Runter von der Lehne! – Gesellschaft

Heute ahne ich, wie wahnsinnig ich meinen Opa gemacht haben muss. Eigentlich durfte ich meinen Opa nicht Opa nennen, nur Heinz. Wenn ich meine Großeltern besuchte, fuhr ich zu „Oma und Heinz“.

Irgendwann hatten die beiden einen Esstisch aus Buchenholz gekauft und dazu acht Stühle im amerikanischen Stil mit wuchtigen Rückenlehnen aus vielen Stäben. Auf diesen Stühlen ließ es sich gut klettern und hangeln und wackeln. Und mein Opa, also Heinz, hasste es. „Runter von der Lehne“, flehte er mich an, über Jahre, wie er vor mir seine eigenen Kinder angefleht hatte und nach mir meine Cousinen und Cousins anflehen sollte. Und alle lachten: Heinz mit seinen Stühlen!

Wir haben ein neues Sofa, mit genug Platz für alle fünf. Ein ebenso schönes wie teures Sofa. Dieses Sofa funktioniert eigentlich, wie alle Sofas funktionieren seit Erfindung des Sofas. Man tritt heran und setzt sich hin. Nicht so meine Kinder, egal ob die Kleinste oder der 14-Jährige: Sie gelangen per Sprunghocke von hinten drauf oder machen von vorne einen Purzelbaum. An langweiligen Tagen hüpfen sie einfach hoch, sowieso hüpfen sie ständig auf den Polstern, sitzen tun sie lieber auf der breiten Lehne, die jetzt schon Dellen hat, wenn ich mich nicht täusche.

„Runter von der Lehne“, flehe ich. Vergeblich. Ich könnte meine Frau um Hilfe bitten. Aber die sitzt auch dauernd auf dieser Lehne, es scheint was Genetisches zu sein. Und alle lachen: Patrick mit seinem Sofa!

„Was hast du nur mit dem Sofa?“, hat mich die Mittlere gefragt. Blöde Vaterantwort von mir: „Ich habe es bezahlt!“ „Du tust, als sei es das Wertvollste“, hat sie gesagt. „Das Wertvollste seid ihr“, habe ich geantwortet und mich gezwungen, ihren Fuß auf der Lehne zu ignorieren. Ich musste dann in den Ferien länger über meine Gefühle für das Sofa nachdenken. Und ich glaube, es geht gar nicht um das Sofa.

Ich bin, so leid es mir tut, in der Lebensmitte angekommen. Als Vater fühlt es sich oft an, als stünde ich mit einem Bein noch in der ersten und mit dem anderen schon in der zweiten Hälfte. Es kann vorkommen, dass ich mich im lauten Alltag nach Stille sehne – und ich gleichzeitig eine neue Angst spüre: dass es bald schon viel zu still sein wird, weil alles so schnell geht. Die Tage rasen, die Kinder wachsen, der Vater altert. Ich weiß jetzt schon, wie sehr ich es vermissen werde, dass neben mir eine kleine Schokohand über das Sofakissen reibt oder ein Halbstarker sich zu mir wuchtet. Genau deshalb will ich die Zeit manchmal anhalten. Aber die Tage rasen, die Kinder wachsen, der Vater altert. Könnte da nicht wenigstens das Sofa so bleiben, wie es ist, so ansehnlich und wohlgeformt wie am ersten Tag, als wir es zusammen bestaunten?

An Weihachten saßen wir auf den Stühlen meiner Großeltern. Sie stehen nicht mehr in dem verwinkelten Haus, sondern in einer altersgerechten Wohnung. Die Stühle haben ein paar Macken, aber glänzen wie neu und sind stabil wie eh und je. Unsere Kleinste turnte an den Stäben der Rückenlehne. Meine Oma und ich sahen uns an und lachten. Heinz konnte nichts sagen. Heinz fehlt, seit zwanzig Jahren nun. Er hat immer gut auf seine Stühle aufgepasst. Aber noch besser auf uns.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.