausbeute und den Gegentoren.“ Es handele sich um ein „leidiges Thema, auch die Muster, die sich wiederholen“. Dass sich die wachsende Verdrossenheit auf ihn richtet, nannte Toppmöller verständlich: „Natürlich bin ich in allererster Linie in der Verantwortung, das ist doch klar.“
Schon früh deutete sich auch in Bremen an: Sobald die Eintracht aufrückte, die nach 52 Sekunden durch Neuzugang Arnaud Kalimuendo in Führung gegangen war (die aber kaum Selbstsicherheit brachte), geriet sie in die Bredouille – vor allem durch Justin Njinmahs Tempo, bei dem keiner Schritt halten konnte. Der 25 Jahre alte Stürmer ist mit einem Speed von fast 36 Kilometern pro Stunde einer der schnellsten Profis der Bundesliga, doch die Frankfurter Verteidigung ließ sich immer wieder auf das riskante Unterfangen ein, ihn durch den bei Weitem nicht so flotten Robin Koch bewachen zu lassen.
In der 29. Minute hebelte Bremen das Pressing der Frankfurter mit einem Doppelpass aus, wobei Yukinari Sugawara den letzten Pass exakt in den Fuß von Njinmah weiterleitete. Auch dass Nnamdi Collins nach der Pause das 2:1 gelang (56.), brachte der SGE keine Stabilität, während sich Werder unbeeindruckt zeigte und stattdessen vor allem über die Flügel seine Vorstöße weiter verstärkte.
„Einfach zu wenig“
Nachdem Fares Chaibi bei einem Konter die Möglichkeit zum 3:1 hatte verstreichen lassen (76.), machte es sich Jens Stage bei seinem Kopfball zunutze, dass es der Eintracht bei Standardsituationen fortwährend an Lufthoheit im eigenen Strafraum mangelt: Koch stieg zu spät und unentschlossen hoch, um den Dänen zu bremsen (78.) – und der Eintracht fehlten Mittel und Akteure auf dem Platz, um in dieser Druckphase gegenzusteuern, sodass eine mit Tempo durch die Mitte vorgetragene Kombination von Werder Neuzugang Jovan Milošević das 3:2 ergab (80.).
Die Intervention des Video-Assistenten sorgte dafür, dass die siebtplatzierte Eintracht gegen den Tabellenzwölften nicht als Verlierer vom Platz ging. So revidierte Schiedsrichter Benjamin Brand seine Entscheidung, nachdem er die Flanke von Ayoube Amaimouni‑Echghouyab, die beim Torschützen Knauff landete, zunächst vermeintlich hinter der Grundlinie gesehen hatte.
Als „einfach zu wenig“ fasste der 24‑Jährige die Frankfurter Bemühungen zusammen. Die Freude über das Unentschieden sei „nicht sehr groß“, sagte Knauff. Der Offensivmann, der zunächst außen vor blieb und dann in der zweiten Halbzeit für den an der Nase verletzten Rasmus Kristensen eingewechselt wurde, hatte bereits von der Bank aus beobachtet, wie das ungenügende Zweikampfverhalten zum 1:1 führte und es dadurch wiederum „zu einem Bruch im eigenen Spiel kam“.
Nervosität und Unruhe brachten die Eintracht an den Rand der sechsten Liga‑Niederlage. Die Stimmung in der Kabine sei zum Abschluss der ersten Liga‑Woche nach dem Jahreswechsel mit neun Gegentoren nach den Begegnungen mit Dortmund (3:3), Stuttgart (2:3) und Werder (3:3) entsprechend mau: „So macht es keinen Spaß“, sagte Knauff. Und hinter ihm war da soeben der Rest der Kollegenschar mit hängenden Köpfen vorbeigeschlurft. Sie alle ahnten: Dieser Abend wird für Eintracht Frankfurt Folgen haben – und sie, die Spieler, tragen daran den größten Anteil.
