Handball: Deutsche Nationalmannschaft startet mit 30:27-Sieg gegen Österreich erfolgreich in die EM. – Sport

Es ist gute Sitte des Deutschen Handballbunds (DHB), kurz vor dem Start in ein großes Turnier einen sogenannten Media Day zu veranstalten. Die Teilnahme ist für alle Nationalspieler verpflichtend bei diesem Termin, der in den Reihen der Sportler nicht nur Begeisterung hervorruft. Also wollte Marko Grgic ein wenig Spaß in die Veranstaltung bringen.

Der 22-Jährige schnappte sich ein Mikro und ging den Kollegen „auf die Nerven“, wie er sagte, was in einem kleinen Filmchen auf dem Social-Media-Kanal des DHB zu sehen ist. Grgic nervte Rune Dahmke, brachte David Späth bei einem Interview aus dem Konzept, erklärte Juri Knorr, dass er viel zu leise spreche, und entlockte Kapitän Johannes Golla die Erkenntnis, dass es sein „unzählbarster Medientag“ war. Nur einem wollte Grgic partout nicht begegnen, aus Selbstschutz, wie er anfügte: Torhüter Andreas Wolff. Dem geht man besser nicht auf die Nerven.

Man kann sich vorstellen, wie es den österreichischen Werfern bei ihrer 27:30-Niederlage zum Auftakt der EM ergangen sein muss, als sie diesem 1,98 Meter großen Kerl mit seinen muskelbepackten Oberarmen gegenüberstanden. Der 34-jährige Wolff hat nicht nur ein Kreuz vom Ausmaß eines Wandschranks, er verfügt auch über blitzschnelle Reflexe sowie eine enorme Beweglichkeit, die ihn Bälle mit dem Fuß weit über dem Kopf abwehren lässt. Vor allem mit dieser für ihn so typischen Parade, dem Spagat im Stand, verschaffte er sich Respekt bei den Österreichern, die sich häufig zweimal zu überlegen schienen, ob sie den Wurf nehmen. Wolff war der entscheidende Akteur beim deutschen Sieg im ersten Gruppenspiel im dänischen Herning, der insgesamt keine Glanzleistung darstellte, aber immerhin den gelungenen EM-Start gegen einen unangenehmen Gegner.

Trainer Alfred Gislason hatte vor der Partie „Lockerheit“ eingefordert: Die Spieler sollten das Zusammensein genießen, denn der DHB plant erklärtermaßen, dem Turnier möglichst bis zu seinem Ende beizuwohnen. Einem war es dann offenbar zu viel Lockerheit, zumal sich die Spieler nahezu alle untereinander kennen – und zwar teamübergreifend. Sechs Österreicher sind Stammkräfte in der Bundesliga: Elias Kofler vom HSV Hamburg und Lukas Herburger vom Meister Füchse Berlin sind beinharte Abwehrspieler, Jakob Nigg vom TVB Stuttgart war mit sechs Treffern zweitbester Schütze, Torhüter Constantin Möstl und Spielmacher Lukas Hutecek spielen für den Bundesliga-Dritten TBV Lemgo und sind an dessen überraschendem Aufschwung maßgeblich beteiligt. Nikola Bilyk schließlich spielt zusammen mit Wolff für den THW Kiel, und ganz so friedlich-harmonisch wollte es der deutsche Torhüter dann offenbar nicht haben.

Wolff überragt, für Stellvertreter Späth läuft es weniger gut

Jedenfalls attestierte Wolff den Österreichern kurz vor dem Spiel unattraktiven „Anti-Handball, den keiner sehen will“. Das war ein kleiner verbaler Rückfall in alte Zeiten, als Wolff noch von seinem riesigen Ehrgeiz getrieben wurde, als er Spiele am liebsten zu null gewinnen wollte – und diese Haltung mit bissiger Miene untermalte. Er machte sich stets immensen Druck, Misserfolge setzten ihm derart zu, dass er sich Hilfe von einer Sportpsychologin holte. Danach war er spürbar lockerer, mittlerweile ist er Vater, gereift, akzeptiert auch mal schlechte Leistungen – offenbar aber nicht gegen Österreich.

