

Mit einigen Startschwierigkeiten läutete Maybrit Illner am Donnerstagabend die neue Talkshow-Saison ein: Die ersten Worte, die der Zuschauer zu hören bekam, waren nicht die üblichen Anmoderationsfloskeln der Gastgeberin, sondern die letzten Nebensätze einer Stellungnahme von Norbert Röttgen, der für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion geladen war. Gleich danach schaltete die Redaktion in die amerikanische Hauptstadt, wo der Sicherheitsexperte Peter Rough saß, um die Außenpolitik der Vereinigten Staaten aus direkter Nähe einzuschätzen.
Technische Schwierigkeiten waren wohl schuld an diesem unvermittelten Anfang. Doch auch ohne die ersten paar Minuten gesehen zu haben, war für den Zuschauer schnell ersichtlich, worum sich die Sendung an diesem Abend drehen würde: um Venezuela, Iran, Grönland, vor allem aber um denjenigen, um den sich die Achse des Weltgeschehens gegenwärtig insgesamt zu drehen scheint, um Donald Trump. Dieser hatte, während die großen Talkshows von ARD und ZDF Winterferien machten, nicht nur den Präsidenten Venezuelas entführt, sondern auch immer deutlicher gemacht, dass er Grönland in Besitz nehmen will.
Ein Szenario für die EU so realistisch wie demütigend
„Es geht Trump um Landnahme“, so brachte der in München lehrende Politikwissenschaftler Carlo Masala die aktuelle Weltlage bündig auf den Begriff. Aber warum und wozu eigentlich? Die Dänen, zu denen Grönland gehört, hätten sicher nichts dagegen, weitere US-Soldaten im Rahmen einer NATO-Mission unterzubringen – womöglich sogar gegen Rohstoffabkommen oder Geld. Ginge es den Amerikanern um Sicherheit, hätten sie alle Möglichkeiten, für Sicherheit zu sorgen, so Masala auf Nachfrage Illners. Trump habe aber anderes im Sinn: Er will „als Präsident in die amerikanische Geschichte eingehen, der den USA einen neuen Teil hinzugefügt hat“. Make America great again, aber eben im wortwörtlichen Sinne.
Die USA besetzen das Staatsgebiet eines NATO‑Staates – aus überwiegend symbolischen Gründen. Dass dieses Szenario nicht mehr absurd klingt, ist wohl das Verdienst eines Präsidenten, der mit jeder neuen Kurznachricht auf seinem eigenen sozialen Netzwerk „Truth Social“ die Koordinaten des Weltgeschehens zu verändern scheint. Dieses Mal trifft diese machtvolle Erratik aber nicht Kanada, Iran oder Venezuela, sondern Europa selbst. Die Vorstellung, im Handstreich eigenes Territorium zu verlieren, ist für die EU derzeit so realistisch wie demütigend.
Was also tun? Illner hatte Annalena Baerbock eingeladen, um jene Institution zu repräsentieren, die eigentlich für Belange wie diese zuständig ist: die Vereinten Nationen. Nach ihrem Abtritt als Außenministerin wurde Baerbock in das Amt der Präsidentin der UN-Vollversammlung gewählt. Wer ihren hilflosen Antworten am Donnerstagabend zuhörte, musste wegen ihres neuen Jobs beinahe Mitleid empfinden: „Die Charta der Vereinten Nationen ist kein Wunschkonzert“, „das Recht des Stärkeren führt ins Desaster für alle“, „große Staaten haben kein Recht, in einen anderen Staat einfach zu intervenieren“. Alles wahr – und alles irrelevant in einer Welt, in der die Großmächte keinen Hehl mehr daraus machen, sich nicht mehr am Comment des friedlichen Staatenverkehrs zu orientieren.
Was könnte Europa tun?
Natürlich können die Vereinten Nationen die USA nicht davon abhalten, in Grönland einzumarschieren. So wenig, wie sie die amerikanische Intervention in Venezuela verhindern konnten oder den Ukraine-Krieg. Doch wenn sich gar keine Mittel und Wege finden lassen, das internationale Geschehen zu ordnen und in einigermaßen friedliche Bahnen zu lenken, darin hatte Baerbock recht, „dann ist kein Land mehr sicher auf dieser Welt“. An diese normative Erwartung zu erinnern, gerade dann, wenn sie enttäuscht wird: Immerhin in dieser Funktion sind die Vereinten Nationen unersetzbar.
Was aber könnte Europa tun? Die halbe Sendung beschäftigte sich mit dieser Frage. Omid Nouripour (B90/Die Grünen) wusste fast nur Negatives zu vermelden: „Wir können nicht mit dem Flugzeugträger nach Washington ziehen.“ Norbert Röttgen beruhigte sich damit, dass die USA Grönland zwar problemlos besetzen könnten, aber nicht so einfach annektieren – aus rechtlichen Gründen. Carlo Masala fügte dem Schlamassel noch hinzu, dass eine Konfrontation mit den USA in der Grönlandfrage automatisch Konsequenzen für die Verteidigung der Ukraine hätte.
Die Journalistin Melanie Amann fand den ganzen Abend über keinen Grund für Zweckoptimismus. Lediglich Peter Rough deutete an, dass Europa seine Stärken bislang nicht ausspiele. Diese lägen nicht im Militärischen, sondern in der schieren ökonomischen Bedeutung des europäischen Binnenmarkts für die amerikanische Wirtschaft. Was daraus folgen könnte, blieb an diesem Abend aber unausgesprochen.
So musste man, wie so oft, die wichtigste Erkenntnis des Abends aus dem herleiten, was nicht gesagt wurde. Was Europa tun kann? So gut wie nichts. Es ist militärisch so stark unterlegen, dass auch nur der Gedanke daran, amerikanische Soldaten an einer Besatzung zu hindern, lächerlich ist. Illners Schlussfrage, ob man denn das revoltierende iranische Volk unterstützen könnte, setzte nur noch eins obendrauf.
Die EU ist auf der Weltbühne ein Zuschauer. Sie ist sogar ein Zuschauer auf ihrem eigenen Kontinent. Wie dem zu entkommen ist? „Wir brauchen einen eigenen europäischen Willen zur Macht“, verlautbarte Norbert Röttgen. „Wir müssen eine Großmacht werden“, gab Omid Nouripour zu Protokoll. Das Zeitfenster hierfür scheint sich schnell zu schließen.
