Rezension: Leïla Slimanis Roman „Trag das Feuer weiter“

Ein langer, dunkler Tunnel soll entstehen, aber am Ende dieses Tunnels, da soll Licht sein. Unter dem Mittelmeer soll er Afrika und Europa an der Meerenge von Gibraltar miteinander verbinden und die Kluften alter Konflikte endgültig überwinden. Diese utopische Vision glitzert vor Mehdis Augen, seines Zeichens Vater der dritten, jener Frauengeneration, von der Leïla Slimanis Roman „Trag das Feuer weiter“ (französisch „J’emporterai le feu“) vornehmlich handelt.

Mia, eine der beiden Töchter, „stellte sich eine Welt vor, in der es keine Mauern mehr gäbe, sondern nur noch Tunnel“. Mühsam buddelt sie sich ihre eigenen: den Weg zu ihrer Sexualität, durch die Scham und in ein gegenwärtiges Europa, „in der Herkunft und Geschlecht sich in der Anzahl der Nullen auflösten. Geld war eine Welt, (…) in der man sich überall am richtigen Platz fühlte.“

„Trag das Feuer weiter“ steht im Zentrum des Buchclub-Projekts „Gemeinsam lesen“ von Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Frankfurter Allgemeiner Sonntags­zeitung und der Buchhandelskette Thalia.
„Trag das Feuer weiter“ steht im Zentrum des Buchclub-Projekts „Gemeinsam lesen“ von Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Frankfurter Allgemeiner Sonntags­zeitung und der Buchhandelskette Thalia.F.A.Z.

Das „Ich“ im französischen Original­titel „J’emporterai le feu“ verschwindet in der deutschen Übersetzung von Amelie Thoma, „Trag das Feuer weiter“. Vielleicht rückt dadurch jenes Ich in den Hintergrund, das der Autorin, die auf der Basis ihrer eigenen Biographie schreibt, ähneln könnte. Nun ließe sich der Titel auch als Appell verstehen, ­aufzuhorchen, wenn im Buch zum Beispiel auf Frantz Fanon verwiesen wird: „Eine neue Weltordnung wird an­brechen für alle Verdammten dieser ­Erde, und die Zeit der Demütigung ein Ende haben.“

Der spürbare Schmerz in den Romanen

Die 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Leïla Slimani beendet ihre Familiensaga, die vornehmlich in Ma­rokko, aber auch im Frankreich der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts angesiedelt ist, augenscheinlich unter viel Schmerz. Nachdem bereits Teil eins, „Das Land der anderen“, und Teil zwei, „Schaut, wie wir tanzen“, die Figuren Mathilde und Aïcha auf der Suche nach ihrem Platz in der patriarchalen und (post-)kolonialen Gesellschaft Marokkos ins Zentrum rückten, führt Slimani in Teil drei ihr breit angelegtes Gesellschaftsporträt – das zwischen vielen Figuren, die allesamt vorkommen sollen, beinahe ausfranst – bis in die Gegenwart. Ohne dabei allzu bemüht zu plotten und Spannung aufzubauen, zieht sie mit ih­rem Roman das Publikum in einen Lese-Sog, der sich der sinnliche Beschäftigung mit ihren Prot­agonistinnen verdankt.

Das Cover von Leïla Slimanis Roman
Das Cover von Leïla Slimanis RomanVerlag

Anhand historischer Eckpfeiler wie dem Ende des marokkanischen Un­abhängigkeitskampfs, der darauf fol­genden dortigen Wirtschaftskrise, des französischen Algerien-Kriegs oder dem Ende der Regentschaft von König Hassan II. wird die sich immer ­rasanter verändernde Welt abgebildet. Frankreich und Marokko stehen dabei einander diskursiv gegenüber, wenn sich Europäer nach der Schönheit Marokkos sehnen, aber seine Armut bedauern, oder rassistische Anschläge in Frankreich Schlagzeilen machen und dafür sorgen, dass sich die Romanfiguren überall fremd fühlen. Trotz vehementen Pochens auf Marokkos progressiven Islam und den Tourismus, wird resigniert analysiert: „Du brauchst nur den Fernseher an­zuschalten, um überall dasselbe Lied zu hören. Die Araber gegen die zivilisierte Welt, sagt dir das was?“ Diese Am­bivalenz ist auch in den Figuren angelegt.

