87 Jahre alt ist Ante Kostelic inzwischen und seit einigen Jahren Rentner daheim in Zagreb, aber am Mittwochabend musste man einmal wieder an ihn und sein Wirken im Ski-Weltcup erinnern. Kostelic nämlich, Vater und Trainer der ehemaligen kroatischen Serien-Weltcupsieger Janica und Ivica, war seit den 1990er-Jahren dafür bekannt, kaum zu bezwingende, hochtechnische Slalomläufe auf die Skipisten im Weltcup zu stecken. Einige legendäre Episoden gibt es aus dieser Ära, unter anderem sorgte er bei den Olympischen Spielen 2014 dafür, dass im zweiten Lauf fünf der besten zehn Athleten ausschieden. Und in Kitzbühel schritt einst der damalige Renndirektor Günter Hujara ein und steckte einen seiner Läufe um, weil dieser als nicht fahrbar angesehen wurde.
Der geflügelte Begriff des „Kostelic-Lauf“ hat die Trainerkarriere des knorrigen alten Kroaten jedenfalls überlebt und wird heute noch als Referenz genannt. Am Mittwochabend, im zweiten Durchgang von Madonna di Campiglio, war es wieder einmal so weit.
Einen gnadenlos schwierigen Lauf hatte diesmal Robert „Momo“ Füss in den Schnee gesteckt. Der Allgäuer ist als Slalomtrainer beim Österreichischen Skiverband beschäftigt und als eine Art Nachfolger von Kostelic bekannt dafür, dass er Athleten gerne eine Denkaufgabe stellt. In Madonna mussten sie gemeine Übergänge nach Wellen bewältigen oder falsche Fährten ignorieren, die eigentlich nur der Ablenkung dienten. So komplex und unrhythmisch war der Lauf, es wäre kaum wunderlich gewesen, wenn die Slalomfahrer auch noch um den gigantischen Parmesan-Ballon eines italienischen Käsesponsors im Kreis hätten fahren müssen.
Das blieb ihnen erspart, allerdings stand am Ende die Erkenntnis: Die Kurssetzung von Füss sorgte dafür, dass der zweite Durchgang von Madonna der bislang beste Slalomwettbewerb der Saison wurde. Und gleichzeitig ein grandioses wie warnendes Beispiel dafür, dass der Skisport aktuell mehr denn je von seinen technischen Disziplinen lebt.

Während Kostelic-Läufe früher im Zielraum für scharf geführte Debatten sorgten, herrschte diesmal weitgehende Einigkeit: Überaus willkommen war so ein komplexer Kurs, dringend notwendig sogar in den Augen mancher Trainer. „Zu leicht“ seien die meisten Weltcup-Slaloms gesteckt, sagte der Chef der Österreicher, Marko Pfeiffer. „Wir haben diesen Winter über die meiste Zeit sehr einfache Läufe gehabt“, sagte der Belgier Sam Maes im Interview beim BR und lobte den zweiten Durchgang, obwohl er ausgeschieden war.
Der 27-Jährige ist ein Paradebeispiel für die Entwicklung, die im Slalom seit einigen Jahren zu beobachten ist. Immer dichter rückt die Weltspitze in der technischsten Disziplin des Skisports zusammen, es sind längst nicht mehr nur die großen Nationen, die mitbestimmen. Sicherlich dominieren etwa bei den Männern in der Breite die Norweger und die Franzosen (in Madonna mit Clément Noël und Paco Rassat auf den Plätzen eins und drei). Im Slalom aber haben auch kleinere Verbände wie aus Finnland (der junge Eduard Hallberg wurde Dritter), Belgien oder Großbritannien eine realistische Chance.
Was möglich ist, zeigt seit einigen Jahren der Brite Dave Ryding, der einst auf einer Grasanlage in Lancashire trainierte, wo er nie zum Abfahrer geworden wäre – aber zu einem brillanten Techniker brachte er es. Das Training im Slalom ist günstiger, die Hänge kürzer, der Aufwand geringer, wie auch das Risiko. Wer heutzutage Skischulen in den Alpen beim Training zusieht, sieht meistens Jugendliche mit kurzen Slalomski um viele Stangen kurven. Und nicht selten sind darüber vor allem Mama und Papa glücklich, weil die Geschwindigkeit nicht so hoch und die Unfälle nicht so schlimm sind.
Der negative Effekt dieser Entwicklung ist, dass in den Abfahrtswettbewerben immer weniger Fahrer für Siege infrage kommen, der Nachwuchs fehlt oft in den Speed-Disziplinen. Im Slalom aber führt diese Entwicklung bei Männern und Frauen zu einer enorm hohen Leistungsdichte, regelmäßig trennen die besten zehn Läuferinnen und Läufer nur wenige Hundertstelsekunden voneinander. Verstärkt wird dieser Effekt umso mehr bei leichten Kurssetzungen, die keine Denkaufgaben stellen, sondern zum Rasen einladen: Einfache Läufe im Slalom zu stecken, ist ein wenig so, als würde man Rallye-Fahrern eine Autobahn zur Verfügung stellen.
Die bisherigen fünf Slalomwettbewerbe der Saison haben fünf unterschiedliche Läufer gewonnen
Madonna und sein kompliziert gesteckter zweiter Lauf könnte insofern zur Blaupause werden für den traditionellen Slalomjanuar mit den Klassikern in Adelboden, Wengen, Kitzbühel und Schladming. Bei denen es auch um den Erhalt einer bemerkenswerten Serie geht: Die bisherigen fünf Slalomwettbewerbe der Saison haben fünf unterschiedliche Läufer gewonnen, auch das ist ein Beweis dafür, wie breit das Feld der Sieganwärter aktuell ist.
Bleibt die Frage, welche Rolle Deutschlands Kandidat für den großen Wurf spielen wird. Am Mittwochabend verhinderte ein später, schwerer Fehler von Linus Straßer noch ein besseres Resultat, auf einem guten Weg sieht er sich dennoch: „Wichtig ist, im Ziel zu stehen und zu sagen: Ich habe mir die Chance gegeben, dass etwas Gutes herauskommt, dass man Geschwindigkeit zulässt, aber auch Fehler“, sagte Straßer nach seinem 14. Platz. Ein traditioneller Spätstarter ist der 32-Jährige, der zum Saisonstart oft etwas braucht, aber dessen Lieblingsrennen noch bevorstehen – und überhaupt geht es in dieser Saison ohnehin darum, im Februar in Bestform zu sein, bei den Olympischen Spielen.
Wenn in Bormio der Slalom-Goldgewinner unter den vielen Anwärtern gesucht wird, im Sinne der Zuschauer und Fahrer womöglich wieder unter erschwerten Bedingungen. Wie sagte Marcel Hirscher einst 2014, nachdem er den Kostelic-Lauf in Sotschi überlebt und Silber geholt hatte: „Wir suchen ja die olympischen Champions und fahren kein Schülerrennen.“
