

Rente, AfD-Kontakte, Wärmepumpen – die jüngere Geschichte ist voll von wirtschaftspolitischen Gefechten. Kein Wunder, es steht viel auf dem Spiel. In der Sozialpolitik muss radikal umgesteuert und gekürzt werden, der Aufstieg der Rechtspopulisten treibt die Parteien der Mitte vor sich her, und in der Energie- und Klimapolitik geht es um Grundsatzfragen, die den Kern des Industriestandortes Deutschland berühren.
Wer sich in die öffentlichen Arenen begibt – neben Politikern sind das vor allem Unternehmer, Verbandsvertreter, NGO-Funktionäre –, braucht ein dickes Fell. Das war schon immer so. Wer die Hitze nicht aushält, sollte sich von der Küche fernhalten. Schon frühere Debatten wurden nicht mit Wattestäbchen ausgefochten. Wer sich davon überzeugen will, schaue sich Bundestagsdebatten zu den Hartz-Reformen oder den Hilfspaketen für Griechenland während der Eurokrise an.
Schärfe, die der Sache schadet
Doch zuletzt haben die Auseinandersetzungen eine Schärfe erreicht, die der Sache schadet – und fähige Menschen davon abhalten könnte, Führungsämter zu übernehmen. Das jüngste Beispiel ist der Umgang mit Marie-Christine Ostermann, der Präsidentin eines großen Familienunternehmer-Verbandes. Kaum war bekannt geworden, dass der Verband künftig den Kontakt zu Politikern der AfD zulassen möchte, brach eine Welle der Empörung und des Aktivismus über ihn herein.
Eine linke Kampagnenorganisation drohte Verbandsmitgliedern, die nicht umgehend austreten wollten, mit öffentlichem Pranger. Ein Gewerkschaftschef zog Parallelen zum Verhalten der deutschen Wirtschaft in der Nazizeit. Und im Internet verbreiteten anonyme Chatbots die falsche Nachricht, Ostermann sei eine AfD-Politikerin.
Um es klar zu sagen: Der Vorstoß des Verbandes war undifferenziert und nach innen und außen schlecht kommuniziert. Bei flüchtiger Betrachtung konnte der Eindruck entstehen, man wolle die teils rechtsextremen Politiker der AfD zu gewöhnlichen Gästen in Berliner Plauderrunden machen. Dennoch standen die Reaktionen in keinem Verhältnis zu dem, was vorgefallen war. Ostermann und ihr Verband ruderten nach kurzer Zeit zurück – richtigerweise. Der Weg dahin war schmerzlich und hat Narben hinterlassen.
Vorlage zum Abschuss
Rückblickend müssen sich alle, die auf der Empörungswelle ritten, fragen lassen, ob sie der Debatte über den richtigen Umgang mit der AfD nicht einen Bärendienst erwiesen haben. Giftpfeile haben in der gesitteten Auseinandersetzung nichts verloren – schon gar nicht, wenn sie auf jene zielen, denen an konstruktivem Austausch liegt. Und das gilt für Ostermann. Wer sich unvoreingenommen mit ihr befasste, konnte nicht ernsthaft glauben, sie wolle AfD-Positionen salonfähig machen.
Wer in solchen Situationen dennoch verbal die schärfste Eskalationsstufe wählt, erntet bei Gleichgesinnten Applaus. Er muss aber wissen, dass er in den sozialen Netzwerken damit die Vorlage zum Abschuss gibt und Gräben reißt, die schwer wieder zu schließen sind. Das bewusst oder aus Unwissenheit digitaler Dynamiken in Kauf zu nehmen, schüchtert ein und verengt den Raum für den Diskurs.
Überhaupt scheint das Bewusstsein dafür, dass Debatten heute nicht mehr wie vor dreißig Jahren funktionieren, bis in die Führungsreihen der Bundespolitik zu fehlen. In der Rentendebatte wurden die jungen „Rebellen“ von der CDU-Spitze lange ignoriert, bevor Kanzler Merz sie öffentlich in die Schranken wies. Intern soll ihnen sogar mit Konsequenzen für ihre politische Zukunft gedroht worden sein, was natürlich umgehend publik wurde.
Wer so agiert, der hat kein Gespür dafür, wie Debatten heute funktionieren. Richtige Argumente, die sich viral verbreiten, lassen sich nicht mit autoritärem Führungsstil unter der Decke halten. Merz mag die Rentenabstimmung im Bundestag gewonnen haben. Intern und auch in seiner öffentlichen Wahrnehmung hat er viel Kapital verloren.
Wer also noch gute Vorsätze für das neue Jahr sucht: Seinen Furor nicht gegen die Falschen richten, sondern auf jene konzentrieren, die es am liebsten hätten, dass es bald gar keine ergebnisoffene Debatte mehr gibt. Sich bewusst machen, dass jeder öffentliche Angriff auf einen digitalen Resonanzraum trifft, in dem er unkontrollierbare Eigendynamik entfalten kann. Das heißt natürlich nicht, Kritik zu unterlassen. Aber wer bei jeder Gelegenheit zündelt, sollte sich hinterher nicht beschweren, dass es brennt.