Die französischen Vornamen der beiden Schwestern, Mia und Inès, verweisen auf die Spannung, die Slimani in den Text integriert: die erschwerte Suche nach der eigenen Identität. Sie wachsen in den Achtziger- und Neunzigerjahren in einem behüteten Kosmos in Marokko auf, ihr Umfeld ist das prestigeträchtige Lycée Descartes in Rabat, in dessen Schulklassen französische Lifestyle-Produkte und Medien die Norm darstellen und dem Arabischunterricht wenig inte­­ressiert gefolgt wird. Dieses Marokko ist geprägt von einem revolutionären Kommunismus und einem noch viel ­präsen­teren Ultra­liberalismus, an dem Mehdi scheitert, der wegen eines gegen ihn erhobenen falschen Korruptions­vorwurfs inhaftiert wird. Dieses Scheitern spiegelt sich in den kriselnden Männerfiguren wider, denen Frauen­figuren gegenübergestellt werden, die die Familie zusammenhalten.

Wenn Nebel ins Gehirn einzieht

Chronologisch werden wir durch die Jugend von Mia und Inès geschleust, die ihre Rolle als Frauen und ihre allgegenwärtige Körperlichkeit ängstlich ent­decken. Körperlich wirkt auch der Text: Er schildert ein „nach verschüttetem Bier und feuchten Lappen“ stinkendes Paris, ein als zu heiß empfundenes Casablanca, den glitzernden Atlantik und die Dunkelheit des winterlichen Paris. Dazwischen geht es um den von Mia sehnsüchtig begehrten Frauenkörper und die Sexualisierung von Inès.

Slimani benennt, worüber geschwiegen wird: über die Liebhaber, den Selbstmord und die Kritik am König, darüber, dass das Fasten nicht eingehalten, dass Alkohol getrunken wird (und zwar zu viel), dass Schinken gegessen und über unanständige Witze gelacht wird. Die Scham der Figuren wird im Schreiben freigelegt und zum zentralen Thema.

Als Mia in der Gegenwart plötzliche Krankheitssymptome überkommen – „Nebel im Gehirn“ –, kehrt sie aus Paris zurück nach Marokko, in das „Land der anderen“ (so nun auch der Titel der ganzen Tri­logie), und findet dort nichts, was ihren Erinnerungen entspricht: Sie empfindet ein beklemmendes Gefühl der Verfälschung. Mia arbeitet als Autorin, eine Tätigkeit, von der auch ihr Vater träumte. In Erinnerung an diese (und ihre eigene) Vater­figur schreibt ­Slimani abschließend im Roman: „Es bringt nichts, unschuldig zu sein, wenn man tot ist. Unschuld existiert nur in Büchern.“ Ob gute Enden die Literatur nur verzerren? Oder sollte danach gefragt werden, ob authentisch gelebt ­wurde, Träume verfolgt und man dabei Fehler machen durfte?

Trotz noch inexistenter Tunnel ist Slimanis Buch vorsichtig optimistisch. Etwas kitschig wirkt das im Titel angelegte metaphorische Feuer, das Generationen überdauert und dank der Träume der ­Figuren in eine neue Welt katapultiert wird. Vielleicht ist so etwas aber auch nötig in einer Welt, in der bereits bestehende Tunnel oft noch endlos erscheinen.

Leïla Slimani: „Trag das Feuer weiter “. Roman.
Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Literatur- verlag, München 2026. 448 S., geb., 25,– €.