Dänemarks Kolonialpolitik in Grönland wirkt bis heute nach

Der Konflikt um eine mögliche Übernahme Grönlands durch die Vereinigten Staaten hat zu einer erheblichen Unruhe in sicherheitspolitischen Kreisen geführt, selbst das Ende der NATO steht als Szenarium im Raum. Zugleich häufen sich erste Anzeichen, dass der amerikanische Annexionsdruck das dänisch-grönländische Verhältnis verändert. Auf der einen Seite brechen alte Wunden auf, die jetzt neu verhandelt werden, und auf der anderen Seite verschiebt sich gerade die seit Jahrzehnten bestehende Machtbalance zwischen Grönland und Dänemark – in eine grönländische Richtung.

Das dänisch-grönländische Verhältnis reicht bis ins frühe achtzehnte Jahrhundert zurück, mindestens bis zur Ankunft des norwegisch-dänischen Missionars Hans Egede. Historisch sind vor allem zwei Daten von Bedeutung: die offizielle Ernennung Grönlands zur dänischen Kolonie nach dem Kieler Friedensvertrag von 1814 und die Eingliederung Grönlands in das dänische Königreich 1953. Der Koloniestatus ging mit einer kulturellen Dominanz Dänemarks einher. Die grönländische Schriftsprache wird in dieser Phase entwickelt, und auch die ersten literarischen Texte der grönländischen Literaturgeschichte sind von dem dänischen Einfluss, gerade der Missionare, geprägt.

Grönland und sein Status als Kolonie

Für die heutigen Diskussionen ist vor allem die Eingliederung Grönlands in das dänische Königreich nach dem Zweiten Weltkrieg von Bedeutung. Diese zielte zunächst darauf ab, die von den Vereinten Nationen geforderte Unabhängigkeit bestehender Kolonien zu verhindern: Indem man die Insel im Nordatlantik in das bestehende Staatsgebiet aufnahm, verlor Grönland den Status als Kolonie und fiel so nicht mehr unter die Statuten der Vereinten Nationen. Die Folgen für Grönland waren umfassend. Im Zuge der Eingliederung setzte eine Modernisierungspolitik ein, die auf den Umbau Grönlands abzielte: Dänisch wurde als Landessprache eingeführt, eine moderne Verwaltung aufgebaut und der nordische Wohlfahrtsstaat auf Grönland übertragen.

Mit einer heute kaum nachvollziehbaren Härte wird dabei die grönländische Kultur an den Rand geschoben, wenn nicht vernichtet: Die kleinen Fischerorte an den Küsten, die so genannten bygder, werden reihenweise aufgelöst, und die Bevölkerung wird in die Städte umgesiedelt, wo in den folgenden Jahren massive Betonblöcke als neue Wohneinheiten entstehen. Die mit dieser Assimilations- und Modernisierungspolitik einhergehende Entfremdungserfahrung prägt die kommenden Jahrzehnte. Teilweise werden Kinder von ihren grönländischen Eltern getrennt, um sie als neue grönländische Elite in Dänemark aufzuziehen. Zugleich wird, wie wir heute wissen, fast der Hälfte der jungen grönländischen Frauen zur Geburtenkontrolle eine Spirale eingesetzt, häufig ohne deren Wissen oder Zustimmung.

Rückbesinnung auf die eigene Kultur: Einheimische in traditioneller Kleidung aus Perlenkragen und Robbenfellen am Nationalfeiertag
Rückbesinnung auf die eigene Kultur: Einheimische in traditioneller Kleidung aus Perlenkragen und Robbenfellen am Nationalfeiertagdpa

Die Missstände wachsen, und die bis heute hohe Selbstmordrate nimmt damals ihren Anfang. In der Literatur werden die Verlusterfahrungen zunehmend reflektiert, bei Hans Lynge oder Ole Korneliussen sowie bei zeitgenössischen Autoren wie Niviaq Korneliussen, die mit ihrem auch ins Deutsche übersetzten Roman „Das Tal der Blumen“ eine Diskussion auslöst.

Verlorene grönländische Kultur

Schon in den Siebzigerjahren sehen wir eine politische Unabhängigkeitsbewegung, die mit der Rückbesinnung auf eine verlorene grönländische Kultur einhergeht: Das Kajak, der Robbenfang, das sogenannte Ulo – ein traditionelles Messer zum Entfernen der Fettschicht von Tierfellen – bekommen einen symbolischen Status im Kampf um eine neue grönländische Identität und Selbständigkeit. Diese Rückbesinnung auf eine frühere grönländische Kultur verbindet sich dabei durchaus mit modernen Ausdrucksformen. Die Rockgruppe Sume etwa wird in den Siebzigern sehr populär gerade bei den Jüngeren.

