Film „Aisha Can’t Fly Away“ über Arbeitsmigration: Zu viel Klischee

So etwas nennt man nicht Reisen, sondern Arbeitsmigration: Die junge Sudanesin Aisha (Buliana Simon) ist nach Ägypten gekommen, um als Pflegekraft zu arbeiten. Was sie verdient, schickt sie ihrer Familie, die unter dem Bürgerkrieg in Sudan leidet. Untermalt von den permanenten Verkehrsgeräuschen eines geschäftigen, staubigen Viertels in Kairo hilft Aisha alten Menschen in leeren Apartments, sie putzt, füttert, setzt Spritzen und liegt abends allein auf dem Bett ihrer schäbigen Wohnung.

Dass die vom Verwalter dieser Wohnung, dem Kleingangster Zuka (Ziad Zaza) angeführte Nachbarschaftsgang vor ihrem Fenster Drogen dealt, nimmt sie ebenso regungslos hin wie die unfaire Behandlung, die sie und ihre Kolleginnen generell erfahren. Selbst die Treffen mit dem Koch Abdoun (Emad Ghoniem), der für Aisha ab und an Essen zubereitet, scheinen nichts an ihrer stillen Einsamkeit zu ändern.

Und es geht noch schlimmer: Zuka zwingt Aisha, ihm Zutritt zu den Wohnungen ihrer Kli­en­t:in­nen zu verschaffen, um dort einzubrechen. Selbst, als Aishas Arbeitgeber sie verdächtigt, droht Zuka ihr weiter. Kurz darauf breitet sich ein merkwürdiger Hautausschlag auf Aishas Körper aus. Doch erst als Aishas neuer Klient, Herr Khalil (Mamdouh Saleh), sie sexuell zu missbrauchen beginnt, scheint Aisha sich der Abwärtsspirale bewusst zu werden, in der sie gefangen ist.

Der Film

„Aisha Can’t Fly Away“. Regie: Morad Mostafa. Mit Buliana Simon Arop, Ziad Zaza u. a. Ägypten/Frankreich/Deutschland/Tunesien/Saudi-Arabien/Katar/Sudan 2025, 120 Min. (Filmstart 15.01.2026)

Der programmatische Titel von Morad Mustafas Debütfilm „Aisha Can’t Fly Away“ vermittelt die Schwere und Verzweiflung, in der seine Heldin steckt: Aisha kann nicht wegfliegen. Sie klebt, das steht von Anfang an außer Frage, am untersten Ende jeglicher Treppen fest – als Schwarze, von Armut betroffene Migrantin, als Frau, als Fremde ohne Freun­d:in­nen oder Verwandte.

Buliana Simons verschlossenes, durch eine Iris-Heterochromie sehr besonderes Gesicht bleibt im Film fast unbeweglich – der ägyptische Regisseur lässt sie nur einmal ein Lachen zeigen, als sie mit anderen Sudanesinnen Abendbrot isst und die Schwere des Alltags, die Umstände und auch den dunklen Hidschab für eine kurze Zeit ablegen kann. Doch dieses Aufblitzen von Alternativen, von Solidarität, Freundschaft, Glück, wird direkt wieder von der Gewalt auf den Straßen und im Alltag, und von Aishas rätselhaft-bedrohlichem Allgemeinzustand weggewischt.

Ungerechtigkeiten beobachten

So ist Morad Mustafas Film zwar als notwendiges und relevantes Plädoyer gegen intersektionale Ausbeutung, gegen Gewalt und Misogynie lesbar. Auf der anderen Seite bleibt die Distanz zu seiner Protagonistin zu groß, ihre Zeichnung zu einseitig, die Probleme sind zu klischiert. Auch der Body Horror ihrer fiebrigen Träume, durch die wie ein Alter Ego ein (flugunfähiger) Strauß geistert, ändern nichts an Aishas Handeln in der realen Welt.

Vielleicht hält der Regisseur den Abstand absichtlich aufrecht, um seinem Hauptcharakter gegenüber nicht übergriffig zu werden. Das lange, teilweise redundante Observieren von Ungerechtigkeiten allein schafft aber zu wenig Empathie: Man würde so gern deutlicher hören, was Aisha denkt und fühlt; was sie erlebt hat und zu erleben hofft.

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Jemanden seine Wünsche gar nicht erst ausdrücken zu lassen, hat schließlich fast den gleichen Effekt, wie sie zu verweigern. Die „Action“, die am Ende des langen Films doch noch zu einer – kleinen – Veränderung führt, ist zudem nur teilweise einer Selbstermächtigung zuzuschreiben. Wirklich aktiv wird Aisha nämlich nicht.

„Aisha Can’t Fly Away“ gelingen dennoch eindringliche Visuals wie etwa das Plakatmotiv: Aisha trägt beim leisen Versteckspiel mit dem Kind eines Klienten eine Superheldenmaske über dem Hidschab, die wie ein Kommentar zum Titel wirkt. So eine Superheldin, so eine Catwoman, die würde bestimmt kräftig die Krallen ausfahren.