
Der Funke will einfach nicht überspringen. Immer wieder reiben Łucja, Krystiana, Radek und Tomasz die künstlichen Feuersteine aneinander, ab und an sprühen Funken, aber der Zellstoff fängt kein Feuer, geschweige denn das Häufchen Zweige darunter. Die ganze Nacht hat es geregnet, und auch jetzt nieselt es unaufhörlich. „Richtig gute Bedingungen heute“, ruft der Ausbilder. Bei Sonne und Trockenheit Feuer machen könne ja so ziemlich jeder. Aber das hier, das sei die Kür. Die zehn Menschen, die vor ihm auf dem Waldboden hocken, versuchen weiter, die kleinen Häufchen vor ihnen anzuzünden. Nach und nach gelingt das auch. „So was hab ich noch nie gemacht“, sagt Łucja. „Ich dachte, das geht viel einfacher“, ruft Krystiana.
Die beiden Frauen gehören wie Radek und Tomasz zu einer Gruppe von 150 Zivilisten, die sich an einem Samstagmorgen Mitte Dezember nach Siedlce aufgemacht haben, einer 80.000-Einwohnerstadt im Osten Polens. Es ist noch dunkel, als sie sich vor dem Kasernentor des hier stationierten 18. Bataillons der polnischen Armee anstellen. Die jüngsten unter ihnen sind Anfang 20, die ältesten über 70 Jahre alt, etwa die Hälfte sind Frauen – quasi ein Querschnitt der polnischen Gesellschaft.
Łucja ist 28 Jahre alt und arbeitet im Vertrieb, Krystiana ist 38 und Buchhalterin, Tomasz, 47, vermittelt Immobilien und Radek, 51, ist Chef seiner eigenen Firma, die Berufsbekleidung herstellt. Sie alle haben sich über eine staatliche App angemeldet, die so gut wie jeder Pole auf seinem Handy hat, weil sich damit Behördengänge digital erledigen lassen und in der zudem Ausweise und Führerschein sowie Krankenkassen- und Mitgliedskarten hinterlegt sind.
Größtes Militärausbildungsprogramm in Polens Geschichte
Seit Kurzem können sich Polen über diese App auch zum Militärtraining für Zivilisten melden. Das Verteidigungsministerium hat das Programm „In Bereitschaft“ entwickelt, das Ende November startete. Es ist das größte Militärausbildungsprogramm in Polens Geschichte. Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz begründete den Aufwand mit den Worten: „Wir leben in den gefährlichsten Zeiten seit dem Zweiten Weltkrieg. Hinter unserer Grenze tobt ein Krieg, es gibt Sabotageakte in der Ostsee und Kämpfe im Cyberspace.“
Noch in diesem Jahr sollen 20.000 und im kommenden Jahr 400.000 Polen an dem Programm teilnehmen. Sie sollen im Ernstfall vorbereitet sein. Das Programm besteht aus vier Modulen, zu denen Sicherheit, Überleben, Erste Hilfe und Cybersicherheit gehören, und die je einen Tag dauern. Die Schulungen finden an Wochenenden statt, wie heute in Siedlce. Hier geht es an diesem Samstag im Dezember ums Überleben: Was tun, wenn Strom, Verkehr und Internet ausfallen und man keine Lebensmittel kaufen kann?
Nach und nach werden die Teilnehmer durch das Kasernentor gelassen und in Gruppen eingeteilt. Die Nachfrage sei enorm gewesen, doch bei 150 Anmeldungen habe man erst einmal Schluss machen müssen, sagt Oberstleutnant Artur Krajewski, Chef des 18. Bataillons, das die Übung in Siedlce organisiert. Auch für ihn und seine Mitarbeiter ist das alles neu: So viele Zivilisten auf einem Militärstützpunkt.

Auf die Teilnehmer wartet jetzt schon die erste Herausforderung: Sie müssen auf die Ladefläche von Mannschaftstransportern klettern. Manche springen behände nach oben und nehmen auf den Holzbänken Platz, andere scheitern daran, sich zwei Meter nach oben zu ziehen, bekommen aber sofort Unterstützung. Dann rollen fünf Transporter mit je 30 Leuten in die Wildnis, zum Außenstützpunkt des Bataillons.
