

Robert F. Kennedy Jr. trug Hemd und Krawatte, als er sich im Dezember im Stadtflughafen von Washington an der Klimmzugstange hochzog. Das ist nicht immer der Fall, wenn der amerikanische Gesundheitsminister seine körperliche Fitness zur Schau stellt. Der Einundsiebzigjährige zeigt sich gern auch oberkörperfrei. Bei dem Termin am Ronald-Reagan-Airport ging es um gesünderes Essen und mehr Gelegenheit zur Bewegung an Flughäfen. RFK Jr. gelangen zwanzig Klimmzüge, dem knapp zwanzig Jahre jüngeren Verkehrsminister Sean Duffy zehn.
Die Amerikaner fitter und gesünder zu machen, ist eines von Kennedys Lebensthemen. In Donald Trumps Regierung hat er dafür seine eigene Version des MAGA-Slogans: „Make America Healthy Again“.
Auf Amerika beschränkt er sich dabei nicht. Am Wochenende teilte er mit, er habe der deutschen Gesundheitsministerin „Nina Workin“ einen Brief geschickt. Er habe gehört, dass mehr als tausend deutsche Ärzte und Tausende Patienten rechtlich verfolgt und bestraft würden, weil sie während der Pandemie Ausnahmen vom Tragen von Masken und von Impfungen gegen Covid-19 gewährt hätten. Wo und vom wem er das gehört habe, sagte er nicht. Gesundheitsministerin Nina Warken jedenfalls antwortete deutlich: Die Einlassungen des US-Ministers entbehrten jeglicher Grundlage und seien faktisch falsch. Das erläutere sie Kennedy auch gerne persönlich.
Lange schien die Allianz eines Sprosses der Demokratendynastie Kennedy mit einem Republikaner von Trumps Kaliber unvorstellbar. Im Wahlkampfherbst 2008 ging RFK Jr. im Bundesstaat Colorado von Tür zu Tür und verknüpfte seine Umweltanliegen mit der Aufforderung, für den Demokraten Barack Obama zu stimmen. Der wiederum soll überlegt haben, Kennedy nach seiner Wahl zum Chef der amerikanischen Umweltbehörde zu machen – auch, um ihr mithilfe des erfolgreichen Umweltanwalts neues Gewicht zu verleihen.
Mit 15 nahm er LSD, Crystal Meth und Heroin
Vor drei Jahren noch trat Kennedy als demokratischer Kandidat für die Präsidentenwahl an, bevor er sich zum Unabhängigen erklärte und im August 2024 schließlich ausschied und Trump unterstützte. Fünf Geschwister schrieben damals einen öffentlichen Brief: Die Entscheidung des Bruders sei ein „Verrat“ an den Werten des Vaters Robert F. Kennedy und der ganzen Familie. Es sei das „traurige Ende einer traurigen Geschichte“.
Doch wie fanden Kennedy und Trump zusammen? In seinem Buch „American Values: Lessons I Learned from My Family“ schrieb RFK Jr., er habe die Welt schon als Kind als „Schlachtfeld zwischen Gut und Böse“ empfunden. Sein Großvater Joseph P. Kennedy soll gewollt haben, dass die Enkel „frei von Ideologien“ und mit einem „sozialen Gewissen“ aufwachsen, auf dass sie Geld und Privilegien dazu nutzen, Amerika zu einem besseren Ort zu machen.
Nach einem Studium in Harvard und an der University of Virginia machte Kennedy sich einen Namen als Umweltanwalt. Mit dreißig fing er bei der Umweltorganisation Riverkeeper an, die sich gegen die Verschmutzung des Hudson River einsetzt. Zwei Jahre später wurde er der leitende Anwalt. 1999 gründete er die Umweltorganisation Waterkeeper Alliance, die seither Hunderte Klagen zu Wasserverschmutzungen im ganzen Land angestrengt hat.
Die vielleicht schwierigste Phase seines Lebens hatte er da schon hinter sich. RFK Jr. war neun Jahre alt, als sein Onkel John F. Kennedy, und 14 Jahre alt, als sein Vater Robert F. Kennedy erschossen wurde. Mit 15 nahm er LSD, Crystal Meth, reiste für billiges Heroin nach New York City.
Seine Cousine Caroline Kennedy machte ihm im Zuge seiner Nominierung als Gesundheitsminister öffentlich schwere Vorwürfe. Er habe andere Familienmitglieder damals in die Sucht geführt, immer überall Drogen zur Verfügung gestellt. Er habe es außerdem genossen, damit anzugeben, wie er Küken und Mäuse in den Mixer tat, um seine Falken zu füttern. Er sei „süchtig nach Aufmerksamkeit und Macht“ geworden. RFK Jr. sagte später, er würde dem „nicht widersprechen“; Sucht sei in gewisser Weise narzisstisch.
Er wollte Präsident werden, um kein „Sprechverbot“ mehr zu haben
Es gelang ihm erst nach 14 Jahren, sich vom Heroin zu lösen. Bis heute geht Kennedy nach eigener Aussage jeden Tag zu einem Treffen für Suchtkranke.
