Wie Angeln zum Trend wurde

Als mit dem Lockdown im Frühjahr 2020 auch Fitnessstudios zeitweise schließen mussten und Mannschaftssportarten nicht mehr möglich waren, nahm die allgemeine Sportaktivität laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts deutlich ab. 24 Prozent der Befragten gaben an, sich während der Pandemie weniger zu bewegen, nur zwölf Prozent wurden aktiver. Dafür gewannen andere Freizeitformen an Attraktivität: Outdooraktivitäten. Spaziergänge, Radfahren, Gartenarbeit – vieles, was sich individuell und mit Abstand im Freien ausüben ließ, erlebte in dieser Zeit einen Aufschwung. Auch das Angeln.

Laut einer Umfrage des Statistikportals Statista gaben im Jahr 2023 rund 6,6 Millionen Menschen in Deutschland an, mindestens einmal im Jahr angeln zu gehen – fast eine Million mehr als vor Beginn der Corona-Pandemie. Der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) verzeichnete in den Jahren der Pandemie deutliche Zuwächse bei Mitgliederzahlen seiner Vereine und Verbände. Von „teilweise zweistelligen prozentualen Zuwachsraten“ in Zeiten der Corona-Lockdowns berichtet Olaf Lindner, Sprecher des DAFV.

In Hessen etwa stieg die Zahl der jährlich abgelegten Fischereiprüfungen laut Landesverband von 700 bis 1200 vor Corona auf etwa 2500 bis 3500 während der Pandemiezeit. Auch jetzt liege die Zahl noch deutlich über dem früheren Niveau. Immer mehr junge Menschen interessierten sich für das Angeln, sagt Adrian Zentgraf, Geschäftsführer des Verbands Hessischer Fischer. „Angeln ist eines der wenigen Hobbys, die Generationen verbinden – vom Schüler bis zum Rentner.“ Auch der Frauenanteil sei deutlich gestiegen – von kaum drei Prozent auf heute rund zehn Prozent.

Survival-Webserie als Impulsgeber?

Vielleicht trage auch die Popkultur ihren Teil dazu bei, dass Angeln derzeit im Trend liege, führt Lindner an. Die erfolgreiche Survival-Webserie „7 vs. Wild“ wurde von 2021 an auf Youtube ausgestrahlt, später auch über Amazon Freevee. In dem Format versuchen sieben Teilnehmer, darunter meist Influencer oder Prominente, mehrere Tage allein in der Wildnis zu überleben, nur mit minimaler Ausrüstung und ohne Kontakt zur Außenwelt. Einzelne Folgen erzielten auf Youtube bis zu zehn Millionen Aufrufe.

Zwar gibt es keine verlässlichen Daten, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Serie und den steigenden Anglerzahlen belegen, doch in Gesprächen mit jungen Anglern fällt der Name der Show immer wieder. Millionen haben zugesehen, wie sich Menschen allein in der Wildnis behaupten. Ohne Komfort, ohne Ablenkung, mit Messer, Feuerstahl und einer guten Portion Improvisation.

Das Format zeige, wie groß die Sehnsucht nach Abenteuer, Stille und Selbstwirksamkeit geworden sei, sagt Lindner. Und in dieses Bild passe das Angeln gut hinein. „Wir sagen immer: Angeln ist eines der letzten echten Naturerlebnisse, die man heute noch direkt erfahren kann.“ Ein weiterer Grund für den anhaltenden Trend sei die Möglichkeit, den Vorbereitungskurs für den Angelschein digital zu absolvieren und sich die damit einhergehende Lern- und Prüfungszeit flexibel einzuteilen. Seit 2018 könnten in Hessen solche Onlinekurse angeboten werden – über Laptop oder Handy, mit Lernvideos und interaktiven Fragen.

Mittagessen gesichert: zwei frisch geangelte Regenbogenforellen
Mittagessen gesichert: zwei frisch geangelte RegenbogenforellenAnjou Vartmann

„Das ist besonders für Berufstätige praktisch“, sagt Adrian Zentgraf vom Verband Hessischer Fischer. „Früher musste man zehn Wochenenden in Folge zum Präsenzkurs, das war kaum machbar.“ Heute genüge ein Onlinekurs mit anschließendem Praxistag, an dem tierschutzrechtliche Grundlagen, Gerätekunde und der respektvolle Umgang mit dem Fisch vermittelt würden. Danach folge die staatliche Prüfung. Wer bestehe, erhalte den Jahresfischereischein. Die Kosten betrügen rund 179 Euro für den Kurs, 60 Euro für den Praxistag und 40 Euro für die Prüfung; hinzu kämen die Gebühren für den Schein selbst.

