
Mir geht es gut. Ich wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Jetzt muss ich mir ein neues Leben aufbauen, was in meinem Alter, ich bin 76, schwierig ist.
Wo wird Ihr neues Leben sein?
Ich werde nach Paris ziehen. Ich muss eine Unterkunft finden, Papiere erledigen, tausend Dinge machen.
Ich möchte gerne zurückkehren – aus politischen Gründen. Offiziell bin ich noch immer ein Krimineller, denn ich wurde zwar begnadigt, aber eine Begnadigung hebt die Strafe nicht auf. Ich wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, habe also noch vier Jahre zu verbüßen.
Sie würden riskieren, direkt am Flughafen wieder verhaftet zu werden.
Ich kann in Frankreich bleiben und es mir gut gehen lassen. Das Leben dort ist schön. Aber in meinem Kopf bleibe ich dann ein Krimineller, und ich bleibe ein Ziel für Islamisten, Verrückte, die sagen: Er ist ein Spion Israels, man muss ihn töten. Wenn ich nach Algerien gehe, werde ich innerhalb eines Tages ermordet.
Warum dann zurückkehren?
Ich möchte zurückkehren, um eine öffentliche Verhandlung mit ausländischen Beobachtern, ein neues Urteil mit echten Richtern und Anwälten zu fordern. Wenn ich dann verurteilt werde – okay. Aber wenn nicht, gehe ich als freier Mann. Und jeder wird wissen, dass ich unschuldig bin.
So wird es wohl nicht laufen.
Nein, das wäre die Theorie. Praktisch gesehen ist es aber so, dass ich den französischen Präsidenten Emmanuel Macron hinter mir habe, der mit dem algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune die Machbarkeit meiner Rückkehr nach Algerien prüft. Ich habe dort noch immer ein Haus. Ich möchte auch Zugang zu meiner Akte, die ich nie gesehen habe.
Sie haben also mit Macron schon darüber gesprochen. Was hat er gesagt?
Zunächst sagte er mir: Nicht jetzt, vielleicht später. Natürlich. Aber er sagte auch, dass er Tebboune anrufen würde, und dann würden wir sehen. Ich werde Präsident Tebboune Zeit geben, das zu verdauen. Vielleicht in sechs Monaten, in einem Jahr. Ich werde natürlich nicht einfach so zurückkehren, ich bin nicht verrückt. Man muss das vorbereiten, und das geht nicht sofort, weil die Spannungen zwischen Algerien und Frankreich derzeit heftig sind.

Sie wurden im November 2024 verhaftet, wegen „Verletzung der territorialen Integrität“ zu fünf Jahren Haft verurteilt und im November 2025 begnadigt. Sie haben ein Jahr im Gefängnis verbracht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Das Gefängnis ist in jeder Phase sehr hart. Ich kam ganz entspannt aus Paris an und hatte vor, drei Tage zu Hause zu bleiben. Aber gleich am Flughafen haben sie mich fünf Stunden eingesperrt. Dann holten mich Leute in Zivil ab, zogen mir eine Kapuze über, legten mir Handschellen an und brachten mich an einen mir unbekannten Ort. Sechs Tage lang wurde ich dort täglich zehn Stunden verhört.
Am Morgen des siebten Tages brachte man mich zu einem Staatsanwalt, der mir sagte: Sie befinden sich in Untersuchungshaft. Ein Untersuchungsrichter sagte mir: Sie werden des Terrorismus, der Spionage und der Verletzung der territorialen Integrität beschuldigt. Die beiden ersten Anklagepunkt, auf die die Todesstrafe steht, hat man fallen gelassen. Man brachte mich in ein Gefängnis. Man nahm mir meine Sachen weg. Man schnitt mir die Haare – ich hatte lange Haare, das tat mir sehr leid. Man brachte mich in eine Zelle mit zehn Stockbetten, also eine Zelle für zwanzig Personen. Aber in diesem Raum waren bereits fünfzig Personen! Die Betten waren belegt, ich setzte mich in eine Ecke. Das dauerte zwei Tage. Sie gaben uns Suppe, wie man Hunden ihr Fressen gibt.
Man hat Sie später in einen Hochsicherheitstrakt verlegt, wo Terroristen und echte Kriminelle gefangen waren.
Ja, dort gab es Zellen für je zwei Personen. Die Zellen waren fünf Quadratmeter groß. Eine Toilette, ein kleines Waschbecken.
Wie hat man Sie behandelt?
Bis dahin war ich wie alle anderen auch. Es war einigermaßen in Ordnung. Es gibt einen Alltag im Gefängnis: Man geht in den Hof, unterhält sich, treibt ein bisschen Sport, wäscht seine Sachen. Aber man muss auch lernen, ein Gefangener zu sein. Es gibt Netzwerke. Die Gefangenen sind sehr solidarisch untereinander. Gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft bekam ich von ihnen zwanzig T-Shirts, Waschutensilien, eine Zahnbürste und so weiter. Ich kam ja aus Paris und hatte nichts dabei. Für die einen war ich ein Held: Boualem Sansal, der große Schriftsteller, der das Regime anprangert! Wie Solschenizyn. Für die anderen, die Islamisten, war ich das Gegenteil: Er ist gegen den Islam, er ist ein Abtrünniger! Aber später haben alle verstanden, dass es sich bei meiner Verhaftung um eine Machtdemonstration und eine Manipulation des Regimes handelte.