Die meisten Teilnehmer stammen aus Siedlce und Umgebung. In der Stadt, die keine hundert Kilometer von den Grenzen zu Belarus und zur Ukraine entfernt liegt, sind Krieg und Gefahr nicht mehr nur theoretisch. In der Gegend hier gingen viele der rund 20 russischen Drohnen nieder, die Mitte September plötzlich über polnischem Territorium aufgetaucht waren. Und auch die polnischen Kampfflugzeuge, die zur Beobachtung aufsteigen, wenn Russland wieder westukrainische Städte bombardiert, gehören hier längst zum Alltag.
Viele Teilnehmer haben sich auch aus Warschau, das hundert Kilometer westlich liegt, auf den Weg gemacht. „Es war die am nächsten gelegene Möglichkeit“, sagt Radek, der Firmenchef. Er trägt Regenjacke, Kapuzenpulli und Wanderschuhe. Die Initiative der Regierung findet er „sehr, sehr positiv“. Er wolle „bereit sein, wenn etwas passiert“, sagt er, und dass er überrascht sei von der Anzahl der Frauen. Er habe mehrheitlich Männer erwartet. Ihn freue das, denn „egal ob Frau oder Mann, Direktor oder Arbeiter, alle haben doch die gleichen Pflichten als Bürger“.
Not- oder Evakuierungsrucksäcke gibt es im Supermarkt
Auf dem Übungsplatz haben sich die 150 Teilnehmer in drei Reihen aufgestellt. Es ist jetzt neun Uhr, das Thermometer zeigt drei Grad, und der Regen wird stärker. Oberstleutnant Krajewski wünscht allen einen erfolgreichen Tag, dann werden die einzelnen Stationen erläutert. 50 Leute haben sich für das Intensiv-Erste-Hilfe-Training entschieden, die anderen hundert für das Überlebens-Modul, sie werden nun in kleinere Gruppen aufgeteilt.
Und dann geht es auch schon los in Richtung Wald. Zwei jüngere Männer in Jeans und Lederslippern versuchen vergeblich, dem Schlamm auf den zerfahrenen Wegen auszuweichen, die meisten aber sind vorbereitet und tragen festes Schuhwerk.
Hinter einem Hügel sind Zeltplanen zwischen Bäume gespannt, davor wurde ein mit Moos und Laub bedeckter Unterschlupf aus Ästen aufgebaut, in den ein Mensch liegend hineinpasst. Dies sei die Variante, wenn man wirklich gar nichts dabeihabe, um sich einen Wetterschutz oder ein Nachtlager zu bauen, erläutert ein Soldat. Als Gerüst dient ein großer Ast, den vorn zwei kleinere Äste stützen, dann wird das Ganze nach hinten abfallend mit Zweigen, Laub und Moos bedeckt.
„Je dicker die Deckschicht, desto besser der Regenschutz“, sagt der Soldat. Zwischen ein und drei Stunden dauere es, sich eine solche „Laube“ zu errichten. Einfacher gehe es mit Zeltplanen, die man in jedem Baumarkt kaufen könne.

Eine Station weiter geht es genau darum. Unter einem provisorischen Zelt, auf das der Regen trommelt, liegen zwei Rucksäcke, um sie herum ist ihr Inhalt ausgebreitet: Wasserflaschen, Taschenlampe, Batterien, Campingkocher, haltbare Lebensmittel, Feuerzeug, Erste-Hilfe-Pack und Schlafsack. Es handelt sich um Not- oder Evakuierungsrucksäcke, die je nach Bedarf für kurze oder lange Abwesenheit vorbereitet sind. In Polen kann man sie schon seit einiger Zeit fertig gepackt auch in Supermärkten kaufen. Die Regierung in Warschau empfiehlt das ausdrücklich, um für mindestens 24, besser noch 48 Stunden autark zu sein.
