Comic-Kolumne: Sebastian Strombachs „Jeck“ zum Kölner Dom

Es geht los in Berlin. Das darf man ungewöhnlich nennen für einen Comic über den Kölner Dom. Und einen Neuköllner Dom gibt es ja nicht. Zudem sind wir in Marzahn-Hellersdorf. Gotisch geht es auch nicht zu, eher gothic: Eine Partnerschaft droht zu zerbrechen, weil er, ein Comiczeichner, das Privatleben zugunsten des Zeichentischs hintanstellt, was sie hinaustreibt, aufs Rad und in den Tod – ein Verkehrsunfall, danach Apparatemedizin und schließlich das Abstellen der Geräte. Immer noch keine Spur vom Dom.

Sebastian Strombach wählt einen Einstieg, der rätseln lässt. Wer allerdings weiß, dass er vor einigen Jahren seine Partnerin auf genau dieselbe Weise verloren hat, wie sie hier erzählt wird, der schaut auf diesen Comic mit anderen Augen: Es ist ein höchstpersönliches Projekt, auch wenn sich nach den neun Berliner Seiten die restlichen 225 in und um Köln abspielen und tatsächlich vor allem um den Dom drehen. Eingeleitet vom Satz „Tod und Geburt, Anfang und Ende – beginnen wir doch unsere Geschichte damit“. Und dann folgt auf den Tod die Geburt eines Kindes in Betlehem, wohin drei Könige reisen, deren Gebeine von 1164 an zum Zentrum der Verehrung im Vorgängerbau des heutigen Kölner Doms werden. Und von 1248 an wird ihnen ein neues Haus gebaut. Jene Kirche, die heute die ganze Welt kennt.

Die Comic-Kolumne von Andreas Platthaus
Die Comic-Kolumne von Andreas PlatthausF.A.Z.

„Jeck“ heißt der Comic über die Kirche, und auch das hätte man wohl kaum erwartet. Was es damit auf sich hat? Zunächst einmal ein anderes Faktum: Jedes Jahr im Herbst verleiht das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt seine „Architectural Book Awards“. Zehn Bücher werden jeweils ausgezeichnet, und ungeachtet der englischen Bezeichnung des Preises sind das meist Publikationen von Verlagen aus dem deutschen Sprachraum (2025 waren es neun neben einem japanischen Titel). Der Bedeutung dieses Preises nimmt das nichts, denn nirgendwo sonst in der Welt wird so viel zur Architektur verlegt – und das mit internationaler Wirkung, weshalb wiederum die Hälfte der zuletzt prämierten Bücher in Englisch abgefasst sind. Und eines in Kölsch. Zumindest teilweise. „Jeck“ eben.

Ein Architekt findet zum Comiczeichnen

Wobei das Bemerkenswerteste an der Auszeichnung von „Jeck“ nicht in den dann doch recht wenigen kölschen Passagen besteht (deren schwierigere zudem untertitelt sind), sondern darin, dass es sich um den ersten Comic überhaupt handelt, der einen DAM Architectural Book Award gewonnen hat. Das ist angesichts der Verwandtschaft beider Kunstformen – ich sage nur: „Seitenarchitektur“ – erstaunlich, zumal es mit François Schuiten einen Zeichner gibt, der mit seiner architektonischen Retrophantastik schon lange Einfluss weit über den Comic hinaus ausübt; im Jahr 2000 gestaltete der Belgier den Pavillon „Planets of Vision“ auf der Weltausstellung von Hannover.

Wer hat's erfunden? Den Spitzbogen zumindest die Mauren. Seite 98 aus „Jeck“.
Wer hat’s erfunden? Den Spitzbogen zumindest die Mauren. Seite 98 aus „Jeck“.Sebastian Strombach

Aber auch Sebastian Strombach, geboren 1974 und aufgewachsen mit frankobelgischen Comics, ist intensiv auf architektonischem Feld unterwegs: Er hat das Fach studiert, als Architekt gearbeitet, und vor acht Jahren kam sein Comic „Wolkenbügel“ heraus, eine stark von der damaligen utopischen Baukunst bestimmte Kulturgeschichte der Zwanzigerjahre in Berlin. 2020 folgte dann „Verrückt“, ein Comic über das Berliner Stadtschloss, und jetzt – in schöner Titelfortsetzung – „Jeck“. Das ist ein Grund für den wenig kirchlichen Titel.

