

Vielleicht war es nicht nur eine Geste der Wertschätzung, dass Friedrich Merz in Indien nicht in der Hauptstadt, sondern in der Heimat von Ministerpräsident Narendra Modi empfangen wurde. In Delhi hätte dem Kanzler womöglich Gefahr gedroht. Dort sorgen diesen Winter nicht nur Hustenanfälle, Atemnot, Augenbrennen und überfüllte Notaufnahmen für Zorn, wenn der Feinstaubgehalt in der Luft das 200-fache des empfohlenen Grenzwerts überschreitet. Der Smog soll Studien zufolge nun auch noch antibiotikaresistente Bakterien verbreiten, die Medikamente unwirksam machen und Routineeingriffe im Operationssaal zum Hochrisiko werden lassen.
Die deutsche Delegation vor Indiens Präsidentenpalast in FFP2-Masken wäre keine Werbung für den Standort gewesen, den Merz zum „Wunschpartner“ Deutschlands erklärt hat. Weil in Zeiten geopolitischer Machtverschiebung China immer unberechenbarer wird, gilt eine Verlagerung der Geschäfte in die weltgrößte Demokratie vielen als sinnvoll. Doch deutsche Konzerne wollen dem bisher nicht folgen. Aus dem DAX waren unter den Merz begleitenden Managern nur die Chefs von Siemens, Infineon und Henkel in Indien dabei. Kein Autohersteller ist mit ihm in die bald drittgrößte Volkswirtschaft der Welt gereist.
Zwar ist der Absatz von VW im vergangenen Jahr in Indien um ein Drittel gestiegen. Doch im Vergleich zu den Verkäufen in China ist das weiterhin wenig mehr als nichts. Indiens Masse kann sich keine deutschen Produkte leisten, weil sie pro Kopf immer noch bloß ein Fünftel der Chinesen verdient.
Aufstieg Indiens wurde oft vorhergesagt
Weil der Aufstieg des Landes schon oft vorausgesagt wurde, ist nicht nur im Ausland der Glaube verbreitet, Indien hole den Rückstand nicht mehr auf. Vom indischen Kapitalismus profitierten nur die Reichen, lautet der Vorwurf im Land. Wenn Delhi den Menschen nicht mal das Atmen möglich mache, sei die Lösung der vielen anderen Probleme Illusion, sagt Arvind Subramanian, einst Modis oberster Wirtschaftsberater. Möge der Lauf der Welt auch günstig für Indien sein: Werde der Fortschritt weiter untergraben von Korruption, Vetternwirtschaft und Nationalismus, werde der Wohlstand nicht schnell genug wachsen für das Ziel, bis 2047 Industrieland zu sein.
Für den Unkenruf gibt es gute Gründe, allerdings auch für Zuversicht. Derzeit wächst die indische Wirtschaft so rasant wie nirgendwo sonst. Chinas Wunder sei nicht wiederholbar, haben deutsche Automanager früher behauptet, wenn sie im 87. Stock über Shanghais Meer an Wolkenkratzern staunten.
Doch inzwischen schmelzen in der Volksrepublik die Umsätze dahin. Beim Wachstum hat Indien den Nachbarn schon vor zehn Jahren überholt. Um 7,4 Prozent soll die Wirtschaft im März endenden Fiskaljahr an Größe zulegen. Das ist langsamer als das Tempo von Chinas Aufstieg, aber schnell genug, um Indien in kurzer Zeit grundlegend zu verändern. Bereits heute stehen in Mumbai mehr Türme mit mehr als 200 Meter Höhe als in Shanghai.
Indiens Wirtschaft ist klein, aber die Wachstumschancen groß
Nun ist es nicht so, dass ein Baby, das in drei Monaten um das Doppelte wächst, im Alter von zehn Jahren drei Billionen Kilo wiegt. Auch das Wachstum von Volkswirtschaften kann an Fahrt verlieren, legen diese an Größe zu. Doch noch ist Indiens Wirtschaft vergleichsweise klein. Auf tausend Chinesen kommen 250 Autos, aber nur 44 sind es unter tausend Indern. Das verheißt Wachstumschancen.
Viel Eisenerz, Öl oder Seltene Erden hat Indien nicht. Aber Menschen gibt es hier seit jeher im Überfluss. Bei ihrer Bildung hat der indische Staat im Gegensatz zu Chinas Kommunisten ebenso versagt wie in der Gesundheitsversorgung, was den Einwohnern Indiens das Vorurteil eingebracht hat, sie seien zu Höherem nicht fähig. Doch wer seinen Rassismus ablegt, dem begegnet ein junges Volk voller Energie. Längst werden in Shanghai Expats globaler Konzerne wie des Werbegiganten WPP oder des deutschen Sportartikelriesen Adidas nach Mumbai beordert, weil heute Indien statt China als Markt der Zukunft gilt.
Gelinge es, die Energie der jungen Inder fließen zu lassen, reiche allein das schon aus, um ihr Heimatland nach vorn zu bringen, schreibt Ökonom Subramanian in einem neuen Buch. Gerade hat die Regierung gewaltige Reformen für einen flexibleren Arbeitsmarkt und weniger Bürokratie auf den Weg gebracht. Wächst Indien wie derzeit, kann es 20 Jahre dauern, bis es Chinas Wirtschaft einholt. Das mag lange hin sein. Doch für die Inder, die heute geboren werden und dann das College verlassen, wäre es rechtzeitig genug.
