Luxusschlitten und Rodeln in Deutschland: Geschichte und Rekorde – Stil

1. Der Luxusschlitten

Wenn heutzutage von Luxusschlitten die Rede ist, denken nur unverfrorene Wintersport-Fanatiker an exklusive Rennrodel-Modelle. Landläufig stellt man sich darunter eher ein besonders teures Auto von Marken wie Rolls-Royce, Mercedes, Range Rover, Ferrari oder Porsche vor. Ursprünglich hatten Luxusschlitten weder Sitzheizung noch Klimaanlage, statt Rädern hatten sie Kufen. Der Barock war die Blütezeit des sogenannten Prunkschlittens, der Adeligen und anderen reichen Angebern als protziges Fortbewegungsmittel galt. Es wurden die edelsten Hölzer und Stoffe für den Bau der Schlitten verwendet, dazu Gold, Silber, Edelsteine, Federn und Bänder. Verordnungen reglementierten streng hierarchisch, wer wann einen Schlitten fahren durfte – Kaiser, Könige und Fürsten hatten natürlich die dicksten Luxusschlitten.

Gesamtansicht
Gesamtansicht (Foto: P. Frankenstein; H. Zwietasch/Landesmuseum Württemberg, Stuttgart)

Nachts fanden feierliche „Schlittaden“ statt, Fackeln und Kerzen brachten die goldverzierten Fahrzeuge zum Funkeln. Ludwig II. von Bayern ließ sich 1872 eine Neuauflage des barocken Prunkschlittens bauen – mit elektrischer Beleuchtung und Putten als Deko. Schlitten waren allerdings lange vor Erfindung des Schnöseltums bekannt, nicht als Luxus, sondern als Transportmittel. Ägypter bewegten Steinblöcke für den Bau der Pyramiden auf Ladeflächen mit Gleitkufen durch den Sand. In Nord- und Osteuropa waren Lasten- und Personenschlitten schon vor Jahrtausenden unverzichtbar. Der älteste bekannte Schlitten ist ein archäologischer Fund aus Norwegen aus dem Jahr 820 nach Christus, aber Schlitten tauchen schon auf Höhlenzeichnungen von 10 000 vor Christus auf. Deshalb kann man davon ausgehen, dass der Schlitten lange vor dem Rad erfunden wurde.

2. Die Rekorde

Seinen Raketenschlitten RAK BOB 1 hat Max Valier (links stehend) vor der Rekordfahrt in Starnberg erst einmal auf dem Eibsee getestet.
Seinen Raketenschlitten RAK BOB 1 hat Max Valier (links stehend) vor der Rekordfahrt in Starnberg erst einmal auf dem Eibsee getestet. (Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

„Aus der Bahn, Kartoffelschmarrn!“, rufen Kinder, wenn sie oben auf dem Schlittenhügel starten und dann mit Karacho Richtung Tal rutschen. Wobei Karacho relativ ist. Kinder-Karacho auf einem starren Holzschlitten liegt bei maximal 20 bis 30 km/h. Sportrodler werden im Eiskanal viel schneller, der Rekord liegt bei 153,98 km/h, aufgestellt vom deutschen Rennrodler Felix Loch auf der Olympia-Bahn im kanadischen Whistler im Jahr 2009. Sauschnell, aber gegen einen Raketenschlitten immer noch Kartoffelschmarrn. Der derzeitige Weltrekord für Landfahrzeuge wurde am 30. April 2003 mit einem vierstufigen Raketenschlitten auf der Holloman Air Force Base aufgestellt, das Höllengefährt wurde 10 325 km/h schnell, was etwa der achteinhalbfachen Schallgeschwindigkeit entspricht. Solche raketengetriebenen Schlitten fahren auf Schienen, sie werden für wissenschaftliche Experimente in der Weltraum- und Militärforschung benutzt. Erfinder dieses Fachs war der Physiker und Astronom Max Valier, der vor 100 Jahren mit Raketenantrieben experimentierte. Er konstruierte einen Schlitten, der mit 18 Raketen bestückt war und am 9. Februar 1929 auf dem zugefrorenen Starnberger See eine Geschwindigkeit von knapp 400 km/h erreichte. Valier gilt als Pionier der Raumfahrt und gleichzeitig als ihr erstes Todesopfer: Er starb 1930 durch die Explosion eines neuartigen Triebwerks.

