Halbfinale des Afrika Cups: Favoritenleben statt Favoritensterben – Sport

Zieht Marokko am Mittwoch gegen Nigeria auch noch ins Finale des Afrika-Cups ein? Menschen, die sich mit den Wahrscheinlichkeiten im Fußball befassen, haben bei dieser Frage eine klare Tendenz. Marokko, der WM-Vierte von Katar, ist als Gastgeber des Turniers mit dem Heimvorteil gesegnet. Auch deswegen hatten die Buchmacher den Nordafrikanern schon vor Turnierstart die besten Chancen auf den Titel eingeräumt. Toni Kroos sieht in ihnen sogar einen Geheimtipp für den WM-Titel im Sommer. Beim Afrika-Cup werden die Marokkaner bisher den Erwartungen gerecht, sie haben erst ein Gegentor kassiert, beim 1:1 in der Vorrunde gegen Mali. Alle anderen Spiele hat das Team mit Spielern wie Achraf Hakimi von Paris Saint-Germain, Brahim Díaz von Real Madrid oder Stuttgarts Bilal El Khannouss gewonnen.

Doch die Umstände von Marokkos Halbfinaleinzug werden von den anderen Teams kritisch beäugt. Pointiert formuliert hat das der deutsche Trainer Gernot Rohr, der mit Benin gerade im Achtelfinale gegen Ägypten ausgeschieden ist. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er, dass Marokko sicher der Topfavorit sei, weil es eine „tolle Mannschaft“ habe, weil das „ganze Land mitfiebert“, und „weil sie auch als Gastgeber gewisse Vorteile haben“. Rohr meint damit nicht nur die Unterstützung der Fans in den Stadien. Das Klima sei ein Thema, das sei in Nordafrika anders als im westlichen oder südlichen Teil des Kontinents. Und auch die Schiedsrichter würden für Marokko manchmal „ein bisschen Sympathie zeigen“.

Ein bisschen Sympathie? Tatsächlich gibt es einen nachgewiesenen Schiedsrichtervorteil für Heimteams. In einer Studie fanden britische Forscher 2002 heraus, dass Schiedsrichter sich bei ihren Entscheidungen durchaus vom Aufschreien, Pfeifen und Buhen der Heimfans beeinflussen lassen, besonders, wenn sie noch unerfahren sind.

Es gab aber auch die eine oder andere handfeste Diskussion über die Rolle der Unparteiischen. Vor dem Viertelfinalspiel Marokkos gegen Kamerun wurde jedenfalls der Schiedsrichter ziemlich spontan getauscht. Der marokkanische Verband hatte sich beschwert, dass der Ägypter Amin Omar pfeifen sollte. Offiziell, weil die Ansetzung zu spät erfolgt sei. Stattdessen pfiff der Mauretanier Dahane Beida. Kamerun erfuhr davon angeblich erst kurz vorher über Social Media. Verbandschef Samuel Eto’o kritisierte das deutlich. Auch der VAR wurde ausgetauscht. Marokko soll nicht damit einverstanden gewesen sein, dass ein Algerier vor den Bildschirmen sitzt. Mit dem Nachbarstaat gibt es politische Spannungen. Daraufhin setzte der ausrichtende afrikanische Verband, die Confédération Africaine de Football (CAF), den Ghanaer Daniel Laryea ein.

Die ganze Geschichte diente als perfekte Vorlage für Kameruns Stürmer Bryan Mbeumo. Der Angreifer, sonst bei Manchester United unter Vertrag, wollte in der 69. Minute unbedingt einen Elfmeter haben. Beim Stand von 0:1 ging er nach einem leichten Kontakt zu Boden. Nach dem Spiel sagte er, der Kontakt sei in den Aufnahmen deutlich zu sehen, und er wisse nicht, was er dazu noch sagen solle. Allerdings legen die Bilder nahe, dass Mbuemo die Berührung durchaus auch gewollt haben könnte. Auf der anderen Seite wiederum hätte entweder Schiedsrichter Beida oder VAR Laryea in der 36. Minute das Foul des Ex-Frankfurters Dina Ebimbe am Marokkaner Abde Ezzalzouli sehen müssen. Ein Vorteil für den Gastgeber seitens der Schiedsrichter ergab sich daraus also nicht. Zumal Kamerun auch sonst in 90 Minuten keinen Schuss aufs marokkanische Tor schaffte.

Rohr argumentiert aber auch mit logistischen Vorteilen für den Gastgeber. Marokko trägt alle seine Spiele des Afrika-Cups im 68 000 Zuschauer fassenden Finalstadion „Stade Moulay Abdallah“ in Rabat aus. Ähnlich sieht es bei den anderen Halbfinalisten aus. Ägypten spielte bisher alle Spiele im selben Stadion in Agadir. Senegal war nur in Tanger, und Nigeria musste erst für das Viertelfinale von Fès nach Marrakesch. Für Gernot Rohr ist das eine Bevorteilung großer Nationen. „Die Kleinen müssen bei vier Spielen viermal reisen, die Großen spielen immer im selben Stadion.“ Außerdem dürfe man am Tag vorher nicht mehr im Stadion trainieren, wodurch der Vorteil, schon vorher in dem Stadion gespielt zu haben, weiter anwachse. Tatsächlich ist Rohrs junges Team aus Benin für jedes Spiel in einem anderen Stadion gewesen. Im Achtelfinale schied Benin in Agadir aus, in Ägyptens „Heimstadion“ gewissermaßen. „Es war nicht immer fair für die kleineren Länder“, kritisiert Rohr.

Im Stade Moulay Abdallah könnten auch Spiele der WM 2030 stattfinden. Marokko ist mit Spanien und Portugal Hauptausrichter des Turniers.
Im Stade Moulay Abdallah könnten auch Spiele der WM 2030 stattfinden. Marokko ist mit Spanien und Portugal Hauptausrichter des Turniers. (Foto: SEbastien Bozon/AFP)

Tatsächlich standen im Viertelfinale Senegal, Mali, Kamerun, Ägypten, Marokko, Nigeria, Algerien und die Elfenbeinküste – also jene acht Nationen, die vor dem Turnier als die stärksten eingeschätzt wurden. Favoritenleben statt Favoritensterben.

Die Ägypter um Liverpools Stürmer Mo Salah müssen jetzt fürs Halbfinale das erste Mal reisen. Es geht ins 68 000 Zuschauer fassende „Grand Stade“ nach Tanger. Am Mittwochabend um 18 Uhr ist Senegal mit dem ehemaligen Liverpool- und Bayern-Stürmer Sadio Mané der Gegner. Drei Stunden später empfängt Marokko, natürlich im „Moulay Abdallah“ in Rabat, das Team aus Nigeria. Schiedsrichter der Partie ist Daniel Laryea, der VAR des Kamerun-Spiels.