

Jamie Leweling staunte nach dem Abpfiff immer noch darüber, wie leichtgängig so ein Fußballerleben in manchen Momenten ist. „So einfach kann es sein. Einfach den Ball ins Tor schießen“, sagte der Stuttgarter Flügelspieler nach dem imponierenden 4:1-Sieg bei Bayer Leverkusen. Leweling hatte zwei Tore geschossen, er hatte brillant verteidigt; nach mehreren sehr guten Spielen gegen die Rheinländer während der vergangenen Jahre ist erstmals seit 2018 wieder einmal ein Sieg gelungen.
„Offensichtlich war es so, dass sich hier in den letzten Jahren was aufgestaut hat“, sagte der Stuttgarter Sportchef Fabian Wohlgemuth in Anspielung auf diese Bilanz und richtete im Überschwang direkt den Blick auf das gerade erst begonnene Fußballjahr: „Ich glaube, wenn man über die WM redet, hat der eine oder andere einen richtigen Schritt gemacht.“
Die Stuttgarter waren ja im Herbst etwas enttäuscht, weil Bundestrainer Julian Nagelsmann zuletzt eher auf Spieler anderer Klubs gesetzt hatte. An diesem Abend haben nun etliche Stuttgarter Werbung in eigener Sache gemacht. Der allgegenwärtige Leweling, Deniz Undav, der zwei Tore vorbereitete, aber auch Maximilian Mittelstädt sowie der Innenverteidiger Jeff Chabot hatten sowohl mit als auch gegen den Ball auf einem sehr hohen Niveau gespielt. „Wir haben Leverkusen nicht zur Entfaltung kommen lassen, haben auch in der Rückwärtsbewegung viele Bälle erobert, das war überragend“, sagte Wohlgemuth.
„Die ersten 30 Minuten waren fast perfekt“
Selten ist das spanische Mittelfeldgetriebe mit Aleix Garcia und Alejandro Grimaldo derart ausgeschaltet worden wie in dieser ersten Halbzeit, an deren Ende der VfB mit 4:0 führte. „Die ersten 30 Minuten waren fast perfekt“, sagte VfB-Trainer Sebastian Hoeneß. Wieder und wieder gingen die Bälle im Leverkusener Spielaufbau verloren, noch bevor das Angriffsdrittel erreicht war. Kapitän Robert Andrich monierte eine gewisse „Schläfrigkeit“ im Spiel seines Teams und sagte: „Wir waren nie so richtig da. Wenn du gegen so eine aggressive Mannschaft spielst, musst du in den Duellen ganz anders rangehen. Wir haben viele Duelle nicht angenommen oder sogar verweigert.“
In der siebten Minute traf Jamie Leweling zum 0:1, weil Deniz Undav nach einer Balleroberung viel Zeit für einen Steilpass hatte. Ähnlich indisponiert war Bayer 04, als Josha Vagnoman in ein Laufduell mit dem orientierungslosen Leverkusener Verteidiger Jeanuel Belocian geschickt wurde, dem ein elfmeterwürdiges Foul unterlief. Maximilian Mittelstädt versenkte den Strafstoß zum 0:2 (23.), bevor kurz vor der Pause die endgültigen K.-o.-Schläge folgten.
Leweling (45.) und Undav (45.+2) nutzten die riesigen Räume in der Leverkusener Defensive für zwei weitere Treffer und machten Schwächen bei der Werkself sichtbar, die aufmerksame Beobachter bereits in den Wochen vor Weihnachten erahnen konnten. Doch die kleineren Mängel beim Verteidigen wurden oft durch Stärken am Ball und eine gewisse Widerstandskraft aufgefangen. An diesem Abend nicht.
Nun erlitt das Team von Trainer Kasper Hjulmand eine ähnliche Demontage wie bereits in der Champions League beim 2:7 gegen Paris Saint-Germain im Oktober. Die Stuttgarter können sich derweil darüber freuen, ähnlich dominant im Stadion des deutschen Meisters von 2024 aufgetreten zu sein wie der Gewinner der Champions League Ende Oktober.
Leweling schien überall zu sein
Hoeneß hatte sich nicht nur einen perfekt funktionierenden Matchplan erdacht, die Stuttgarter setzten die Strategie auch mit einer Wucht um, der Bayer 04 nichts entgegenzusetzen hatte. Hinten räumten Chabot und Ramon Hendriks auf, vorne waren Undav und Chris Führich kaum zu stoppen, und Leweling schien überall zu sein.
Alle Versuche von Bayer 04, nach der Pause doch irgendwie in dieses Spiel zurückzukommen, schlugen fehl. Zwar traf Grimaldo noch per Elfmeter zum 1:4 (66.), aber so etwas wie ein Aufbäumen gab es nicht. „Es geht dann manchmal nicht um die fußballerische Qualität, sondern um das Zweikampfverhalten, und das war bei uns ansatzweise nicht so gut wie bei Stuttgart“, sagte Andrich.
Die Stuttgarter sind damit erst mal der große Gewinner dieses ersten Spieltags im neuen Jahr und haben einen echten Spannungsimpuls im engen Wettbewerb um die Qualifikation für die kommende Champions-League-Saison gesetzt. Dortmund, Frankfurt und Leverkusen haben nicht gewonnen, die Partien von Leipzig und Hoffenheim wurden abgesagt. „Jetzt sind wir punktgleich mit Leverkusen, das ist überragend“, sagte Hoeneß, dessen Spieler viel vorhaben im neuen Jahr. Manche sehen sich selbst im Nationalmannschaftskontext – und alle als Teil dieses starken Bundesligateams.
