Erregung über „Charlie Hebdo“-Karikatur zu Crans-Montana

Die Aufregung ist groß, vor allem in der Schweiz, aber auch in Frankreich. Ausgerechnet am vergangenen Freitag, dem offiziellen Trauertag der Schweiz für die Opfer der Silvesternachtfeier von Crans-Montana, hatte die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in sozialen Medien eine Karikatur veröffentlicht, die nicht nur die Frage nach Grenzen des Geschmacks stellt, sondern auch die nach der Justiziabilität solcher Zeichnungen. Letztere Frage wird bald beantwortet werden: Bei der Staatsanwaltschaft des schweizerischen Kantons Wallis, in dem Crans-Montana liegt, ist von zwei Bürgern Strafanzeige eingereicht worden wegen Verhöhnung der Opfer.

Was zeigt die inkriminierte Karikatur (die nicht, wie von diversen nichtfranzösischen Medien behauptet, als Titelbild von „Charlie Hebdo“ erschien, sondern eben nur in sozialen Medien)? Zwei Skifahrer in wilder Abfahrt mit der Überschrift „Les Brulés font du ski“ (Die Verbrannten fahren Ski) – eine Anspielung auf den in Frankreich klassischen Titel von Patrice Lecontes Filmkomödie „Les Bronzés font du ski“ (Die Braungebrannten fahren Ski) aus dem Jahr 1979.

Was „Charlie Hebdo“ bei der Publikation ganz klar war

Zynismus? Allemal. Zugleich aber auch ein grober Keil auf einen groben Klotz, denn die Tourismusbranche von Crans-Montana wirbt nach der Brand­katastrophe und den davon provozierten Reiserücktritten immer offensiver damit, dass die dortigen Skilifte weiterhin offen sind und ideale Abfahrtbedingungen herrschen. Ökonomisch ist das verständlich, aber nicht weniger zynisch.

Die Redaktion von „Charlie Hebdo“ weiß bei aller Lust an der Provokation ganz genau, was sie ins Visier nimmt: Hier sind es nicht die Toten, sondern jene Lebenden, die sich um nichts sorgen außer ihren Einnahmen. Karikatur verzerrt ja nicht nur (was zu manchen bitteren Missverständnissen in deren Geschichte Anlass gegeben hat, bis hin zu dem, dass „Charlie Hebdo“ systematisch den Propheten Mohammed geschmäht haben soll, was in das islamistische Massaker an der Redaktion vom 7. Januar 2015 mündete), sie verschiebt auch, gemäß dem rhetorischen Prinzip der Metonymie: Dargestellt sind Tote, aber sie stehen ein für Lebende.

Auch da war eine Brandkatastrophe Ursprung des satirischen Gedankens: Das Titelbild von „Hara-Kiri hebdo“ am 17. November 1970.
Auch da war eine Brandkatastrophe Ursprung des satirischen Gedankens: Das Titelbild von „Hara-Kiri hebdo“ am 17. November 1970.Archiv

Der eigentliche Satire-Ursprung

Wer zudem weiß, wie satiregeschichtlich traditionsbewusst (gerade in eigener Sache) die Redaktion von „Charlie Hebdo“ ist, wird die Zeichnung noch in einem anderen Kontext sehen. Schon die Gründung des Blattes selbst war eine Probe auf die Grenzen dessen, was die französischen Gesetze der Satire gestatteten. Denn die Zeitschrift setzte nahtlos die Arbeit ihre Vorgängerin „Hara-Kiri“ fort, die 1970 wegen einer als geschmacklos betrachteten Darstellung verboten worden war. „Hara-Kiri“ war 1960 zunächst als Monats-, dann seit 1969 auch als Wochenblatt („L’Hebdo Hara-Kiri“) herausgegeben worden und galt damals als die wichtigste Talentschmiede des französischen gezeichneten Humors. Jean-Marc Reiser, Maurice Sinet alias Siné, Frédéric Aris­tidès alias Fred, Georges Blendaux alias Gébé, Bernard Willem Holtrop alias Willem, Jean Giraud alias Moebius, Jean Cabut alias Cabu oder Georges Wolinski eta­blierten sich dort – die beiden Letzteren waren dann 2015 unter den Ermordeten von „Charlie Hebdo“. Der Name „Hara-Kiri“ (wobei „Kiri“ im Französischen aus­gesprochen wird wie „qui rit“ – „lachend“) war Programm: Rücksicht wurde nicht genommen, auch nicht auf sich selbst.

Die von 1959 bis 1969 währende Präsidentschaft Charles de Gaulles hatte die „Hara-Kiri“-Redaktion von Beginn an zu spöttischen Höchstleistungen angetrieben, die ihr Finale in einem Titelblatt finden sollten, das am 16. November 1970 erschien, nur eine Woche nach De Gaulles Tod. Es bestand nur aus einem Satz, der in riesigen Lettern gesetzt wurde, als handelte es sich um die Schlagzeile eines Boulevardblatts: „Tragischer Ball in Colombey: Ein Toter“. Damit spielte „Hara-Kiri“ auf einen verheerenden Brand an, bei dem zwei Wochen zuvor in einem bei Grenoble gelegenen Nachtclub 146 Menschen gestorben waren. Aus der intensiven Presseberichterstattung über diese Katastrophe hatte die Redaktion des Satireblatts eine Schlagzeile übernommen und sie auf den Tod des ehemaligen Staatspräsidenten in dessen Wohnort Colombey-les-Deux-Églises umgemünzt. Das empfand das französische Innenministerium als derart geschmacklos, dass es „L’Hebdo Hara-Kiri“ bis auf Weiteres das Erscheinen untersagte.

