Procter & Gamble: Hightech für den Babypopo

Das Prinzip der Kernspinresonanz kennt man aus der modernen Medizin – es kommt bei MRT-Untersuchungen zum Einsatz. Bei Procter and Gamble in Schwalbach werden mit Kernspinresonanzsensoren allerdings nicht die Körper von Patienten durchleuchtet, sondern Windeln. Der Pampers-Hersteller untersucht in seinem Entwicklungszentrum im Taunus, wie gut die Produkte aus dem eigenen Haus und jene von Wettbewerbern Flüssigkeiten aufsaugen.

„Es geht darum, Absorptionsprozesse zu verstehen: wie gelangt Flüssigkeit von der obersten Schicht der Windel möglichst schnell in den Kern und wird dort von der Haut weggesperrt“, sagt Jan Claußen, der Leiter des Kernspinresonanzlabors. Immerhin besteht eine Pampers nach Unternehmensangaben aus bis zu 30 verschiedenen Materialien – und man suche stetig nach Wegen, deren Masse zu verringern, sagt Heiko Tischler. Tischler leitet das German Innovation Center (GIC), wie das im Jahr 2000 aufgebaute Entwicklungszentrum bei Procter and Gamble heißt. Außer dem Campus in Schwalbach gehört dazu seit 2005 ein weiterer in Kronberg. Mit insgesamt 2500 Beschäftigten ist das GIC das größte Entwicklungszentrum des US-Konzerns außerhalb der Vereinigten Staaten.

Deutschland bietet ein gutes Testumfeld

„Deutschland ist einer der fünf wichtigsten Märkte für Procter & Gamble“, sagt Tischler zur Bedeutung des Standorts. „Hinzu kommt: Der starke Wettbewerb im deutschen Einzelhandel ist eine Herausforderung, wenn man die bewältigt, motiviert das sehr. Auch die Verbraucher sind anspruchsvoll.“

GIC-Geschäftsführer Heiko Tischler
GIC-Geschäftsführer Heiko TischlerFrank Röth

Um deren Wünsche möglichst genau zu ermitteln, lässt das GIC seine Entwicklungen ständig von potentiellen Kunden testen. Ob Oral-B-Zahnbürsten, Rasierapparate von Braun, Damenbinden der Marke Always, Head-and-Shoulders-Shampoo oder eben Pampers: Alle diese Produkte werden vor und nach Neuentwicklungen an Testhaushalte ausgegeben, mit der Bitte um Bewertung. Allein die Windel-Entwicklungsabteilung arbeitet mit 800 Familien zusammen, die regelmäßig Pampers und Konkurrenzprodukte abholen.

Gegen den Blow-out

Als Neuerung wurde vor zwei Jahren beispielsweise ein „Stopp- und Schutztäschchen“ am rückwärtigen Windelbund eingeführt, speziell für Neugeborene, deren Stuhl oft noch recht flüssig ist. „Das soll den Blow-out stoppen“, sagt Dirk Saevecke, Leiter der Pampers-Entwicklungsabteilung. Wer schon einmal eine „Windel-Explosion“ mitbekommen hat, versteht diesen Satz sofort – und weiß auch, dass danach meistens ein kompletter Kleiderwechsel nötig ist. Was bei kleinen Babys für alle Beteiligten Stress bedeutet, besonders wenn es außer Haus passiert.

Die Entwicklung des Stopp- und Schutztäschchens, mit dem seit 2023 Pampers aus der Reihe Premium Protection ausgestattet sind, hat laut Saevecke mehr als zwei Jahre gedauert. Warum solche Prozesse aufwendig sind, davon vermittelt der Rundgang durch das GIC zumindest eine Ahnung. In dem Zentrum werden nicht nur Windeln durchleuchtet und die von den Testhaushalten ausgefüllten Fragebögen ausgewertet, sondern auch regelmäßig Kinderpopos auf mögliche Ausschläge und andere unerwünschte Hautreaktionen überprüft. Und wenn die Entwickler alle aus diesen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt und einen Entwurf einer neuen Windel fertig haben, muss noch der Herstellungsprozess angepasst werden.