Wie die eigene Familie ins Spiel kommt

Strombach lebt, wir wissen es ja aus dem Auftakt zu „Jeck“ und sehen es an seinen früheren Architekturcomics, in Berlin. Was interessiert ihn am Kölner Dom? Nun, seine Familie stammt aus der Gegend, und ein anderer Strombach, Sebastians Großvater Franz, hat sogar einen Auftritt in „Jeck“. Zunächst als malender Arzt, der über seine Kunstleidenschaft die Vielzahl an Patienten vernachlässigt, die mit den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs auf Köln in sein Krankenhaus eingeliefert wird, und dann ein zweites Mal 1964, als er für seine Kinder Schulaustauschplätze im Ausland sucht, was Eberhard Strombach nach Frankreich bringen wird, wo er Sebastian Strombachs Mutter kennenlernt.

Goethe vor der provisorisch abgeschlossenen Baustelle des  Kölner Doms. Seite 137 aus „Jeck“.
Goethe vor der provisorisch abgeschlossenen Baustelle des Kölner Doms. Seite 137 aus „Jeck“.Sebastian Strombach

Was das nun wieder mit dem Kölner Dom zu tun hat? Es sind Intermezzi (auch wieder höchstpersönliche), die jeweils auf wichtige jüngere Einschnitte in der mittlerweile fast neunhundertjährigen Dom-Geschichte folgen. Da ist erstmal das Wunder, dass die Kathedrale das vierjähriges alliierte Dauerbombardement der Stadt überstand und 1945 als einziges erhaltenes Bauwerk in einer Kölner Trümmerwüste stand. Strombach widmet diesem Anblick eines seiner 22 durch alle Epochen seit der Römerzeit wiederkehrenden doppelseitigen Panoramabilder, die aus Vogelperspektive stets das gleiche Areal in den Blick nehmen – in der Summe eine simple, aber wirkungsvoll inszenierte Makrogeschichte der Stadtentwicklung in der eigentlichen Mikrogeschichte des Kirchenbaus, die ja bis heute nicht abgeschlossen ist, weil der Dom ständig weiter Restaurierungsmaßnahmen erfordert.

Geschichte und Geschichten sind hier zweierlei

Das zweite mit der Strombach-Familiengeschichte verbundene Ereignis ist dann die deutsch-französische Aussöhnung, die in den Sechzigerjahren im Schatten der jeweils schwer kriegsgebeutelten gotischen Kathedralen von Reims und Köln erfolgt ist. Apropos Aussöhnung: „Jeck“ als Titel knüpft nicht nur an den „Verrückt“-Comic an, sondern wird von Strombach als Wort dem Kölner Oberbürgermeister und späteren Bundeskanzler Konrad Adenauer als Verdikt über moderne Baukunst in den Mund gelegt – so gesehen ist der Band auch eine Fortsetzung von „Wolkenbügel“.

Eine der Doppelseiten (hier 142/143) mit dem Vogelblick auf die Kölner Innenstadt. Wir sind im Jahr 1859.
Eine der Doppelseiten (hier 142/143) mit dem Vogelblick auf die Kölner Innenstadt. Wir sind im Jahr 1859.Sebastian Strombach

Historische und fiktionale Momente durchdringen sich in Strombachs neuem Comic. So war zwar Goethe zweimal in seinem Leben in Köln, doch schon bei seinem ersten Besuch waren jene Worte publiziert, die ihm in der entsprechenden Szene von „Jeck“ in den Mund gelegt werden: Passagen aus dem Aufsatz „Von deutscher Baukunst“ über die Gotik (für den Goethe sich vom Straßburger Münster hatte inspirieren lassen).

