Die Umgebung ist Urs Fischer bestens vertraut. Und es war ihm ein Spaß, darauf hinzuweisen: „Jajaja, ich muss ganz nach links …“, feixte Fischer, als er nach dem 2:2 als „Gästetrainer“ den Pressesaal des Stadions An der Alten Försterei betrat. Genauer: Als Coach des 1. FSV Mainz 05, der er nun seit rund einem Monat ist, und eben nicht mehr als Trainer Unions, der er fünfeinhalb Jahre war.
Fischer, 59, wirkte bestens gelaunt, was nur daran liegen konnte, dass er bei der ersten berufsbedingten Rückkehr nach Köpenick seit November 2023 derart oft und innig umarmt wurde, dass der Samstag für ihn zum vorweggenommenen Weltknuddeltag wurde. Vielleicht auch noch daran, dass er behaupten kann, als Mainz-Trainer noch ungeschlagen zu sein.
Andererseits ließe sich halt auch sagen, dass Fischer nach wettbewerbsübergreifend fünf Spielen als Mainzer Coach noch immer auf den ersten Sieg wartet. Man muss nicht Pythagoras sein, um zu errechnen, dass ein Tabellenletzter wie Mainz nicht vom Fleck kommt, wenn er nur Unentschieden sammelt.
Die Ausbeute in Berlin mutete umso karger an, als Mainz mit einer 2:0-Führung einen markanten Unterschied zum Tabellenneunten aus Köpenick herausgestrichen hatte. Das 1:0 durch Nadiem Amiri (30.) und das 2:0 durch einen weiteren früheren Unioner, Benedict Hollerbach (69.), waren fein herausgespielt und trugen somit der höheren fußballerischen Qualität des Mainzer Mittelfelds Rechnung. Dass Union mit der Wucht des Stadions zurückkam und die Unioner bei minus sechs Grad nicht nur eisige Kälte, sondern auch Morgenluft witterten, als Woo-Yeong Jeong per Kopf das 1:2 erzielte (77.) – wer hätte damit noch stärker rechnen müssen als Fischer?
Wenn man so will, war es kein Zufall, dass es technischer Hilfsmittel bedurfte, um zu ermitteln, wer in der 86. Minute den 2:2-Ausgleichstreffer erzielt hatte: Der zunächst als Urheber ausgerufene Innenverteidiger Danilho Doekhi, der einen Freistoß von Derrick Köhn an die Latten-Unterkante wuchtete? Der eingewechselte Marin Ljubicic, der den auf der Torlinie aufgeprallten Ball zur Sicherheit über die Linie drückte? Oder doch das ganze Stadion?
Sicher ist nur, dass das Signal der Torlinientechnik erst nach Ljubicics Berührung anschlug; es relativierte eine Köpenicker Stürmer-Debatte. „Leider treffen die nicht immer so die Kiste“, sagte Union-Trainer Steffen Baumgart. Den Beweis lieferte Mittelstürmer Andrej Ilic beim Stand von 1:2. Nach einem Querlatten-Lupfer von Andras Schäfer setzte Ilic seiner bisherigen Glückslosigkeit (15 Bundesliga-Spiele, null Treffer) eine spektakuläre Krone auf. Er verfehlte beim Versuch, den Abpraller im verwaisten Tor unterzubringen, das Ziel. „Tragische Figur? Dafür ist der Job viel zu geil“, brummte Baumgart, und erinnerte an die sieben Assists, die Ilic bislang geliefert hat.
Ilic steht damit im teaminternen Ranking Unions hinter Ilyas Ansah (fünf Tore, zwei Vorlagen), aber zum Beispiel vor Bundesliga-Kollegen wie Nadiem Amiri (4/1). Der Mainzer Topscorer zeigte sich vom Klassenverbleib überzeugt, seine Mannschaft sei „zu gut“, argumentierte er. Gleichwohl riet er dazu, sich am Dienstag gegen den Konkurrenten Heidenheim nicht nur auf fußballerische Elemente zu verlassen: „Kopf nach oben, Eier in die Hand nehmen – und dann geht’s los“, schlug Amiri vor.
