Drei sind keiner zuviel: ARD-Serie „Nord bei Nordost“

Zwischen zwei Spiegeln verbirgt sich die Unendlichkeit. Wie man virtuos mit Spiegelungen hantiert, führt auf der ARD-Krimischiene zurzeit Holger Karsten Schmidt vor. Er hat nicht nur die von ihm erfundene, so charmante wie beliebte Krimireihe „Nord bei Nordwest“ mit viel Witz von West nach Ost gespiegelt (wieder eine Ménage-à-trois, nur diesmal handfester und mit einer Frau zwischen zwei Männern), sondern er spiegelt in der zweiten Episode der wunderbar launigen Reihe auch das im fiktiven mecklenburgischen Westend ermittelnde Liebesdreieck noch einmal selbst.

Der Gag mit dem Namen bleibt harmlos

Auch die Mutter der Kommissarin Nina Hagen (Cordelia Wege) – der Namensgag bleibt harmlos – lebte in Westend nämlich zeitweilig mit zwei Männern zusammen. Gemeinsam wollten die drei zu DDR-Zeiten nach West-Berlin fliehen, aber Werner Roth (André M. Hennicke) wurde geschnappt und landete im Gefängnis. Kurz darauf wurde Nina geboren. Nach der Wende zog auch Werner zurück nach Westend, eine private Wiedervereinigung. Für Nina war er wie ein Onkel. Umso größer ihr Schock, als Werner vor drei Jahren am Überfall auf einen Geldtransporter beteiligt war und nach seiner Ergreifung auch noch den Mord an einem der Komplizen gestand. Tatsächlich waren die Indizien erdrückend. Ninas inzwischen verstorbener Vater, selbst Polizist, musste damals seinen besten Freund festnehmen; die Millionenbeute fand er allerdings nicht.

Werner Roth bricht nun zu Beginn der aktuellen Folge sehr traditionell aus der Haft aus. Er hat sein Geständnis widerrufen und hält sich in Westend versteckt. Offenbar sind noch alte Rechnungen zu begleichen. Damit beginnt eine Reise in die unkonventionelle Vergangenheit der Familie Hagen. Die von der Protagonistin abwechselnd begehrten Kollegen, der draufgängerische Tim Engelmann (David Bredin) und der joviale, besserwisserische Felix Bittner (Franz Dinda), unterstützen Nina Hagen bei dieser Ermittlung in eigener Sache, aber ein wenig haben sie auch mit ihrer Liebeskonkurrenz zu kämpfen, was bei aller Freundschaft schon einmal zu blutigen Lippen führt.

Die Orakelpriesterin hat weise Sprüche parat

Krimitechnisch ist das alles eher schwach erzählt. Die klischeehafte Handlung mit dem Überfall, der Beute (klassisch im Sack), einem geheimnisvollen dritten Mann und dem erstaunlichen Ausbruch wirkt inhaltlich kaum motiviert. Auch die Familiendramatik der Hagens, obwohl alles andere als neu, ist so ganz stimmig nicht. Der ganze Ort soll wissen, dass Mutter Hagen mit zwei Männern so eng verbandelt war, dass beide als Ninas Vater infrage kommen, nur Nina selbst kam jahrzehntelang nicht auf diese Idee? Dann sind da noch alberne Nebenfiguren wie eine ohne Haken angelnde, alles über die Vergangenheit wissende Frau im Boot (Heike Hanold-Lynch), eine Art ostdeutsche Orakelpriesterin, die nicht nur Sophia heißt, sondern auch stets einen weisen Spruch parat hat: „Zum Wesen einer Sache gehört auch das, was sie noch nicht preisgibt.“ „Eine kluge Frau löst ein Problem und eine weise vermeidet es.“

An die starke Handlung der Auftaktepisode, die sich um Menschenhandel im Schatten des Ukrainekriegs drehte, kommt „Jagd in die Vergangenheit“ nicht heran, aber das spielt keine große Rolle, denn „Nord bei Nordost“ überzeugt ohnehin vor allem durch das fulminante Zusammenspiel des Trios Wege, Bredin und Dinda, die ihre Rollen mit sichtlicher Spielfreude interpretieren. Und Nina geht so selbstbewusst mal mit dem einen, dann mit dem anderen Kollegen ins Bett, ohne je von dem Gedanken geplagt zu werden, sich entscheiden zu müssen, dass das tatsächlich eine neue, moderne Note ins Ermittlereinerlei bringt. Die Männer scheinen mit dem Arrangement auch ganz zufrieden zu sein. So locker geht es in Schwanitz nicht zu, da bleibt alles schmachtend in der Schwebe.

Die stilsichere Regie von Aelrun Goette wechselt zwischen sehr dynamischen Szenen, in denen die Kamera eng den Protagonisten folgt, und weiten, ruhigen Blicken, in denen die Mecklenburgische Seenplatte ins Bild gesetzt wird. Grandios ist diesmal die aufwendige Eröffnungssequenz, ein euphorisch machender Doppel-Fallschirmsprung aus dem weit offenen Himmel, also aus der wahren (nicht erspiegelten) Unendlichkeit. Es ist ein Fallen, aber dabei dem Fliegen so nah, wie der Mensch ihm nur kommen kann. Man könnte sich leicht einen schlauen Spruch von Angelpriesterin Sophia dazu vorstellen. Eine kluge Frau springt nicht, eine weise vermeidet die Landung. Wenn in den nächsten Episoden auch die Kriminalfälle wieder origineller werden sollten, wird sich „Nord bei Nordost“ als eine der erfrischendsten Krimiserien im deutschen Blaulichtfernsehen etablieren.

Nord bei Nordost: Jagd in die Vergangenheit läuft am Donnerstag um 20.15 Uhr im Ersten.