Krystiana, die Buchhalterin, macht Handyfotos der Utensilien. Sie trägt eine helle Jacke und eine weiße Bommelmütze. Es sei schon ihr zweites Training, sagt sie. Vor ein paar Wochen habe sie einen Sicherheitskurs absolviert. „Wir werden Krieg haben“, ist sie überzeugt. „Aber ich erwarte keine Panzer und Soldaten, sondern Cyberkrieg, Drohnenangriffe auf Stromleitungen, Heizkraftwerke, so was.“
Ihr Mann sei hier nicht dabei, der passe zu Hause, in einem Warschauer Vorort, auf das gemeinsame Kind auf. Als der kleine Junge erfuhr, dass sie schon wieder einen Samstag beim Militär verbringt, habe er gefragt: ‚Mama, gehst du auch in die Ukraine?!‘ Sie dreht sich kurz weg, als sie das erzählt. Als sie sich wieder gefasst hat, sagt sie: „Wir brauchen mehr Zeit.“ Und dass es ein Training wie dieses an jeder Schule geben sollte. „Das wäre sehr wichtig für uns alle.“
„Was ist, wenn das alles plötzlich nicht mehr da ist?“
Nicht weit von ihr entfernt qualmt ein Lagerfeuer, das nasse Holz scheint eher zu verdampfen als zu brennen. In einer Reihe davor liegen die Häufchen mit Zweigen sowie Handschuhe und Schutzbrillen bereit. Feuer zu machen, sehe in Abenteuerfilmen einfach aus, aber das werde man ja gleich mal testen, sagt der hier zuständige Soldat.
Während sie sich mit den Feuersteinen abmüht, erzählt Łucja, die Vertriebsmitarbeiterin: Sie könne es sich gar nicht vorstellen, nicht in ein Restaurant oder einen Laden gehen oder mangels Strom daheim nichts kochen zu können. Łucja trägt Sneakers, dicke Leggins und eine Daunenjacke. Hier angemeldet, gibt sie zu, habe sie sich auch aus Abenteuerlust. Aber jetzt merke sie, wie ernst die Sache und wie wenig selbstverständlich vieles in ihrem modernen Leben sei. „Wir haben Handys, Strom, fließend Wasser und warme Kleidung. Aber was ist, wenn das alles plötzlich nicht mehr da ist?“

Bei den meisten glimmen jetzt ein paar Zweige, der Ausbilder nickt zufrieden. „In meinem Freundeskreis reden wir darüber, was wir tun, wenn Krieg ist“, sagt Łucja. „Wahrscheinlich würden wir nach Westen flüchten.“ Sie habe Freunde in Berlin. Bekannte hätten sich eine Wohnung in Spanien gekauft. Auch das ist ein Trend in Polen, zumindest für jene, die es sich leisten können.
Als nächsten Programmpunkt haben die Organisatoren eine Orientierungsübung eingebaut. An einem Unterstand liegen Karten und Kompasse bereit. Diese nach Norden auszurichten, kriegen die meisten problemlos hin. Schwieriger ist es, die Koordinaten des Weißen Adlers zu bestimmen, des polnischen Hoheitszeichens, das hundert Meter entfernt an einem Schießstand hängt. Das Handy zu zücken, zählt nicht – trainiert wird ja der Ernstfall, ohne Empfang oder GPS-Signal.
Tomasz, der Immobilienmakler, sagt: „Mich erinnert hier vieles an Zivilverteidigung, die wir früher in der Schule hatten.“ Es sei ganz gut, das alles mal wieder aufzufrischen. „Wir denken oft, wir haben die Armee, und wir zahlen Steuern, und der Staat wird für alles sorgen.“ Aber das reiche nicht. „Wir müssen uns alle mehr verantwortlich fühlen als Gesellschaft.“
Eine empfundene Verpflichtung zu kämpfen
Tomasz, gewappnet mit Wollmütze und roter Regenjacke, lebt in Warschau und hat zwei Kinder, zwölf und 15 Jahre alt. Er freue sich, dass hier so viele Leute dabei seien, sagt er. „In unserem Hinterkopf ist der Krieg immer da, wir leben nun mal so nah dran. Ich bin auch hierhergekommen, um zu sehen, was ich wie entscheiden muss.“ Sollte es wirklich ernst werden, würde er seine Familie sofort nach Westen schicken.
Seine Frau würde darauf bestehen, dass er mitkommt, aber er weiß nicht, ob er das so ohne Weiteres könnte. „Ich habe ein wirklich gutes Leben, und ich fühle die Verpflichtung, zu kämpfen für das, was wir in unserem Land erreicht und aufgebaut haben in den letzten 30 Jahren.“ Gerade habe er zufällig einen Kollegen hier getroffen; sie hätten sich unabhängig voneinander angemeldet. Jetzt überlegen sie, ob sie die ganze Belegschaft mal hierherschicken sollen.