3. Die Gaudi

Hier ist Ausdauer gefragt: Die Rodelstrecke vom Faulhorn nach Grindelwald ist 15 Kilometer lang.
Hier ist Ausdauer gefragt: Die Rodelstrecke vom Faulhorn nach Grindelwald ist 15 Kilometer lang. (Foto: Christof Sonderegger CH-9424 Rheineck/imago)

Für den Transport von Lasten über lange Strecken durch Schnee und Eis ist der Schlitten ideal. Roald Amundsen benötigte 1911 mit seinen Schlittenhunden 99 Tage, um die 2600 Kilometer lange Strecke zum Südpol zurückzulegen. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Schlitten auch zunehmend zum Vergnügen benutzt, als Sport- und Freizeitgerät. In St. Moritz erfanden britische Touristen 1870 den lenkbaren Schlitten, später Bob genannt, für den sie eine eigene Natureis-Bahn bauten, die heute noch als „Cresta Run“ jeden Winter in Betrieb ist. Als längste Schlittenbahn der Welt gilt der „Big Pintenfritz“ in der Schweiz, eine spektakuläre 15 Kilometer lange Abfahrt vom Faulhorn (2681 Meter) hinunter nach Grindelwald. Zum Start wandert man zwei Stunden vom First zum Faulhorn und fährt dann 1600 Höhenmeter bergab – mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

4. Der Klassiker

Fünf Latten als Sitz, zwei mit Eisen beschlagene Kufen, alles verbunden durch eine Konstruktion aus Eschenholz und Metall: Das ist der Davoser Schlitten. Er wurde im 19. Jahrhundert in der Schweiz konstruiert und kam 1883 bei einem der ersten offiziellen Schlittenrennen zum Einsatz. Mittlerweile gilt der Davoser Schlitten als meistverbreitetes Holzschlitten-Modell, es wurde tausendfach kopiert. Im Original ist er aus Eschenholz, billigere Versionen sind aus Buche oder Plastik. Im Unterschied zu einem Rodel, bei dem die gebogenen, schräg stehenden Kufen beweglich sind, sodass man ihn durch Gewichtsverlagerung und Druck mit den Beinen steuern kann, sind die Kufen beim Davoser Schlitten starr und stehen senkrecht. Dadurch fährt man langsamer und kann aufrecht sitzen, wodurch das Modell besonders für Anfänger geeignet ist.

5. Die Sicherheit

Warum rutschen Schlitten so gut auf Schnee? Eine hochkomplexe physikalische Frage, bei der es um Gleitreibung, Haftreibung, Gefälle, Gewicht und Gravitation geht. Die Kufen erzeugen Reibung, Eismoleküle schmelzen, es entsteht ein Flüssigkeitsfilm, der Schlitten bewegt sich – je schwerer der Rodler, je breiter die Kufen und je glatter und fester der Untergrund, desto schneller und somit gefährlicher. Grob zusammengefasst: Je mehr sssst, desto bumm! Computersimulierte Crashtests der Technischen Universität Graz haben ergeben, dass Kinder bei einem Zusammenstoß mit einem Baum ohne Helm schon bei Geschwindigkeiten ab etwa zehn km/h schwere Kopfverletzungen erleiden können. Deshalb: Immer mit Helm, Handschuhen und festen Schuhen fahren! Und bevor man sich auf eine vereiste Schlittenbahn mit steilen Kurven wagt, sollte man zumindest die Grundkenntnisse des Rodelns beherrschen. Bremsen geht so: Füße flach auf den Schnee stellen, mit den Händen den Schlitten hochziehen, bis er sich hinten in den Schnee gräbt. Beim Kurvenfahren wird das Gewicht verlagert, zusätzlich zieht man die Kufen mit dem Riemen in die gewünschte Richtung. Anfänger können bei Rodelkursen die Grundtechnik erlernen, etwa im Skigebiet Christlum am Achensee.