Die Botschaft der Band, die ausschließlich auf Grönländisch singt, kann kaum missverstanden werden: Auf dem Cover der ersten LP ist ein Kupferstich aus dem neunzehnten Jahrhundert zu sehen, der einen grönländischen Jäger zeigt, der den abgeschnittenen Arm eines der früher auf Grönland siedelnden Nordmänner siegreich in die Höhe reckt. Zugleich ist Grönland schon in dieser Zeit eine komplexe, multiethnische Gesellschaft. In ihrem 2004 veröffentlichten Roman „Die Hungerkünstlerin“ erzählt die dänische Schriftstellerin Charlotte Inuk die grönländische Geschichte erstmals aus der Perspektive eines dänischen Mädchens, das Mitte der Siebzigerjahre mit ihrer Mutter nach Grönland kommt.

Die Erzählerin blickt nicht nur auf die sprachliche und kulturelle Vielfalt der grönländischen Gesellschaft, sondern zeigt zugleich auch darauf, wie sich in der Jugendkultur die Machthierarchien umdrehen: Hier sind die grönländischen Kinder und Jugendlichen dominierend, die dänischen Kinder werden dagegen durchweg als Repräsentanten der ehemaligen Kolonialmacht gelesen und kollektiv abgewertet. Zugleich entstehen vielfältige Zwischenräume, in denen die auf den ersten Blick harten Trennlinien überwunden werden, teilweise auch über die existierenden Sprachgrenzen hinweg. Immer wieder verständigen sich die Personen im Roman mit Versatzstücken verschiedener Sprachen, die sich mit nonverbalen Kommunikationsformen vermischen.

Verschiebung der Macht

Inuks Roman ist der Anfang einer Reihe von literarischen Werken, in denen dänische Autorinnen und Autoren, die teilweise in Grönland gelebt haben, ihre Sichtweisen auf den Alltag und politische Konflikte geben. Kim Leine und Iben Mondrup sind die wohl bekanntesten Repräsentanten dieses Zugangs. Zugleich tauchen gerade in der jüngeren Zeit neue künstlerisch-literarische Ausdrucksformen auf, die sich im Zwischenfeld zwischen dänischen und grönländischen Einflüssen bewegen. Beispielsweise verbindet die Performancekünstlerin und Autorin Jessie Kleemann in ihren deutlich avantgardistisch geprägten Texten grönländische Traditionen mit modernen Lyriktraditionen, häufig mehrsprachig: Dänisch, Grönländisch und Englisch fließen ineinander über, meist ohne Übersetzungen.

Politisch führt der Unabhängigkeitsdruck in der grönländischen Gesellschaft zunächst zur Einführung der sogenannten Hjemmestyre 1979. Im Jahr 2009 wird diese politische Teilautonomie durch ein weiteres Abkommen, das jetzt auch die prinzipielle Möglichkeit einer zukünftigen Unabhängigkeit erwähnt, noch erweitert. Die Herausforderungen des dänisch-grönländischen Verhältnisses werden durch diese Absprachen freilich kaum gelöst. Grönland ist nach wie vor Teil des dänischen Königreichs, und die noch immer existierenden Machthierarchien werden nur langsam abgebaut, wenn überhaupt. Auch wenn Grönländisch inzwischen offizielle Landessprache ist, dominiert die dänische Sprache nach wie vor in Teilen der Verwaltung, und Grönland ist nach wie vor von der finanziellen Unterstützung Dänemarks anhängig.

Die Geschichte der dänisch-grönländischen Verhältnisse spielt in den politischen Debatten heute eine wesentliche Rolle. Dabei zeigt sich eine deutliche Verschiebung der Machtverhältnisse: Nachdem man die grönländischen Positionen und Erfahrungen von dänischer Seite über viele Jahrzehnte eher stiefmütterlich behandelt hat, sehen wir jetzt eine neue Dynamik. Von grönländischer Seite wird der Möglichkeitsraum, der sich durch den Druck der Amerikaner ergibt, durchaus bewusst eingesetzt. Selbst in vermeintlich eindeutigen Bekenntnissen zur Einheit des Königreiches, der sogenannten rigsfællesskab, sind kleine Vorbehalte herauszuhören: Müssten wir uns „hier und jetzt“, so der grönländische Regierungschef Jens-Frederik Nielsen, zwischen Amerika und Dänemark entscheiden, würden sie sich zu Dänemark bekennen.

Der kleine Zusatz, der häufig überlesen wird, sollte ernst genommen werden. Auch wenn es keinerlei Tendenzen gibt, dass sich Grönland wirklich zu Trump orientieren will – laut Umfragen lehnen 85 Prozent der Bevölkerung einen Übertritt zu den Vereinigten Staaten ab –, ist die Andeutung der Möglichkeit neu: Die geopolitische Situation zwingt Dänemark heute erstmals, Grönland wirklich auf Augenhöhe zu behandeln. Und damit vielleicht auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stärker voranzutreiben.

Der Autor lehrt Kultur- und Literaturwissenschaft an der Syddansk Universitet Odense.