In der Öffentlichkeit waren es jedoch nicht seine Drogengeschichten, sondern seine Aussagen über Impfungen, die RFK Jr. vom vielfach gefeierten Kämpfer für die Umwelt nach und nach zu einem Paria machten.
2005 äußerte er sich zum ersten Mal über den angeblichen, von Fachleuten weithin zurückgewiesenen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. In einem Artikel für das Magazin „Rolling Stone“, der später zurückgezogen wurde, behauptete er, Impfstoffe, die Thiomersal enthalten, riefen Autismus hervor. Die Theorie kam offenbar von Müttern, die Anfang der Nullerjahre Kennedys Vorträge über Umweltverschmutzungen durch Quecksilber besuchten. Sie behaupteten, die echte Gefahr lauere in Impfstoffen, aber sie würden mit ihren Sorgen ignoriert. Der Umweltanwalt versprach, sich die Sache anzusehen. Daraus wurde für ihn das nächste Lebensthema. Die Schuldigen schon damals: Wissenschaftler, welche die Amerikaner wissentlich täuschten.
Kennedys Präsidentschaftskandidatur 2023 wurde von dem Gefühl angetrieben, er habe Sprechverbot. Er sagte damals, Präsident zu werden, sei der einzige Weg, wie man ihn nicht mehr „zensieren“ könne.
Dass er am Ende im Kabinett Trumps landete, kam nicht ganz überraschend. Kennedy hatte den Republikaner schon vor der Amtseinführung 2017 im Trump Tower in New York besucht und anschließend gesagt, dieser überlege, ihn zum Vorsitzenden einer Gruppe für Impfempfehlungen zu machen. Dazu kam es jedoch nicht; Trump distanzierte sich. Er bezeichnete Kennedy noch im jüngsten Wahlkampf als einen verrückten Linksradikalen und „dümmstes Mitglied des Kennedy-Clans“.
Nach dessen offizieller Unterstützungserklärung dann besann er sich – sicherlich auch wegen Kennedys Nachnamen. Der Republikaner behauptete nun, er habe immer eine freundliche Beziehung zu ihm gehabt. Man habe dieselbe Sicht auf viele Dinge.
Kennedy zeigte sich jüngst immer noch „schockiert“ darüber, dass Trump die radikale Umgestaltung des Gesundheitssektors durch ihn zulasse. Den Freiraum nutzte er, um vor ein paar Tagen neue Ernährungsrichtlinien zu veröffentlichen: Obst und Gemüse, Proteine, möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel.
Seine endgültige Hinwendung zu den Republikanern vollzog sich nach eigener Aussage in den Monaten nach der Wahl. Damals versammelte er sich mit seinem künftigen Führungsteam im Gesundheitsministerium in der Villa des Fernseharztes und Trump-Fans Dr. Oz in Palm Beach. Man schwamm im Atlantik, spielte Football und plante die Zukunft der amerikanischen Gesundheitspolitik.
Für ihn ist vieles „faschistisch“
Alle seien Idealisten gewesen, erzählte Kennedy später. Das sei in früheren Jahren nicht sein Eindruck von der republikanischen Partei gewesen. „Das Atemraubendste und Erfrischendste daran war für mich, dass die Leute dort nicht in ihren Büros saßen und darüber nachdachten, wie sie die Steuern für die Reichen senken und die Armen benachteiligen könnten, wie es sich die Demokraten vorstellen. Sie fragten sich vielmehr: Wie kann man das Leben aller Amerikaner verbessern?“
Kennedy sagt, er habe Trump immer mehr und mehr schätzen gelernt. Früher nannte er ihn einen unbelesenen Narzissten. Heute berichtet er in Interviews vom angeblich beeindruckenden Wissen des Präsidenten. Trump sei ein „Populist, der sich gegen die fest verwurzelten Mächte, den Deep State und die Verschmelzung von staatlicher und unternehmerischer Macht auflehnt“, sagte RFK Jr. jüngst. Auch wenn der Republikaner als „unternehmensfreundlichster Präsident mindestens seit George W. Bush“ ein eigenartiges „Paradox“ darstelle. Dieses Zugeständnis ist bemerkenswert: Anfang der Nullerjahre verglich Kennedy Bushs unternehmensfreundliche Umweltpolitik mit dem Vorgehen der europäischen Faschisten des 20. Jahrhunderts.
Auch das amerikanische Pandemie-Management nannte RFK Jr. faschistisch. In einer Rede sagte er, selbst in Hitlerdeutschland habe man sich „auf einem Dachboden verstecken können wie Anne Frank“. Für die Aussage entschuldigte er sich später, nachdem selbst seine Frau Cheryl Hines ihn öffentlich kritisiert hatte. Doch Kennedy veröffentlichte auch ein Video, das den obersten amerikanischen Virologen Anthony Fauci mit einem Hitlerbärtchen zeigte. Dieser Tage spricht Kennedy von der Seuchenschutzbehörde CDC immer noch als „Schlangengrube“.