„Wer angeln will, braucht außerdem eine Erlaubnis für das Gewässer“, so Zentgraf. „Das geht entweder über eine Tageskarte, die meist zwischen sechs und dreißig Euro kostet, über Jahreskarten oder über eine Vereinsmitgliedschaft.“ Mit dieser könne man in der Regel an allen Gewässern des Vereins angeln.

Einer dieser Vereine hat sich an einem Sonntagmorgen im Herbst zum Jugendangeln in Marköbel, einem Ortsteil der Gemeinde Hammersbach im hessischen Main-Kinzig-Kreis, getroffen. Das Objekt der Begierde: Forellen. Zehn Uhr, grauer Himmel, zehn Grad, ein kalter Wind zieht über den Teich. Trotzdem stehen rund zwanzig Jugendliche in Gummistiefeln und dicken Jacken am Ufer.

Der vierzehn Jahre alte Tobi ist zum ersten Mal dabei. „Fabi erzählt in der Schule immer, wie cool das ist“, sagt er und schaut zu seinem Freund, der neben ihm die Rute vorbereitet. Fabi, fünfzehn, nickt: „Ich schau mir viel auf Youtube an – Joshinator, BROSEF, solche Angelkanäle. Da lernt man echt was: welche Köder zu welchen Fischen passen, wie man sie führt. Die Dinger sehen mittlerweile fast aus wie echt.“

„Man weiß nicht, was passiert. Pures Erleben.“

Was Tobi und Fabi erzählen, beobachtet auch Thorben Eschenbrenner, Jugendwart im Frankfurter Fischereiverein. „Die jungen Angler gehen anders an die Sache heran“, sagt er. Viele informierten sich gezielt in sozialen Medien, folgten Angel-Influencern, diskutierten Köder und Techniken. Sobald ein neuer Kunstköder auf dem Markt erscheine, wüssten sofort alle Bescheid. Er werde sofort ausprobiert. „Die Jugendlichen gehen an das Angeln sehr strategisch ran, sie probieren viel aus und sind besser informiert, was das Material angeht.“

Ein Ruf hallt über das Wasser: „Petri Heil!“ – Malte, sechzehn, hat gerade seine zweite Forelle gefangen. „Petri Dank“, ruft er zurück und lacht. „Ich mag das Gefühl, wenn man weiß, wo der Fisch herkommt“, sagt er. Zu Hause bereite er ihn in seiner eigenen Räuchertonne zu. „Das ist was anderes, als einfach etwas aus dem Supermarkt zu holen.“

Für Lindner liege der Reiz des Angelns im Unvorhersehbaren: „Da ist kein Filter, kein Algorithmus, keine Kontrolle. Man hält die Angel ins Wasser und weiß nicht, was passiert. Pures Erleben.“ In einer Welt, in der alles kalkulierbar erscheine, hafte der Angelei eine Magie des Unvorhersehbaren an. „Da steckt alles drin – Scheitern, Hoffnung, Freude.“ Zugleich passe das Hobby erstaunlich gut in eine Zeit, in der Nachhaltigkeit immer wichtiger werde. Kein industriell verarbeitetes Produkt, keine Plastikverpackung, keine langen Transportwege. Wer angele, wisse, was er esse – regional, naturbelassen, mit kleinem ökologischen Fußabdruck.

