
Xabi Alonso war in Deutschland ein gefeierter Trainer, der 44-Jährige erlebte einen ungeahnten Höhenflug. Nur logisch, dass sich sein alter Klub Real Madrid dessen Dienste sichert. Doch der Spanier wankt. Er unterbietet beim erfolgreichsten Klub der Welt alle Erwartungen.
Zum Schluss des ersten Akts in Saudi-Arabien verkündete Xabi Alonso eine Botschaft des Optimismus. Der angeschlagene Kylian Mbappé werde am Freitag ins Flugzeug steigen und zur Mannschaft von Real Madrid stoßen. „Damit werden wir ein anderes Spiel sehen“, so der Trainer im Hinblick auf das Finale des spanischen Supercups an diesem Sonntag in Dschidda gegen den alten Rivalen FC Barcelona.
Die Partie vom Donnerstag sollte sein Team in der Tat besser nicht wiederholen. Im Halbfinale gegen Atlético Madrid siegte Real 2:1, ohne wirklich zu wissen, warum. „Sie hatten viel mehr Chancen, spielten viel besser als wir“, konzedierte Federico Valverde, Reals Bester, nachdem sein Team kaum einen geordneten Angriff hinbekommen hatte. Von 8:22 Torschüssen und 1:9 Eckbällen erzählten die Statistiken, solche Zahlen gelten als des königlichen Klubs unwürdig.
„Real spielte so schlecht, dass es die Strafe eines Finals gegen Barça verdient“, kolumnierte die Madrider Sportzeitung „Marca“ vor dem Clásico, der bei Spaniens allwinterlichem Wüstentrip im Vorjahr mit einem 5:2 für die Katalanen endete. Ein neuerliches „Schnäppchen“ für die Elf von Hansi Flick erwartet nun Ex-Nationalspieler und Atlético-Legende Kiko.
Inmitten von so viel Defätismus muss selbst die Hoffnung auf Mbappé als irrational gelten. Seit der Franzose im Sommer 2024 nach Madrid wechselte, hat er zwar stolze 73 Tore in 83 Partien erzielt. Diese konnten jedoch nicht verhindern, dass der damals amtierende Champions-League-Sieger in eine nicht enden wollende Dekadenz stürzte. Die Zahlen demonstrieren sogar, dass Real mit Mbappé öfter verliert (21 Prozent der Spiele) als ohne ihn (acht Prozent). Auch in den vergangenen Monaten stand er meist mit auf dem Platz, wenn antriebs- und identitätslose Auftritte die Krise verschärften – und Xabi Alonso an den Rand der Entlassung brachten.
Jedes Spiel von Real Madrid könnte das letzte von Xabi Alonso sein
Der in Deutschland gefeierte Double-Trainer von Bayer Leverkusen hat beim erfolgreichsten und umsatzstärksten Klub der Welt bisher alle Erwartungen unterboten. Stimmten anfangs wenigstens noch die Resultate, warf ein düsterer Spätherbst die Madrilenen in der Liga auf vier Punkte hinter Barcelona zurück. Seither wird jedes Match unter der Maßgabe betrachtet, dass es Alonsos letztes sein könnte. Einen „Überlebenskünstler“, der den „nächsten Matchball abgewehrt“ habe, nennt ihn die Presse. „Sein Amt hängt an einem kaum sichtbaren Faden“ schreibt „El Mundo“ vor dem „finalen Urteil“, das in Arabien erfolgen könnte.
Alonsos Hauptproblem sind die Eindrücke, die seine Mannschaft vermittelt. Statt der versprochenen Revitalisierung wirkt sie noch unambitionierter als im letzten Amtsjahr von Altmeister Carlo Ancelotti. Wie sein Vorgänger leidet Alonso dabei zuvorderst unter einer schiefen Kaderarchitektur. Schon seit Jahren kauft Real nach Namen und nicht nach Bedarf ein. Mbappé, der dieselben Terrains bevorzugt wie der angestammte Heros Vinícius Júnior, ist dafür das prominenteste Beispiel. Den wichtigsten Abgang hat der Klub hingegen nicht kompensiert: Seit dem Karriereende des Strategen Toni Kroos 2024 fehlt dem königlichen Fußball der Kompass, und der Abgang von Luka Modric einen Sommer später hat das Vakuum noch vergrößert.
Vergeblich sucht Alonso bisher nach Nachfolgern, die das Mittelfeldspiel prägen können. Vergeblich sucht er aber auch nach einer eigenen Handschrift. Seine Erklärungen wirken blass und gestanzt. In Djidda überraschte er die Beobachter regelrecht, als er Vinícius gegen wiederholten Trash Talk von Atlético-Trainer Diego Simeone verteidigte: „Nicht alles geht – was auf dem Platz passiert, muss Grenzen haben.“ So klare Aussagen waren die Zuhörer nicht gewohnt von einem Trainer, der den eigenen Spielansatz im Derby reichlich beliebig definierte: „Unser Plan war zu interpretieren, was es in jedem Moment zu tun galt.“
Ein Coach, der in Leverkusen für innovative Methoden und eine rauschende Spielweise gefeiert wurde, ist zum Radikalpragmatismus konvertiert – oder wurde auf ihn zurechtgestutzt. Die Beobachter in Madrid sehen Alonso nur noch als Marionette der Spieler, und böseste Zungen erklären damit auch die aktuelle Serie von zuletzt fünf – meist sehr mühsamen – Siegen: Danach haben sich die Profis neuerdings allein deshalb der Jobsicherung Alonsos verschrieben, weil sie wissen, dass sie es unter ihm mittlerweile bequemer haben als unter jedem möglichen Nachfolger.
Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.
Im Rekordtempo scheint jeder Reformdrang erlahmt. Schon früh in der Saison wurden Klagen aus dem Team über ausufernde Videosessions lanciert – die habe man vorher auch nicht gebraucht, um die Champions League zu gewinnen. Spieler wie Valverde oder Jude Bellingham begannen, ihr Aufgabenprofil zu hinterfragen.
Es folgte die Episode, die das Zerwürfnis zur großen Aufführung brachte. Real besiegt Barcelona in der Liga 2:1, es war nach vier Clásico-Niederlagen in der Vorsaison unter Ancelotti vermeintlich ein eindrückliches Statement Alonsos. Doch es ging verloren unter wüsten Flüchen von Vinícius bei seiner Auswechslung – und unter einer vergifteten Entschuldigung des Brasilianers drei Tage später. Vinícius bat Teamkollegen, Präsident, Vereins und Fans um Verzeihung. Aber nicht den Trainer.
Flügelstürmer Vinícius ist ein „Galaktischer“ aus dem Bilderbuch, schillernd, aber unkalkulierbar, der personifizierte Schrecken jedes Konzepttrainers. Die Szenen, wie Alonso ihn von der Seitenlinie aus zu konstanterem Pressing oder verlässlicherer Defensivarbeit animiert, sind kaum noch zu zählen. Gegen Atlético blieb Vinícius bisweilen einfach stehen, auch vor dem Gegentor, als er den Flankengeber unbehelligt agieren ließ. Fassungslos wandte sich Alonso zu seiner Bank.
Vinícius überzeugt derzeit aber nicht einmal in seiner Kernkompetenz. Seit 16 Matches hat er nicht mehr getroffen. Das Publikum im heimischen Bernabéu-Stadion pfiff ihn zuletzt wiederholt aus, viele Fans sehnen eine Denkpause herbei. Doch wo Alonso ihn anfangs der Saison noch mit gelegentlichen Reservistenrollen zu disziplinieren versuchte und so zu seiner Verunsicherung beitrug, hält er jetzt in eiserner Treue an ihm fest. Die Ironie könnte kaum größer sein: Derjenige Spieler, der seine Position am meisten geschwächt hat, bekommt den maximalen Schutz – deutlicher kann die wahre Hierarchie im Team kaum ausgedrückt werden.
Als er noch die Trainerautorität durchzusetzen versuchte, soll Alonso bisweilen von Klubpräsident Florentino Pérez zur Seite genommen worden sein. Bei Vinícius handele es sich um „Klubpatrimonium“, so der Magnat. Ein verdienter Star, der Real zu zwei Champions-League-Siegen verhalf und den der Verein in etlichen Polemiken verteidigte. Dessentwegen er 2024 sogar seine Präsenz bei der Weltfußballer-Gala stornierte, weil man seinen zweiten Platz als himmelschreiendes Unrecht empfand. Pérez’ Botschaft: Ein Real-Trainer solle keine Fehden anzetteln, die er sowieso nicht gewinnen kann.
Dass überambitionierten Übungsleitern kein langes Dasein vergönnt ist, gehört fest zur Folklore des königlichen Klubs. „Ihr wisst doch alle, mit welchen Trainern wir Erfolg hatten“, sagte der ehemalige Kapitän Sergio Ramos mal, als es galt, den interventionistischen Italiener Antonio Conte abzuwehren. Real ist ein Verein der Schauspieler, nicht der Regisseure; der Helden auf dem Platz, nicht auf der Bank. Die acht Champions-League-Titel des laufenden Jahrhunderts holten mit Vicente del Bosque, Zinédine Zidane und Ancelotti allesamt Coaches, die eher als begnadete Seelenmasseure gelten denn als detailversessene Taktiktüftler.
Zuvor gewann 1998 auch Jupp Heynckes einen Europapokal. Der Erfolg kann als der letzte eines Übungsleiters gelten, der eher über die Konzepte kommen wollte. Heynckes gelang er, weil er bald eher auf die Konzepte verzichtete und die Spieler machen ließ. In der Meisterschaft erwies sich dieser Modus Vivendi als chancenlos, für einzelne Nächte als hinreichend, und zum Ende seiner einzigen Saison erfolgte die Trennung.
28 Jahre später scheint ein vergleichbares Szenario noch weit weg – und für Xabi Alonso doch das beste, das derzeit überhaupt vorstellbar ist.