Kennedys Misstrauen gegenüber der CDC sitzt tief. Im September bat er Trump darum, die von ihm selbst ausgesuchte Direktorin zu entlassen, weil er der Meinung war, sie verbünde sich mit den Wissenschaftlern des Hauses gegen ihn. Mehrere Mitarbeiter sind wegen Kennedys Ansichten freiwillig gegangen. Er hat die CDC nach seiner Vorstellung umgestaltet und das Komitee für Impfempfehlungen mit elf neuen Mitgliedern besetzt. Acht von ihnen stimmten jüngst dafür, nach mehr als dreißig Jahren keine grundsätzliche Empfehlung zur Immunisierung von Neugeborenen gegen Hepatitis B auszusprechen.
Außerdem war es ein Projekt Kennedys, die amerikanische Impfpolitik nach Jahrzehnten an das Vorbild Dänemarks anzupassen. Dort werden weniger Standardimpfungen für Kinder empfohlen. In den Vereinigten Staaten sind es nun auch nur noch 11 statt 18. Kritiker verweisen auf die maßgeblichen Unterschiede: Dänemark hat etwa so viele Einwohner wie der Bundesstaat Maryland – einer von fünfzig – und außerdem eine allgemeine Gesundheitsversorgung. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es jedoch, damit wolle man den Vertrauensverlust aus Pandemiezeiten wieder wettmachen.
Kennedy spricht von einer Fügung
Bei den Amerikanern ist Kennedy laut Umfragen trotz seiner radikalen Umgestaltung der Gesundheitspolitik eines der beliebtesten Kabinettsmitglieder. Unter jedem Klimmzug-Video sammeln sich bewundernde Kommentare – man solle erst einmal jemanden im Kongress finden, der es ihm nachtun könne.
Viele von RFK Jr.s Vorhaben als Gesundheitsminister sind weniger umstritten als seine Aussagen zum Impfen: eine strengere Kontrolle der Inhaltsstoffe von Babynahrung etwa, weniger Handynutzung für Schüler und eingeschränkte Werbung für ungesundes Essen für Kinder. Man solle ihm nicht alles nachmachen, sagte RFK Jr. jüngst, auf seine regelmäßigen Besuche im Sonnenstudio und den Konsum von Nikotinkaugummis angesprochen. „Ich sage den Leuten nur: Bringt euch in Form.“ Er selbst macht demnach mindestens 35 Minuten am Tag Sport.
Seinen Weg vom Außenseiter zum Chef der Gesundheitsbelange der Amerikaner beschreibt Kennedy als Fügung. Früher sei er für seine Ansichten zum Impfen für verrückt erklärt und von niemandem ernst genommen worden. Heute bietet Trump ihm eine Plattform für seine Vorhaben; auch wenn der Präsident eigene Vorstellungen hat.
In der Debatte über den angeblichen Zusammenhang des fiebersenkenden Schmerzmittels Tylenol für Schwangere und Autismusdiagnosen von Kindern war Kennedy offenbar ausnahmsweise die mäßigende Kraft. Er soll Trump gesagt haben, die Sache sei komplizierter, als sie vielfach dargestellt würde: Hohes Fieber bei Schwangeren sei nachweislich gefährlich, und man verprelle mächtige Arzneimittelunternehmen. Doch der Präsident gab vor Journalisten im Oval Office die Prämisse aus: „Nehmt kein Tylenol.“ Kennedys Hinweise soll er als „scheißegal“ weggewischt haben.
RFK Jr. verweist trotz seiner Macht, über Gesundheitsbelange der Amerikaner zu entscheiden, gern auf die Eigenverantwortung. Fachleuten zu vertrauen, sei kein Merkmal der Wissenschaft oder einer Demokratie, sagte er jüngst, es sei ein Merkmal des „Totalitarismus und der Religion“. Er sage den Leuten nicht, dass sie ihm vertrauen, sondern dass sie ihm nicht vertrauen sollten.
Nach mehreren Interviews mit Kennedy schrieb ein Journalist des „Atlantic“ jüngst, bei Daten, die seinen eigenen Theorien widersprächen, gehe RFK Jr. in den meisten Fällen von bösen Absichten des Verfassers aus. Der sei entweder von Profitgier oder beruflichem Aufstieg getrieben.
Vor gut zehn Jahren noch sagte Kennedy über seinen Kampf gegen Impfstoffe, er sei „verdammt noch mal allein damit“. Heute steht auf der Website der amerikanischen Seuchenschutzbehörde, „Impfstoffe verursachen keinen Autismus“ – mit Sternchen. Tatsächlich sei die Behauptung nicht wissenschaftlich belegt, heißt es weiter, weil Studien diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen hätten. Die Überschrift stehe dort nur noch, weil man sich mit dem Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Senat darauf geeinigt habe. Der Republikaner Bill Cassidy, ein Arzt, hatte Kennedy in seiner Ernennungsanhörung das Versprechen abgenommen, sie im Tausch für seine Stimme nicht zu verändern. Über Ergänzungen hatten sie damals offenbar nicht gesprochen.