Dafür gibt es im GIC einen eigenen „Maschinenraum“, wie Rolf Hecker seinen Arbeitsplatz nennt. Zusammen mit seiner Kollegin Maike Thomann steht er neben einer 30 Meter langen Produktionslinie, an der sie ausprobieren können, wie sich die Herstellung von Neuentwicklungen automatisieren lässt. „Der Umbau der Maschine kann bis zu zwei Wochen dauern“, sagt Hecker. Manchmal müsse man für die Fertigung von Prototypen zunächst einmal „auf Handarbeit zurückgreifen“.

Auch Friseure arbeiten im Entwicklungszentrum

Noch mehr Fingerspitzengefühl ist im Testsalon für Haarpflege gefragt, in dem Friseure die Wirkung neuer Varianten von Schuppen-Shampoos der Marke Head & Shoulders oder auch Haarkuren von Pantene Pro-V kontrollieren. Dafür werden die Haare von Testpersonen in der Mitte gescheitelt, um dann jede Seite mit einem anderen Produkt behandeln und die Ergebnisse vergleichen zu können.

Außerhalb des Salons gibt es noch weitere Prüfstationen: So wird bei Produkten gegen Haarausfall ermittelt, wie viele Haare nach einer gewissen Behandlungsdauer pro Zentimeter Kopfhaut sprießen. Für Procter-Mitarbeiterin Mandy Beckmann verbindet sich in der Haarpflege-Abteilung „Wissenschaft mit Schönheit“.

Braun-Rasierapparate werden am Standort Kronberg weiterentwickelt, wo sich das gleichnamige Unternehmen 1967 niederließ. Wenig später wurde es an Gillette verkauft, diesen Konzern wiederum hat Procter & Gamble 2005 übernommen. Produziert werden Braun-Rasierer mittlerweile im baden-württembergischen Walldürn. Insgesamt betreibt Procter in Deutschland außer dem Entwicklungszentrum sieben Produktionsstätten, eine davon im südhessischen Groß-Gerau – dort werden Wick-Hustenbonbons hergestellt und Zahnpasta. Das deutsche Pampers-Werk steht im rheinischen Euskirchen.

Dass die Entwicklung zur Jahrtausendwende in Schwalbach angesiedelt wurde, hängt mit der langjährigen Präsenz von Procter and Gamble im Rhein-Main-Gebiet zusammen – das erste Büro des Unternehmens hierzulande wurde 1960 in Frankfurt gegründet. Für das GIC sei bis heute die Lage der Region mitten in Deutschland von Vorteil, sagt Geschäftsführer Tischler: Die meisten Produktionsstandorte seien von Schwalbach keine zwei Autostunden entfernt. So könnten die Entwickler mit Prototypen in die Werke fahren, um dort mit den Ingenieuren über die Produktion im industriellen Maßstab zu sprechen.

Eine Mutter holt Windeln ab, um sie daheim zu testen.
Eine Mutter holt Windeln ab, um sie daheim zu testen.Frank Röth

Das Entwicklungszentrum profitiere außerdem von seiner Nähe zu Unis und Forschungseinrichtungen: „Wir haben hier im Umkreis die Universitäten Mainz, Darmstadt, Frankfurt und mehrere Fraunhofer-Institute.“ Im GIC seien 30 verschiedene wissenschaftliche Disziplinen vertreten, hauptsächlich Naturwissenschaftler, aber auch Geisteswissenschaftler oder Luft- und Raumfahrttechniker. Weil das Zentrum für Märkte weltweit arbeite, sei auch die Internationalität der Region ein Vorteil – die Beschäftigten in Schwalbach und Kronberg stammten aus 60 verschiedenen Nationen.

Welchen Fortschritt ihre Arbeit auf lange Sicht bringt, werde an der umsatzstärksten Marke Pampers deutlich, sagt Tischler: „Der Materialeinsatz für eine Windel war vor 40 Jahren um 50 bis 60 Prozent höher als heute.“