
Wie wichtig heikle Personalentscheidungen in einer Liga genommen werden, die jedes Jahr mehr als zwanzig Milliarden Euro umsetzt, lässt sich daran ablesen, mit wie vielen Angestellten Teams ausrücken, um einen hoch eingeschätzten Nachwuchsspieler zu begutachten. Man nehme die New England Patriots, die im März 2024 mit sage und schreibe neun Mann in die kleine Universitätsstadt Chapel Hill in North Carolina reisten, um den damals 21 Jahre alten College-Football-Quarterback Drake Maye unter die Lupe zu nehmen.
Es ging ihnen darum, mehr als einen optischen Eindruck seines spielerischen Rüstzeugs zu gewinnen – von seinem starken Wurfarm, seiner Fähigkeit, seine Vorderleute mit präzisen Pässen zu bedienen oder um die Reflexe, die man braucht, um heranstürmende Verteidiger auszutanzen. Solche Qualitäten lassen sich viel bequemer anhand von Zeitlupenanalysen auf Video ermitteln.
Der Zweck der Übung war ein anderer: Jedes Mitglied der Delegation wollte ein individuelles Gespräch mit ihm führen: Nicht nur der für die Gehaltsvereinbarung zuständige General Manager, der fürs Taktik-Programm verantwortliche Cheftrainer sowie der Spezialtrainer der Mannschaft für die Quarterbacks. Interesse daran, das Entwicklungspotenzial von Maye so gründlich wie möglich auszuloten, hatten viele in der Administration der Franchise, die die Liga in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts dominiert hatte, aber danach in den Tabellenkeller abgerutscht war.

Stoff für Fragen gab es genug. Das begann schon mit Mayes sportlichem Stammbaum. Vater Mark etwa war in den achtziger Jahren Quarterback der Universität North Carolina gewesen. Drakes ältere Brüder Luke (2017 amerikanischer Meister mit derselben Uni im Basketball) und Cole (College-Meister mit der Universität Florida im Baseball) zeigten ebenfalls überdurchschnittliches sportliches Format. Wie viel von den genetischen Fingerabdrücken hatten das jüngste Kind der Familie geprägt?
Die Patriots haben das größte Los gezogen
Was der Franchise dabei half, sich Maye bei der Draft wenige Monate später zu sichern: Jede der beiden Mannschaften, die den Patriots ihren Wunschkandidaten hätten wegschnappen können, hatte es auf zwei andere Quarterbacks abgesehen. Die Chicago Bears holten sich Caleb Wilson und die Washington Commanders Jayden Daniels. Für beide Teams übrigens, Stand heute, eine gute Entscheidung.
Inzwischen zeichnet sich allerdings ab, dass die Patriots in diesem von glücklichen Zufällen geprägten Auswahlsystem vermutlich das größere Los gezogen haben. Nur einer der neun Handelsreisenden profitierte nicht von seiner Weitsicht: Cheftrainer Jerod Mayo, der nach dem Ausflug nach North Carolina geschwärmt hatte: „Was mich am meisten an ihm beeindruckt, ist seine Zähigkeit. Wenn er zu Boden geht, steht er gleich wieder auf. Ich sage nicht, er ist Tom Brady. Aber er hat dessen Mentalität.“

Dem Nachfolger der 2023 gefeuerten Trainer-Legende Bill Belichick wurde die enttäuschende Bilanz der ersten Maye-Saison angekreidet. Gerade mal vier Siege in siebzehn Begegnungen waren zu wenig, um die gesteigerten Erwartungen zu erfüllen. Nicht zu reden von der schlechten Stimmung der Fans bei Heimspielen in einem halbleeren Stadion, die schon früh forderten, Mayo zu entlassen.
Nach dem Rauswurf wurde gleich an zwei wichtigen Stellschrauben gedreht. Die Verpflichtung von Mike Vrabel, wie Mayo ein ehemaliger Patriots-Linebacker, aber ein Mann mit bedeutend mehr Coaching-Erfahrung, hatte den größten Effekt. Die Wahl von Running Back TreVeyon Henderson bei der Draft im vergangenen Sommer erwies sich als weiterer Glücksgriff. Und beide Entscheidungen halfen wiederum in der Entwicklung des jungen Spielmachers zu einem echten Hoffnungsträger.
Favorit für die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler
Den stellten nach seiner zweiten Saison bereits viele Experten auf eine Stufe mit den Top-Quarterbacks der NFL. So gilt er derzeit neben Matthew Stafford von den Los Angeles Rams als Favorit für die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der regulären Saison. Das einzige, was gegen diese Würdigung spräche: Die Patriots, die es mit vierzehn Siegen und nur drei Niederlagen auf Rang zwei der Setzliste der American Conference (AFC) für die Play-offs schafften, hatten aufgrund der Spielplangestaltung der NFL mit auffallend vielen schwachen Gegnern zu tun.
Wofür übrigens nicht zuletzt ein klassisches NFL-Phänomen verantwortlich war. In der Liga mit ihren 32 Teams besteht das Basis-Programm der Tabellenrunde für jede Mannschaft aus gerade mal siebzehn Begegnungen. Das hilft den Saisonplanern, gezielt schlechteren Teams des Vorjahres ein etwas einfacheres Programm zuzuspielen, um den Wettbewerb künstlich attraktiver zu machen.
Dazu kommt im Fall der Patriots allerdings eine weitere Fügung. In der schwachen East Division der AFC, in der sie jedes Jahr pflichtgemäß zweimal gegen die drei selben Rivalen antreten müssen, hatten sie zuletzt zumindest gegen zwei von denen, die chronisch schlechten New York Jets und Miami Dolphins, leichtes Spiel. Und selbst den stärker eingeschätzten Buffalo Bills konnte man zumindest einen Sieg abringen.
Weshalb die Auseinandersetzung vor eigenem Publikum mit den Los Angeles Chargers in der ersten sogenannten Wild-Card-Play-off-Runde in der Nacht zum Montag (2.15 Uhr MEZ bei RTL und DAZN) ideal als Leistungstest taugt, aus dem sich viele weitere Erkenntnisse ziehen lassen. Darunter jene: Ist Drake Maye bereits für die ganz großen Aufgaben gerüstet? Sollte New England gewinnen, wäre dies der erste Play-off-Sieg in fünf Jahren.
