

Auf der Rückfahrt aus dem Weihnachtsurlaub kam uns auf dem Weg um den Stau herum ein plötzlicher Gedanke. Es gibt einen Gegenstand, der in modernen Automobilen fast so obsolet wirkt wie ein Aschenbecher: die Straßenkarte. Heute haben wir diese analogen Relikte gegen eine beruhigende Stimme aus dem Off getauscht. Das Navigationsgerät hat unser Verhältnis zum Raum fundamental verändert. Wir wissen oft nicht mehr, wo wir sind, sondern nur noch, wann wir ankommen. Wir folgen einer blauen Linie, isoliert von der Umgebung, fokussiert auf den nächsten Abbiegehinweis. Und es ist, wenn man auf der bayerischen Landstraße etwas darüber nachdenkt, eine gefährliche Metapher für den Zustand unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung.
Denn der Unterschied zwischen der Karte und dem Navi ist nicht allein technischer, sondern auch kognitiver Natur. Wer auf eine Karte schaut, sucht nicht nur den Weg, er sucht den Überblick. Er sieht, was links und rechts der Route liegt. Er erkennt die Zusammenhänge – warum die Straße hier einen Bogen macht, wie Städte und Dörfer zueinander in Beziehung stehen, wie groß die Distanz wirklich ist. Die Karte zeigt also Kontext. Das Navigationsgerät hingegen bietet uns einen Tunnelblick.
Wir navigieren von Erregung zu Erregung
Übertragen wir dieses Bild auf unsere politische Öffentlichkeit, so leben wir zunehmend in einer „Navi-Demokratie“. In den sozialen Netzwerken, aber auch im getriebenen Rhythmus der Eilmeldungen lassen wir uns von Erregung zu Erregung navigieren. Ein Thema ploppt auf, wir biegen scharf ab in die Empörung, dann sofort wieder in die nächste Debatte. Wir reagieren auf Impulse, anstatt die Topographie des Problems zu betrachten. Wir verlernen damit nicht nur im Auto, die Zusammenhänge zu sehen: Warum eine Entscheidung getroffen wurde, welche historischen oder ökonomischen „Gebirge“ umfahren werden mussten und dass der scheinbar einfachste Weg oft in eine Sackgasse führt.
Dieser Verlust des Überblicks ist der Nährboden für jene politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die so viele irritieren. Wer nur seiner blauen Linie folgt, hält jeden, der eine andere Route wählt, für einen Geisterfahrer. Die Karte hingegen lehrt Demut: Sie zeigt, dass viele Wege zum Ziel führen und dass wir uns alle auf demselben Territorium bewegen.
Virulent wird diese Frage auch im übertragenen Sinn, wenn wir den digitalen Echoraum verlassen und uns der konkreten Realität vor unserer Haustür zuwenden – zum Beispiel bei der anstehenden Kommunalwahl in Hessen. Denn auch hier droht die Gefahr, dass wir uns von der „Stimme aus dem Off“ leiten lassen – von Bundestrends, von Berliner Stimmungen, von der großen, oft toxischen Debattenlage, die mit den realen Problemen in einer hessischen Gemeinde oft wenig zu tun hat. Wer bei der Kommunalwahl nur seinem nationalen oder ideologischen „Navi“ folgt, wählt oft gegen die eigene Lebensrealität.
Er bestraft oder belohnt die Stadtverordneten vielleicht für die Politik des Kanzlers oder wählt eine Partei, ohne zu prüfen, ob deren Vertreter an Ort und Stelle überhaupt wissen, wo der neue Kindergarten gebaut werden soll. Wer die Karte liest, versteht das Land. Wer nur dem Navi folgt, kommt vielleicht an – aber er hat von der Reise nichts begriffen. Mit der Wahl in Hessen haben wir die Chance, zu beweisen, dass wir uns noch orientieren können.