10.000 Angelvereine bewirtschaften und pflegen die Gewässer

Doch die Bedeutung der Angelfischerei geht weit darüber hinaus. Sie erfüllt, wie Robert Arlinghaus, Professor für Integratives Fischereimanagement an der Berliner Humboldt-Universität und am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, sagt, eine wichtige Rolle auf mehreren Ebenen – ökonomisch, sozial, psychologisch und ökologisch. Arlinghaus spricht in diesem Zusammenhang von „Aquatic Steward­ship“, was sich mit Verantwortungs­bewusstsein für den Gewässer- und Fischschutz übersetzen lasse. Rund 10.000 Angelvereine und -verbände seien in Deutschland für die Bewirtschaftung und Pflege der Gewässer zuständig. „Man kann mit großer Sicherheit sagen, dass es den Fischen ohne die Anglerschaft schlechter ginge als heute“, sagt Arlinghaus. Durch die Angler entstehe nicht nur politischer Druck für den Artenschutz, Angelvereine renaturierten auch Ufer, setzten Fische aus, öffneten Fließgewässer und pflegten Lebensräume – überwiegend ehrenamtlich.

„Wenn die Angelvereine das nicht machen würden, müsste man – wie in den USA – Steuergelder aufwenden“, sagt Olaf Lindner. „Hier übernehmen das Ehrenamtliche.“ Darüber hinaus setze die Freizeitfischerei nach Schätzungen jährlich rund fünf Milliarden Euro um – mehr als die gesamte kommerzielle Fischerei. Etwa 50.000 Arbeitsplätze hingen direkt oder indirekt an ihr, im Tourismus, im Handel oder im Bootsbau. „Angler kommen in Zeiten, in denen andere nicht reisen. Sie bringen Leben in Regionen, die sonst still sind“, so Lindner.

Wissenschaftler Arlinghaus sieht im Angeln eine soziale Kraft. Angelvereine seien Orte der Begegnung, der Teilhabe und Inklusion. Erst durch die Beschäftigung mit Fischen und Gewässern entwickele sich ein tiefes Verständnis für ökologische Zusammenhänge – ein Bewusstsein, das weit über ein Hobby hinausreiche. Als Angler wisse man nie sicher, ob man etwas fange oder wohin der Fisch schwimme. „Und wenn dann ein Fisch an der Angel zappelt und er getötet und verspeist wird, lehrt das Ehrfurcht vor dem Leben und schafft ein Bewusstsein für die ökologischen Konsequenzen des eigenen Handelns.“

So aktuell und zeitgemäß das Angeln sein mag, rechtlich bleibt es kompliziert – ein Flickenteppich. Fischerei ist in Deutschland Ländersache, jedes Bundesland hat eigene Vorschriften. Wer seinen Angelschein etwa in Nordrhein-Westfalen mache, könne bei einem Umzug nach Hessen dort nicht automatisch angeln, erklärt Zentgraf. Die Anforderungen unterschieden sich stark; in Hessen sei das Niveau vergleichsweise hoch. In anderen Ländern wie Brandenburg oder Schleswig-Holstein seien die Hürden für den Erwerb des Fischereischeins deutlich niedriger; manchmal sei nicht einmal eine Prüfung erforderlich. Solche Scheine erkenne man in Hessen nicht an. Wer hier angeln wolle, müsse einen zusätzlichen Vorbereitungstag absolvieren.

Catch and Release wird in Deutschland streng geahndet

Unabhängig von den jeweiligen Vorschriften beschäftigt Angler in allen Bundesländern ein Thema gleichermaßen: Catch and Release – das gezielte Zurücksetzen gefangener Fische ohne Verwertungsabsicht. In Deutschland werde das streng geahndet. Angeln ohne Verwertungsabsicht gelte als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Nur sehr kleine oder besonders große Tiere dürften zurückgesetzt werden, um den Bestand zu sichern.

Am Fischteich in Marköbel sind inzwischen vier Stunden vergangen. Der Wind hat etwas nachgelassen, die Jugendlichen sind durchgefroren, einige Forellen sammeln sich in mitgebrachten Eimern. Während die Angler ihre Ruten verstauen und ihr Zubehör zusammenpacken, reden sie schon über das nächste Mal – darüber, welcher Köder besser war, woran sie arbeiten könnten und welchen neuen sie ausprobieren wollen.

Draußen sein. Nichts müssen. Und vier Stunden lang an nichts anderes denken als an Gummimaden, Haken und Windrichtung. Vielleicht ist Angeln gerade deswegen nicht einfach nur ein „Corona-Ding“ geblieben – weil dieses Hobby in einer Zeit, in der fast alles laut, schnell und berechenbar ist, einen Kontrapunkt setzt. Und das direkt vor der Haustür.