Auch der Zeichner der Karikatur ist nun angezeigt worden

Die Redaktion gründete daraufhin einfach eine neue satirische Wochenzeitschrift, die sie in bewusster Anspielung auf Charles de Gaulle nun „Charlie Hebdo“ nannte. Da es schon seit 1969 ein monatliches Comicmagazin namens „Charlie Mensuel“ im selben Verlag gab, konnte man darauf verweisen, dass es sich lediglich um dessen Schwesterzeitschrift handelte. Tatsächlich aber war „Charlie Hebdo“ eine exakte Kopie der verbotenen Vorgängerin „Hara-Kiri“ – personell, formal und inhaltlich. Und nun, mehr als 45 Jahre danach, wird auch der damalige bösartige Humor angesichts eines brandbedingten Massensterbens wieder aufgenommen. Die Redaktion wusste, was sie tat. Und welches Risiko sie damit einging.

Gezeichnet hat die jetzige Karikatur Éric Salch. Er wurde erst nach dem Blutbad von 2015 zum Mitarbeiter bei „Charlie Hebdo“, doch schon zuvor hatte sich der 1973 geborene Karikaturist als einer der umstrittensten Vertreter seiner Branche etabliert: mit seinem Blog „Ma Life“, in dem er einen gnadenlosen Blick auf die Zustände in den Pariser Vorstädten warf. Als sichtbarer Erbe des bewusst auf Hässlichkeit und Drastik setzenden Stils von Jean-Marc Reiser war es für Salch nur konsequent, dass er seit 2018 regelmäßig Zeichnungen in „Charlie Hebdo“ publizierte. Anlässlich der Publikation seines 2016 erschienenen Buchs „Lookbook“ (im Verlag der ebenfalls wenig zimperlichen Comiczeitschrift „Fluide Glacial“) hat sein Satireverständnis so beschrieben: „Ich wollte, dass es Leute wirklich wütend macht, mittels Beleidigungen, die keinerlei ‚geistreiche Wortspiele‘ bieten.“ Das war eine Absage an den guten Geschmack und an das, auf das sich Satire oft selbstgefällig zurückzieht.

Neben „Charlie Hebdo“ als Publikationsforum der Crans-Montana-Karikatur ist im Wallis jetzt auch Éric Salch persönlich angezeigt worden. Und dort, wo seien Zeichnung erschienen ist, in den sozialen Medien, tobt der Kampf um die Zulässigkeit solcher Drastik. Dabei sind neben Satirefreiheit befürwortenden Stimmen immer wieder auch Todesdrohungen gegen die Urheber zu lesen. Nicht wenige von ihnen verweisen dabei auf das Massaker vom 7. Januar 2015.

Éric Salchs Antwort auf die Kritik an seiner Crans-Montana-Karikatur
Éric Salchs Antwort auf die Kritik an seiner Crans-Montana-KarikaturInstagram/Charlie_hebdo-officiel

Es spricht deshalb für die Zeitschrift und Salch, dass sie am Montag dieser Woche eine neue Karikatur gepostet haben, die auf diese Ausweitung der Kampfzone reagiert: Diesmal treibt Salch seine Scherze mit dem Entsetzlichen auf Kosten der eigenen Redaktion. Die Zeichnung zeigt unter der Überschrift „Hat man das Recht, die Schweizer blasphemisch anzugehen?“ zwei klischeegerecht eidgenössisch gekleidete Männer, die im Büro von „Charlie Hebdo“ ein Blutbad angerichtet haben: „la rédaction décimée par deux abalétriers“ – eine durch zwei Armbrustschützen dezimierte Redaktion.

Auch hier gilt das metonymische Prinzip. Die neue Karikatur zeigt zwar ermordete Journalisten, doch ihr Thema ist der durch Einschränkungen der Meinungsfreiheit (die in Frankreich größer ist als in Deutschland) befürchtete Tod eines satirischen Journalismus, wie ihn „Charlie Hebdo“ pflegt. Man muss weder diese Sorge teilen noch das schwarze Humorverständnis des Satireblatts. Aber es lässt aufhorchen, dass wieder einmal unreflektiert, dafür aber reflexartig mittels Strafanzeigen die Satire in die Schranken gewiesen werden soll, wo zuvor Leichtsinn – um das Wenigste zu sagen – vierzig Menschen umbrachte und nun das leichte Leben in einem beliebten Wintersportort einfach weitergehen soll, als wäre nichts geschehen. Mit Letzterem werden die Opfer verhöhnt.