
Mitten in … München
Die Schwester heiratet einen Tag vor Weihnachten in München. Man reist für die kurze Trauung an, am Abend geht es mit der Familie zusammen auf einen Christkindlmarkt. Dort geht ein Haustürschlüssel verloren, nicht der eigene. Eine Freundin aus München, selbst im Urlaub, hatte ihre Wohnung als Hotelalternative angeboten. Die Suche nach einem seriösen Schlüsseldienst scheitert: Der Monteur ist schnell da, wendet aber derart brachiale Gewalt an, dass das Schloss nicht nur offen, sondern auch angeblich nicht mehr zu retten ist. Dafür berechnet er 367, 11 Euro und lässt einen kurz vor Mitternacht mit offener, aber kaputter Wohnungstür sitzen. Kein Notdienst kann an Heiligabend helfen. Man ruft verzweifelt Vater und Bruder an. Die reparieren das Schloss in einer halben Stunde mit Materialien aus dem Baumarkt für 35 Euro. Jana Stegemann

Mitten in … Huê
Die frühere vietnamesische Kaiserstadt Huê hat gerade ein Hochwasser hinter sich. Am Vortag standen die historischen Gebäude und Gärten teils einen halben Meter unter Wasser, das sich jetzt aber wieder zurückgezogen hat. Trotzdem ist noch wenig los, die anderen Touristen haben wohl vorsichtshalber einen größeren Bogen um die Stadt gemacht. Und vielleicht fährt auch deshalb dieser Mann auf dem roten Moped zielsicher auf einen zu, weil man da so einsam durch den Matsch am Rande des beeindruckenden Unesco-Kulturerbes stapft. Will er etwas verkaufen? Vor neuem Hochwasser warnen? Er hupt jedenfalls und fragt dann in gebrochenem Englisch, wo man herkomme. Aus Deutschland? Schlagartig ist die Freude groß: „Fischers Fritz fischt frische Fische. Frische Fische fischt Fischers Fritz“, sagt er. Lacht. Und fährt davon. Vinzent-Vitus Leitgeb

Mitten im … Zug nach Köln
Mit Verspätung verlässt der ICE den Bahnhof. Die Stimmung ist nicht bei allen Fahrgästen schlecht, am Nebentisch stoßen Mutter und Tochter mit Prosecco aus Plastiksektflöten an. Vor den Frauen steht jeweils ein Stück Käsekuchen, drapiert mit Erdbeersoße (selbstgemacht, wie man später erfahren wird) und einem Macaron. Ob man das Festmahl fotografieren darf? „Sie fahren wohl nicht so oft Zug“, sagt die Mutter mit einem Blick auf den eigenen, leeren Tisch. Man macht ein schnelles Foto, schämt sich kurz und vergräbt sich zurück in den Bildschirm – bis es plötzlich köstlich riecht. Ob man auch ein Stück Kuchen möchte? „Sie werden auch noch zum Bahn-Profi“, sagt die Tochter, und man denkt: Vielleicht ist das tatsächlich die Lösung der Zugfahr-Misere, denn mit Käsekuchen und Erdbeersoße sind Verspätung und technische Störung halb so schlimm. Christina Lopinski
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