Das Verteidigungsministerium fordert dazu auf. Unternehmen können Gruppenschulungen vereinbaren. Und es geht auf Vorbehalte ein. „Die Verteidigungsschulungen sind nicht mit dem Dienst in der Armee gleichzusetzen, sie enden nicht mit einem Eid oder der Eintragung in die Liste der Reservisten“, heißt es in einer Mitteilung. Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat angekündigt, die Armee von heute gut 200.000 auf 300.000 Soldaten aufzustocken.
Das Land ist einer der engsten Verbündeten der Ukraine, und es sieht sich schon heute durch hybride Angriffe und Drohnenflüge von Russland unmittelbar bedroht. Seine Grenzen zur russischen Exklave Kaliningrad sowie nach Belarus baut Polen zurzeit festungsartig aus. Die Wehrpflicht allerdings, vor 15 Jahren ausgesetzt, wird vorerst nicht reaktiviert. Warschau setzt auf Freiwillige.
Alle fragen sich: Was tun im Ernstfall?
In der Survival-Schulung gebe es bewusst kein Schießtraining, betonen die Organisatoren. Es gehe darum, Zivilisten für das Verhalten in Notlagen zu sensibilisieren. Die müssen nicht zwangsläufig mit Krieg zusammenhängen. Auf einer Lichtung hat die Feldfeuerwehr einen Gaskocher aufgestellt, auf dem ein Topf mit brennendem Öl steht. Wie dieser denn zu löschen sei, fragt der Ausbilder in die Menge – und demonstriert dann, was passiert, wenn man, der ersten Intuition folgend, Wasser darauf kippt. Eine riesige Stichflamme schießt empor, über die zwei Helfer schnell eine Löschdecke werfen.
Danach dürfen Freiwillige versuchen, weiteren Flammen mit verschiedenen Feuerlöschern den Garaus zu machen. Krystiana hat sich einen Pulverlöscher geschnappt. Der Druck wirft sie schier zurück. Auch das habe sie noch nie gemacht, sagt sie. Es sei gut, zu wissen, wie man so etwas handhabe.
Am späten Nachmittag, als es schon wieder dunkel ist und der Regen endlich nachgelassen hat, versammeln sich alle Teilnehmer um ein großes Lagerfeuer. Es gibt Würste am Spieß, und nebenbei kreisen die Gespräche um das Training. Ihr hätten am besten die praktischen Tipps gefallen, sagt eine Frau: wie man sich einen Filter für Regenwasser baut zum Beispiel oder wie man eine Gasmaske korrekt aufsetzt. Ein Mann sagt, dass für ihn die Erste Hilfe wichtig gewesen sei, vor allem Wiederbelebung und Wundversorgung. Er habe so was zuletzt vor Jahrzehnten bei der Führerscheinprüfung mal gemacht. Hin und her geht es jedoch bei der Frage, die praktisch über allem schwebt: Was tun im Ernstfall?

Radek, der Firmenchef, hat sich dazu einige Gedanken gemacht. Seine Tochter im Teenageralter sei schockiert gewesen, als er erzählt habe, wo er heute hingehe. Doch sollte nicht gerade auch die ältere Generation ihren Beitrag leisten? Schließlich müssten genügend junge Menschen übrig bleiben, um das Land nach einem Krieg auch wieder aufzubauen. „Tja, Held oder weiße Fahne“, sagt Radek. Das sei eine sehr schwierige Entscheidung, er sei noch nie mit ihr konfrontiert worden. „Ich kann mir heute viel vorstellen, aber ehrlicherweise kann ich diese Frage erst im Ernstfall wirklich beantworten.“
Am Abend kommen alle noch einmal auf dem Platz zusammen, an dem am Morgen alles begann. Im Scheinwerferlicht eines Transporters ruft Bataillonschef Krajewski jeden Teilnehmer einzeln nach vorn, überreicht ein Zertifikat und eine kleine Tüte mit Andenken an das Training. Auch für seine Soldaten sei diese Form der Ausbildung neu gewesen, sagt er. Er hoffe, dass es lehrreich war, vielleicht ein bisschen Spaß gemacht habe. Und er wünscht allen, dass sie nie gezwungen sein werden, das Gelernte anzuwenden.
