Die Künstlerzeitschrift „Entwerter/Oder“: Jung und auf Ärger vorbereitet

Haptik statt Hochglanz: Texte auf Schreibmaschinenpapier, man spürt es knistern, der Durchschlag variiert; Einbände aus rauer Kartonage, Schuber, Holzboxen, Mappen; Farben, deren Auftrag eine Textur bildet, dann ein Kopf aus verschiedenen Wesenheiten und Verknüpfungen, das ist die Ausstellung „Entwerter/Oder und das sogenannte ‚Zeitschriftenunwesen‘“. Ein angemessen sperriger Titel!

„Finale Grande“ steht als Motto unter dem Kopf, in Signalrot geschrieben und gezeichnet von dem Maler Frank Siewert für das Heft Nr. 102 der original-grafischen Zeitschrift Entwerter/Oder. Die Ausgabe wird die letzte sein.

Ins Leben gerufen wurde Entwerter/Oder 1982 von dem Autor und gelernten Kartografen Uwe Warnke und dem Puppenspieler Siegmar Körner. Seit 1984 fungiert Warnke als alleiniger Herausgeber.

Der Schrift Zeit lassen

Entwerter/Oder, eine Zeitschrift, die der Schrift Zeit ließ, kann als der Beitrag Friedrichhains zur unabhängigen Kunstszene der späten DDR betrachtet werden und war mit einem Sonderheft zur Visuellen Poesie früh in beiden Deutschländern unterwegs.

Jetzt zeigt sich das Ostberliner Kind Entweder/Oder großgeworden in Westberlin, im Willy-Brandt-Haus am Halleschen Tor. Dass es dafür die Regine-Hildebrandt-Galerie im zweiten Stock gekriegt hat, ist eine schöne Volte. Die langjährige Brandenburger Arbeitsministerin nahm die Programmatik im Wort Sozialdemokratie ernst.

„Wir waren jung und auf Ärger vorbereitet. Wir hatten nichts zu verlieren. Wir taten etwas, ohne zu fragen. Genau das war das Politikum“, sagt Warnke. Stichwort Politikum: Den Ausstellungsauftakt bildet die erste Entwerter/Oder-Ausgabe. In den Notaten Körners und Warnkes unter verschiedenen Synonymen wird eine Gesellschaft deutlich, die sich fast nur noch im Selbstgespräch befindet.

Umschlaggrafik von 1987



Foto:
Harald Rautenberg

Ein Thema bei Warnke ist das 1981 in Polen verhängte Kriegsrecht. Erinnert sei daran, dass das östliche Nachbarland der DDR trotz aller internationalistischen Bekundungen Gegenstand abschätziger Witze auf Schulhöfen und in Pausenräumen war. In einem längerem Prosatext Körners wird nächtens im Elbflorenz Dresden ein „Trennungswall“ zwischen Anstand und Abschaum errichtet.

Berlin als schöpferische Herausforderung

Zum Schöntrauern taugt Entwerter/Oder nicht, dafür zur Erinnerung daran, dass Berlin, bevor die Stadt eine nervtötende Zumutung wurde, eine schöpferische Herausforderung war. 1988, ein Jahr nach den 750-Jahrfeiern in Ost und West, erschien unter dem mehrdeutigen Titel „berliner mauern“ die dritte thematische Ausgabe von Entweder/Oder: Friedhofsfotos von Harald Hauswald mit Kreuz und Engeln vor dem antifaschistischen Schutzwall, der die alte Scheiße nicht abhalten konnte und konservierte; Szenen einer eingemauerten Beziehung in einem Dramentext von Christian Hussell, oder „Soll ich die Baumeister rühmen“, eine Ortsbegehung von Christoph Schnauß an die Ecke Oranienburger / Friedrichstraße.

Schnauß erwähnt ausdrücklich den Schriftzug „Nie wieder Krieg“ an der Rückseite der Stahlbeton-Ruine, in der das Kunsthaus Tacheles Berlin nach der Maueröffnung zu einem so schwierigen wie lukrativen Mythos verhelfen sollte, einem, der seinen Urhebern nicht nur gutgetan hat.

Der Schriftzug hatte seinen Grund an diesem Ort. Das Gebäude, ehemals ein Kaufhaus und Schauraum der AEG, war Sitz der Deutschen Arbeitsfront und des Zentralbodenamts der SS, in seinem Dachgeschoss waren Kriegsgefangene untergebracht, kurz vor der Befreiung fluteten die Nazis einen der Keller.

Es ist nicht so, dass in den zugigen Höfen des 2023 eröffneten Stadtquartiers „Am Tacheles“ an diese Geschichte nicht erinnert wird. Nur ist auf dem Weg „von der Legende zum Lebensort“, der „urbanes Leben neu denkt: mit Design, Kunst, Kulinarik und Kultur auf höchstem Niveau“ (O-Töne aus einem Verkaufsexposé), mehr verloren gegangen als der Ort einer ruhelosen Jugend. Bevor der Grund zurückschlägt, eines der Anagrammgedichte von Bert Papenfuß aus der Entwerter/Oder-Jubiläumsausgabe Nr. 100 von 2017: „Das Beschauliche ist das Abscheuliche“. Gilt auch hintenrum.