Seine Einlassung aktivierte beim Gegner den letzten Rest an Motivation, wie sein Gegenüber Constantin Möstl, der ebenfalls eine sehr starke Leistung bot, vor dem Spiel festgestellt hatte. Das zeigten die Österreicher – wie auch das, was Wolff mit seiner Kritik gemeint hatte. Nach dem schnellen 1:4-Rückstand nahm Österreichs Trainer Iker Romero, als Aktiver 2005 Weltmeister, seinen Keeper Möstl vom Feld und brachte den siebten Feldspieler. Das ist sein bevorzugtes Mittel, um einen scheinbar überlegenen Gegner aus dem Rhythmus zu bringen. Die Österreicher nahmen fortan Tempo aus der Partie und spielten lange Angriffe, was den Gegner Nerven kostet und Geduld erfordert, doch die deutsche Abwehr war dazu in der Lage.

Dabei erwies sich Gislasons Maßnahme, in Tom Kiesler und Matthes Langhoff zwei Abwehrspezialisten mit nach Herning zu nehmen, schon zum Turnierdebüt als richtig. Der Isländer hat die jüngsten Turniere genau analysiert und erkannt, dass eine Medaille nur mit einer herausragenden Abwehr erreichbar sein wird. Deshalb vollzog er eine Art Paradigmenwechsel: Bisher hatte Gislason konsequent auf solche Spezialisten verzichtet, nominierte ausschließlich Spieler, die flexibel einzusetzen sind. Gegen Österreich aber waren es Kiesler und Langhoff, die der Defensive zusätzliche Härte verliehen, zudem ermöglichten sie den gesetzten Abwehrkräften Johannes Golla oder Julian Köster Pausen – und damit Ressourcen für den Angriff.

Kapitän Golla war folglich mit sieben Treffern bester Schütze und wurde als „Man Of The Match“ geadelt. Köster, dem drei Tore gelangen, setzte offensiv in kniffligen Situationen wichtige Akzente. Und davon gab es einige. Zwar dominierten die Deutschen das Spiel größtenteils, lagen zur Pause 12:8 und teilweise mit fünf Treffern vorn, aber in der Schlussphase rückte der nie aufgebende Gegner dem DHB-Team noch mal bis auf zwei Tore auf die Pelle. Auch weil Deutschland im Angriff viele Chancen ungenutzt ließ, was Gislason deutlich ansprach: „Da haben wir zu viele Fehler gemacht, teilweise das leere Tor nicht getroffen, da müssen wir uns wirklich steigern.“ In der Tat flog der Ball mehrmals am leeren Kasten der Österreicher vorbei, die taktische Maßnahme des siebten Feldspielers birgt bekanntermaßen das Risiko des verwaisten Tores. Selbst Wolff verfehlte das vermeintlich leichteste Ziel auf dem Spielfeld. So wurde es beim Stand vom 27:25 tatsächlich nochmals eng.

Torwarttrainer Mattias Andersson muss den Bundestrainer beruhigen

Als Sebastian Frimmel schließlich, mit neun Treffern bester Werfer der Partie, zwei Minuten vor dem Ende zum Siebenmeter antrat, blieb es Wolff überlassen, mit einer weiteren Parade in Kopfnähe den Widerstand des renitenten Nachbarn endgültig zu brechen. Womit er auch den Beweis erbrachte, dass ein Erfolg der deutschen Mannschaft nur mit einem funktionierenden Torhüter-Duo gewährleistet ist.

Und dafür muss sich David Späth noch gewaltig steigern. Als König Wolff nämlich einen Ball von Frimmel ans linke Auge bekam und zur Behandlung auf die Bank musste, kam Kronprinz Späth in den Kasten. Doch der 23-Jährige fand überhaupt nicht in die Partie, kassierte in kürzester Zeit fünf Treffer, bei fünf Würfen. Gislason hatte sich das anders vorgestellt, am Spielfeldrand führte er vor Wut einen Veitstanz auf, bis ihn Torwarttrainer Mattias Andersson mühevoll beruhigen konnte. Jedenfalls blieb es bei einem Kurzauftritt, den Späth frustriert zur Kenntnis nahm. Er habe nicht viel falsch gemacht, teilte er mit, und wolle nur nach vorn schauen.

Große Sorgen um den selbstbewussten jungen Torhüter der Rhein-Neckar Löwen muss sich Gislason aber nicht machen, das weiß er: „David hat sich kontinuierlich verbessert. Aus einem Riesentalent ist ein Weltklasse-Torhüter geworden.“ Der Hochgelobte hat dies oft genug bewiesen, etwa beim Gewinn der olympischen Silbermedaille. Die Karriereprognose für Späth lautet, er werde „eines Tages der beste Torhüter der Welt“ sein – sie stammt von keinem Geringeren als dem Teamkollegen Wolff.