Es ist besonders tragisch, dass dieses neue, sensationelle Musikvideo des Rappers A$AP Rocky ausgerechnet in der Woche erschienen ist, in der in Minneapolis ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE einer offenbar unschuldigen Frau in den Kopf geschossen hat. Nicht deshalb, weil die Realität hier der Popkunst widersprechen, sie als schaumiges Idyll entlarven würde. Sondern weil die Ereignisse wieder einmal grässlich zeigen, wie schnell man selbst maximal groteske Inszenierungen heute als untertrieben empfindet. Wie sozialer Argwohn und aggressive Rechtsauffassungen immer öfter Ausmaße annehmen, die auch düsterste Heldencomics mühelos von scharf rechts aus der Spur drängen.
Wobei sich, und das verstärkt den Effekt noch, ASAP Rockys „Punk Rocky“ überhaupt nicht als politisch befeuchtetes Kunstwerk ausgibt – anders als 2025er-Kinofilme wie „One Battle After Another“ oder „Bugonia“, für die der skizzierte Befund auch gilt. Der New Yorker Rapper war zuletzt 2024 mit dem Videohit „Tailor Swif“ im Gespräch, einer surrealistischen, vom israelischen Duo Vania & Muggia gedrehten Revue mit autofahrenden Bulldoggen und vom Himmel fallenden Klos. Die erst in der letzten Einstellung zeitgenössisch relevant wurde. Da erschien ein Hinweis, dass der Dreh 2021 in Kiew stattgefunden hatte.

:Und ständig fällt irgendwas vom Himmel
Ein Sofa brennt, ein Hund fährt Auto, und in den Toiletten steht der Cappuccino-Milchschaum: Weshalb man sich an Asap Rockys grandioses Musikvideo zu „Tailor Swif“ noch lange erinnern wird.
Das Video zu „Punk Rocky“ hat der Künstler nun selbst in Szene gesetzt, mit den höchstens insiderbekannten Niederländern Folkert Verdoorn und Simon Becks. Und zwar als Real-Life-Cartoon, der sich an gezeichnete Slapsticks von Tex Avery oder Hanna-Barbera anlehnt, aber von echten Menschen bevölkert wird. Zum Beispiel von Winona Ryder, eben noch chronisch unterbeschäftigt in der letzten „Stranger Things“-Staffel, nun in der Rolle der netten Vorstadtnachbarin.
Was der Pop gerade leisten muss? Emotionale Dummheit enttarnen, zugleich aber auch Utopien formulieren
Sie sympathisiert mit der Hallodri-Gang rund um ASAP Rocky, die nebenan harmlose Partys feiert. Während ihr Lebenspartner, ein aus Marvel-Monster und spätem Mickey Rourke gekreuzter Schreckmichel, sich durch die Umtriebe bedroht fühlt. Er vermutet Illegale in der Garage, ruft die Polizei, lässt die Köpfe der – durchweg schwarzen – Nachbarn im Rhythmus des bekifft-melancholischen Songs auf die Motorhaube hauen. Nachdem Ryder die grundlos Eingekerkerten mit einer Tasche Comicgeld vorübergehend freigekauft hat, kommt es zur Konfrontation zwischen Rocky und dem hasserfüllten Gegner. Wie so oft im Cartoon hilft ein lustiger Schleudersitz bei der Flucht. Dennoch ist die „The End“-Ansicht, ein wie vom verlorenen Smartphone aufgenommenes Standbild des zerschlagenen Autofensters, für ein Hip-Hop-Video doch äußerst dunkel.
„Punk Rocky“ ist deshalb so interessant, weil ASAP Rocky hier mit Hingabe den Spagat zu halten versucht, der dem Pop in diesen Zeiten zukommt: schlau zu sein, emotionale Dummheit zu enttarnen, zugleich aber auch Utopien zu formulieren und sich die mitunter dekadent anmutende Subjektposition nie rauben zu lassen. Wie sehr einem das beim Zuschauen trotzdem ins Mark fährt, sagt viel über die Gegenwart. Nächste Woche erscheint Rockys Album, vielleicht die nächste Inspiration. Sein Titel: „Don’t Be Dumb“.