Vorbild für den Dombau war die Kathedrale von Beauvais, die gleichzeitig errichtet wurde, aber immer schon ein Stück weiter war - bis sie einstürzte.
Vorbild für den Dombau war die Kathedrale von Beauvais, die gleichzeitig errichtet wurde, aber immer schon ein Stück weiter war – bis sie einstürzte.Sebastian Strombach

Geschichte und Geschichten sind ja zweierlei: einmal historische Faktizität (Geschichtsschreibung), zum anderen fiktionale Erzählungen (Geschichtenschreiben vulgo Literatur). In der Geschichte vom Kölner Dom (hier in beiden Bedeutungen gebraucht) ist so manches mythenumwoben, und so ist denn auch bei Strombach einiges spekulativ oder gar fiktiv. Anderes stellt er richtig: Etwa das Schönreden vom Erwerb der Reliquien der heiligen drei Könige – ein Raubzug, sonst nichts.

Kirchenskepsis in der Domgeschichte

Wie überhaupt die christliche Religion nicht gerade gut wegkommt in ihrem steten Kuschel- oder Konfliktkurs mit der weltlichen Macht.  Zum Finale des Buchs führt Strombach dann eine Schäfchenmetapher ein, die ganz anders als die übliche religiös konnotierte funktioniert: er lässt eine Schäferin deren Herde durch den Dom treiben. Zu seinem Vergnügen behauptete ihm gegenüber jüngst ein Kölner, dass ihm die ausgedachte frühneuzeitliche Episode natürlich bekannt sei. Kölner wissen immer alles besser oder zumindest schon längst.

Das Cover zu „Jeck“
Das Cover zu „Jeck“Sebastian Strombach

Heinrich Heine wiederum wusste über den Kölner Dom: „Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei / Der Raben und der Eulen, / Die, altertümlich gesinnt, so gern / In hohen Kirchtürmen weilen. / Ja, kommen wird die Zeit sogar, / Wo man, statt ihn zu vollenden,/ die inneren Räume zu einem Stall / Für Pferde wird verwenden.“ So steht es in „Deutschland, ein Wintermärchen“ von 1844, und womöglich hat die prognostizierte landwirtschaftliche Nutzung Strombach zu seinen Schafen inspiriert. Doch Heine irrte sich zu Gänze. Die neuen preußischen Herren von Köln hatten zwei Jahre zuvor die 1528 unterbrochenen Bauarbeiten wiederaufgenommen, und bis 1880 bekam der Dom dann seine markante Doppelturmfassade – fertig nach 632 Jahren!

Aber nichts war damit gut, denn wir sind da im Comic erst auf Seite 165 angelangt, und es folgen noch Erster und Zweiter Weltkrieg sowie zwischendurch Rheinlandbesetzung und danach wieder Besatzung und schließlich die Bundesrepublik samt gründlich missglücktem Wiederaufbau von Köln.

Für Gerhard Richters Domfenster hätte es Farbe gebraucht

Wo „Jeck“ zuvor bissig-antiklerikale Geschichtsschreibung betrieb, wird es im zwanzigsten Jahrhundert antinational. Und wir sehen Hybris, Rassismus und Terror. Die berühmte „Domplombe“, eine bis heute sichtbare provisorische Vermauerung eines Bombentreffers im Nordturm, wurde von Zwangsarbeitern gemauert. 1965 durften einmal türkische Gastarbeiter im Dom muslimisch beten, doch dann nie wieder. Beides sind eher unbekannte Geschichten, während einiges Spektakuläre im Comic ausgelassen wird: der Schatzkammerraub von 1975 oder das gegen den Wunsch des Erzbischofs eingebaute Südfenster von Gerhard Richter. Aber fürs Letztere hätte Strombach ja auch 72 Farben gebraucht, und sein Comic ist schwarzweiß.

Doch abseits aller Anekdoten und Mahnungen: Wie dieser Comic Baugeschichte erzählt und dabei fürs zwanzigste Jahrhundert auch unter den Dom blickt, wo man Ende der sechziger Jahre ein ästhetisch überaus fragwürdiges Tiefbaukonzept verfolgt hat, das rechtfertigt den DAM-Preis allemal. Aber man muss gar kein klassisch architektonisches Interesse haben, um Strombachs Schwarzweißband zu bewundern. Er ist informativ, geschickt erzählt und höchst einfallsreich. Gerade seitenarchitektonisch.