Blutroter Wein vom Amselfeld: Die vergessene Geschichte eines deutschen Weins


Er verschwand von der sonntäglichen Tafel, kaum, dass ich ihn wahrgenommen und mir sein Etikett eingeprägt hatte: Der „Amselfelder“ war in den 1960er- und 1970er-Jahren ein insbesondere in der Bundesrepublik beliebter, leichter, lieblicher Rotwein aus der damals zu Jugoslawien gehörenden Provinz Kosovo. Diese auf 8000 Hektar angebaute Cuvée der Firma Racke in Bingen am Rhein bestand aus Sorten wie Gamay, Spätburgunder, Cabernet Sauvignon, Vranac und Prokupac und wurde zum meistgekauften Rotwein Westdeutschlands, vertrieben über den Lebensmittelhandel.

Bis zu 30 Millionen Flaschen tranken die Deutschen damals pro Jahr. Man stelle sich vor: Wir alle würden heute eine halbe Flasche Wein ein und derselben Marke pro Jahr trinken, vorzugsweise einer, die auf Trauben „aus deutschen Landen“ basiert? Es gäbe hierzulande wohl keine Weinkrise wie die aktuelle.

Ein Wein, der nur deutsch klingt

Mein Vater war, wie ich, ein Amselliebhaber; daher hatte ich für den Amselfelder eine gewisse Sympathie, ohne ihn je probiert oder gar getrunken zu haben. Dass er nach einem Schlachtfeld in Kosovo benannt war, auf dem sich einst Serben und Türken gegenseitig niedergemetzelt hatten, wusste ich bis vor einigen Tagen nicht. Meinem Vater war es womöglich auch nicht bewusst. Er war eine fromme, friedliebende rheinische Frohnatur, der den Zweiten Weltkrieg als Stallbursche auf einem Bauernhof bei Ravensburg verbracht hatte.

Als er es 20 Jahre später zu Familie, Fertighaus und Garten gebracht hatte, stand der Amselfelder bei uns auf dem Esstisch. Weil er billig war und billig einzukaufen schon damals eine Tugend. „Von nix kommt nix“ war die am häufigsten verbreitete Küchenweisheit wohl nicht nur meiner Mutter – und ist es bis heute geblieben. Vom Amselfelder trank sie zum Mittagessen allenfalls ein winziges Gläschen. Mein Vater sprach ihm fröhlicher zu. Ob er wusste, woher der Wein, den er da trank, wirklich kam?

Auf dem Etikett war ein kämpfender Held zu sehen

Aus Bingen war er ja nur mittelbar. Von dort hatten wir damals viele Weine: Müller-Thurgau, Riesling, ich glaube auch Ruländer, aber auch Ortega, Bacchus und weiß der Teufel. Viele Weine waren tatsächlich Nahe-Weine, andere kamen aus der Pfalz. Der Moselriesling galt als lieblich und hatte daher Hausverbot. Nicht aber der Amselfelder, der deutsch klang, aber eigentlich in Metochien, dem sonnenreichen westlichen Teil des Kosovos, gewachsen war, den die Römer etwa 2000 Jahre zuvor für den Weinbau erschlossen hatten.

Dass mein Vater blutroten Wein vom vermeintlichen Schlachtfeld trank, ahnten weder er noch ich. Dabei war auf dem Etikett ein kämpfender Held aus längst vergangenen Tagen zu sehen, wie er, wenn er gerade mal nicht auf unserer Sonntagstafel stritt, auch die Bauernkarten unseres Familien-Mau-Maus und -Canastas schmückte.

1973, ich kam gerade ins schulpflichtige Alter, wurde bei meinem Vater Diabetes festgestellt. Er musste seine Ernährung umstellen. Fortan fanden nur noch weiße Weine, „für Diabetiker geeignet“, auf unseren Tisch. Kein Wein kam mehr vom blutdurchtränkten Amselfeld, und so verschwand der Amselfelder aus meinem Blickfeld wie auch dem Kurzzeitgedächtnis. Bis neulich, als ihn mir eine amerikanische Publikation wieder in Erinnerung rief. Wie schnell doch 50 Jahre vergehen. Und hat nicht ein Wein erst dann eine wahre Geschichte, wenn man sie sich auch nach fünf Jahrzehnten noch erzählen kann?