Es gab große Solidaritätsbekundungen in Frankreich und auch in Deutschland. Haben Sie davon im Gefängnis etwas mitbekommen?
In den ersten Tagen des Verhörs nicht. Erst später erfuhr ich davon.
Wie haben Sie erfahren, dass Sie begnadigt wurden?
Während meiner gesamten Haftzeit hörte ich jede Woche, dass ich in der nächsten Woche freikommen würde. Die Wärter sagten es mir, es gingen Gerüchte um. Alle im Gefängnis sprachen von dem internationalen Druck. Und dann sah ich eines Abends im Fernsehen das Foto von Frank-Walter Steinmeier. Der Bundespräsident, hieß es, habe Tebboune um meine Begnadigung gebeten, aus humanitären Gründen. Da wusste ich, dass ich bald freikommen würde.
Letztlich hat Deutschland diese Begnadigung erreicht. Aber im Hintergrund haben die Deutschen mit den Franzosen zusammengearbeitet. Wissen Sie heute etwas genauer, wie das abgelaufen ist?
Ich weiß das sogar schon länger, weil die Informationen ins Gefängnis gelangten und weil auch ich sie über meine Frau nach draußen brachte. Meine Frau besuchte mich alle zwei Wochen, und eines Tages sagte ich zu ihr: Sag Macron, mit dem sie über einen Freund in Kontakt stand, dass wir unbedingt Deutschland um Hilfe bitten müssen. Dort mag man mich.

Ja, aber die Franzosen hatten selbst bereits Kontakt zu Deutschland aufgenommen. Auf politischer Ebene gab es geheime Kontakte. Und auf zivilgesellschaftlicher Ebene gab es Komitees von Unterstützern, meine Verleger und Freunde, die Druck ausübten.
Glauben Sie, dass ein Abkommen zwischen Frankreich und Algerien deswegen nicht möglich war, weil es für Algerien einer Niederlage gleichgekommen wäre, nachzugeben und Sie freizulassen?
So wird es interpretiert.
Kurios ist ja, dass auch einige Medien in Frankreich Ihre von Deutschland organisierte Freilassung als Demütigung für Frankreich betrachteten.
Die französische Regierung hat viel geheime Diplomatie betrieben. Ich weiß, dass Macron, der jetzige Außenminister Jean-Noël Barrot und der ehemalige Innenminister Bruno Retailleau viel unternommen haben. Im Geheimen.
Bruno Retailleau hat Algerien öffentlich gedroht und ist dafür kritisiert worden.
Es gibt Diplomatie, die zwangsläufig geheim ist. Und es gibt Macht, die zwangsläufig sichtbar ist.
Hat die französische Regierung „good cop, bad cop“ gespielt?
Auf jeden Fall. Aber weil sich nichts bewegte, musste man die deutsche Karte ausspielen.
Sie wurden verhaftet, zwei Monate nachdem Macron öffentlich gesagt hatte, dass „die Gegenwart und die Zukunft der Westsahara Teil der marokkanischen Souveränität sind“. Die Westsahara ist ein Sakrileg für Algerien.
Ja, das war der Auslöser der ganzen Sache. Vor dieser Äußerung waren die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien mehr oder weniger normal. Aber diese Positionierung Frankreichs war für Algerien eine Katastrophe
Sie haben diese Aussagen dann einige Wochen später in einem Interview mit der Onlinezeitung „Frontières“ unterstützt. Dabei finden sich Überlegungen zu den Grenzen in der Westsahara bereits in Ihren Werken, sie sind nicht neu.
Ganz und gar nicht. Aber das ist meine Schuld, ich hätte die historischen Hintergründe ausführlicher erklären müssen. Aber es war ein schnell gemachtes Interview, wir hatten wenig Zeit.
In Ihren Büchern begegnet man vielen Figuren, die Algerien verlassen. Man hat oft den Eindruck, dass das Weggehen zwar unvermeidlich ist, aber als Scheitern empfunden wird.
Ja, es ist ein Scheitern. Ein Land, das seine Kinder nicht halten kann, verdient es nicht, zu existieren.
Sie sind bis zuletzt in Algerien geblieben.
Das ist ja eine wesentliche Frage: Von wo aus sprechen wir? Ich habe Algerien von innen heraus kritisiert. Mein Standort legitimierte mich. Ich war nicht in Paris, wo ich ein ruhiges Leben hätte führen können. Von Paris aus hätte ich das Elend auch nicht kritisieren können, selbst die Armen in Algier hätten das nicht akzeptiert. Ich habe mir deswegen immer verboten zu gehen: Wenn ich gehe, ist es vorbei, dann kritisiere ich nicht mehr.
Und jetzt, da Sie gezwungen wurden, das Land zu verlassen?
Wenn ich nicht nach Algerien zurückkehren kann, bleibe ich für immer in Frankreich. Aber ohne Engagement kann ich nicht leben. Ich könnte dann im Bereich der Frankophonie arbeiten. Oder ich könnte so etwas machen wie Michel Onfray, der eine Art virtuelle Universität gegründet hat und Konferenzen organisiert. Ich werde darüber nachdenken.
Werden Sie weiterhin schreiben?
Natürlich, aber gerade weiß ich noch nicht, worüber. In meinem nächsten Roman wird es zwangsläufig um Algerien gehen, da ich noch ein bisschen zwischen beiden Ländern stehe. Aber der nächste Roman wird zu hundert Prozent französisch sein.
