„Sunshine 1 ruft Houston“ – „Immer noch kein Empfang!“ – „Und das ist wirklich kein Fehler?“ Drei Hörspiele, drei erste Sätze, drei Mal sind Männer in Not. Das wäre für sich genommen noch nicht erstaunlich. Denn das Science-Fiction-Genre ist, egal ob in der Literatur oder im Film, ein zutiefst männlich geprägtes. Und egal, wie groß die Schwierigkeiten sind, in die Männer da gewöhnlich aufgrund ihres Wagemuts oder auch ihrer Selbstüberschätzung geraten: Sie retten sich, mit Glück und noch mehr Geschick, dann doch meistens immer selbst aus jedem Schlamassel.
In den drei Hörspielen „Houston Houston“, „Screwfly Solutions“ und „Happiness Is a Warm Spaceship“ ist das jedoch vollkommen anders. Da brauchen Männer erstaunlich lange, bis sie einsehen, dass sie ein Problem haben. Und reiten sich während dieses schleppenden Erkenntnisprozesses nur immer tiefer in eine immer ausweglosere Situation hinein. So dass die Erleuchtung entweder zu spät einsetzt, als dass es noch eine Rettung geben könnte. Oder aber Frauen in der Zwischenzeit ihre Probleme lösen, während die Kerle sich parallel in maßloser Selbstüberschätzung und grotesker Verkennung der Lage ein neues, noch viel größeres aufhalsen.
Die drei Science-Fiction-Hörspiele, allesamt vom genreversierten Autor und Regisseur Martin Heindel für den WDR inszeniert, basieren auf Sci-Fi-Erzählungen aus den späten 1960er- und mittleren 1970er-Jahren von James Tiptree jr. – unter diesem männlichen (!) Pseudonym hat die Autorin Alice B. Sheldon (1915-1987) in den letzten zwei Jahrzehnten ihres Lebens zahlreiche im Interstellaren angesiedelte Kurzprosa veröffentlicht. Heindel hat 2021 bereits Sheldons „Dein haploides Herz“ als Hörspiel adaptiert, ebenfalls für den WDR. Nun folgt diese Trilogie, die im engeren Sinn keine ist, es einem jedoch ermöglicht, tief in diesen ungewöhnlichen und überraschenden, weil mit vielen Konventionen des Genres brechenden Teil des literarisch ersonnenen Universums hineinzufliegen.
Die Männer in Alice B. Sheldons Sci-Fi-Geschichten leben hinterm Mond. Oder sogar hinter der Sonne.
Es gehört zu den großen Vorzügen des Hörspiels, dass die Imagination kosmischer Weiten nicht schwieriger zu erzeugen ist als der Eindruck eines Besuchs in Nachbars Garten. Wo es im Film entweder schnell teuer oder aber peinlich, weil erkennbar (zu) billig wird, kann das Hörspiel mit geringem Aufwand alles behaupten: Kann sein Publikum hinter die Sonne locken, es umstandslos mit einer Heerschar nicht-humanoider Aliens vertraut machen oder die USA binnen weniger Minuten in eine Dystopie verwandeln, wie das so schnell und umfassend nicht einmal Donald Trump und seine Spießgesellen hinbekommen. Die Fantasie der Hörerinnen und Hörer übernimmt die konkrete Ausgestaltung der Szenerien, während sich die Geschichten auf sich selbst konzentrieren können.
Alice B. Sheldon brauchte in der Regel weniger als 50 Seiten, um ihre Figuren auf eine kosmische Rutschbahn zu setzen, die sie unausweichlich in eine Katastrophe schlittern lässt. Der Regisseur Martin Heindel nimmt dieses Tempo auf, so schnörkellos und fokussiert wie in den Vorlagen entwickelt jedes Hörspiel seine Dynamik, die mit der Unbarmherzigkeit eines schwarzen Lochs jedes Licht auslöscht.
Damit diese Geschichten funktionieren, braucht es nicht einmal irgendwelche futuristischen Behauptungen. Der Umweg über die Science Fiction dient einzig dazu, das eigentlich ohnehin Offensichtliche kenntlich zu machen. Was in der Realität – und eben nicht nur jener der Sechziger- und Siebzigerjahre – als normal, tolerabel oder unausweichlich angesehen werden mag, erscheint durch die Verlagerung in ein auf den ersten Blick hochartifizielles, im Grunde jedoch auf das Wesentliche reduziertes Setting so grotesk, wie es tatsächlich ist. Es geht, in einem Wort, um Mansplaining.

:Aus Sicht des Alls und der Ewigkeit
Erich von Däniken spekulierte über den Einfluss von Außerirdischen auf die Frühgeschichte der Menschheit. Seine Bücher waren Bestseller. Jetzt ist der Schweizer im Alter von 90 Jahren gestorben.
In „Houston Houston“ realisieren die drei Mann Besatzung der Sunshine 1, dass sie 300 Jahre hinter der Zeit leben. Und dass auf der Erde seither Entscheidendes passiert ist. Was sie zu der irrsinnigen Annahme verleitet, sie wären jetzt die Könige der Welt. In „Screwfly Solutions“ muss die Menschheit die Erde nicht einmal verlassen, um sie mittels religiösen Wahns und Testosteron-Terrors endgültig in das schändlichste Shithole des Universums zu verwandeln. In beiden Fällen sind in größter Gefahr: Frauen. Die Sheldon skizziert als warmherzige, vernunftbegabte, friedliebende Opponenten der selbst- und fremdzerstörerischen Männer.
„Happiness Is a Warm Spaceship“ passt auf andere Weise sehr gut als Kommentar zur speziell deutschen Gegenwart: Eine hinter Regelbesoffenheit und angstgetriebenem Kontrollzwang versteckte Scheu, persönlich Verantwortung zu übernehmen, kollidiert hier mit dem anarchischen Potenzial von nicht-humanoiden Wesen (also Fremden aka Bürgern zweiter Klasse), die die Dinge notwendigerweise viel pragmatischer angehen, weil sie sich die Korinthenkackerei der saturierten Alteingesessenen gar nicht erlauben können.
Die drei Hörspiele erlauben die Wiederentdeckung einer unkonventionellen Autorin – um die Neuveröffentlichungen ihrer Geschichten macht sich seit Jahren der Wiener Septime Verlag verdient –, zugleich erweitern sich das Sci-Fi-Genre um eine Perspektive.
Houston Houston, Screwfly Solutions und Happiness Is a Warm Spaceship, ARD Audiothek.
