Erschießung von Renee Nicole Good: Hilflose Empörung und Verweis auf ein Gedicht

Wie viele Tage gab es jetzt schon, an denen man entgeistert auf einen Bildschirm starrte und es schier nicht fassen konnte?

An diesem Tag starrte man erst auf einen Namen, dann auf einen Link, dann auf ein Gedicht. Kraftvolle Verse, fremde auch, auch wenn der Anfang schlicht und stark ist: „I want back my rocking chair / solipsist sunsets / & coastal jungle sounds …“ Aber man hatte jetzt nicht die Ruhe, dem sorgsam nachzuhören.

Dann starrte man auf diese kurzen Handyvideos. Ein Wagen steht da. Ein anderer Wagen nähert sich. Männer steigen aus, gehen auf den ersten Wagen zu, der erste Wagen fährt an. Bewegungen unter den Männern, im Laufe des Tages sieht man die Szene aus unterschiedlichen Perspektiven, von der einen Seite, der anderen Seite, verlangsamt, mit und ohne Erklärungen, immer wieder. Der Wagen will wegfahren. Schüsse fallen. Eine Frau schreit und flucht. Der Wagen knallt in ein parkendes Auto.

Dann starrt man auf Kommentare. Viele geben der Fahrerin die Schuld; andere, auch viele, halten dagegen. Vance, wie er von Selbstverteidigung des ICE-Beamten spricht. Kristi Noem, wie sie von einem „act of terrorism“ spricht, wie sie behauptet, die Fahrerin habe aus ihrem Auto eine Waffe machen wollen. Die New York Times aber auch, die das Bild für Bild widerlegt und ganz genau erläutert, dass der Wagen von dem Beamten wegfahren wollte – die Stellung der Vorderräder ist eindeutig –, und der Beamte gezielt auf den Kopf der Fahrerin geschossen hat, auch das ist eindeutig.

Angst leider allgegenwärtig

Man starrt dann auch auf die empörten Statements von Menschen, die das alles nicht fassen können, so wie man selbst nicht. Der Bürgermeister von Minneapolis, der die Trump-Version, ICE habe in Notwehr gehandelt, als „Bullshit“ bezeichnet.

Der Präsident der Old Dominion University, auf der die Erschossene Creative Writing studiert hat und für ihr Gedicht einen Preis bekommen hat: „Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Angst und Gewalt in unserem Land leider allgegenwärtig geworden sind.“

Der Redakteur des Onlinemagazins Lithub, der auf das Gedicht hingewiesen hat: „Das ist ein Mord bei hellem Tageslicht, offensichtlich und brutal.“ Man gibt ihnen allen recht, spürt aber auch die Hilflosigkeit hinter diesen klaren Worten. Man teilt diese Hilflosigkeit. Es ist ja wirklich alles evident. Aber was nützt das schon? Evidenz schützt einen nicht. Trumps Leute bauen ihre eigene Wirklichkeit.

Und irgendwann starrt man wieder auf das Gedicht. Am Schluss heißt es da: „life is merely / to ovum and sperm / and where those two meet / and how often and how well / and what dies there.“ Der Tag war der 8. Januar 2026. Der Name war Renee Nicole Good.