Stuttgart: Gab ein Polizist Dienstgeheimnisse an die Mafia weiter?

Der Fall des Fellbacher Polizisten Eric R. ist für das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Polizei extrem schädlich. Der 47 Jahre alte ehemalige  „erste Polizeihauptmeister“, viele Jahre ­beschäftigt im Polizeiposten Fellbach-Schmiden in der Nähe von Stuttgart, wird beschuldigt, Dienstgeheimnisse an die kala­brische Mafia-Organisation ’Ndrangheta verraten und die strafrechtlichen ­Ermittlungen somit möglicherweise behindert zu haben.

Als der Staatsanwalt am Mittwoch die Anklage im Landgericht Stuttgart vortrug, sagte er über das strafbare Verhalten des Polizisten: „Sie mussten damit rechnen, ein Ermittlungsverfahren zu behindern. Sie nahmen billigend in Kauf, dass das Vertrauen in die Polizei erschüttert wird.“ Eric R. und sein 49 Jahre alter italienischer Freund Antonio P. saßen am Mittwoch auf der Anklagebank.

Mafia gründete 2019 in Fellbach ein Unternehmen

Die beiden Männer waren befreundet. Der Italiener war Trauzeuge des Polizisten. R. wiederum reiste einmal in die ­kalabrische Stadt Cariati. Von dem Küstenort aus steuert die ’Ndrangheta ihre Geschäfte. Antonio P. hatte offenbar ­Kontakt zu einer Basiseinheit der Mafia-Organisation.

2019 gründete die Mafia in Fellbach ein Unternehmen zum Vertrieb von Lebensmitteln, um für den Großraum Stuttgart das klassische Mafia-Geschäftsmodell zu organisieren: Unter der Vortäuschung, für ein Lebensmittelunternehmen zu arbeiten, kaufen Mafiamitglieder im großen Stil Lebensmittel ein – zum Beispiel palettenweise Olivenöl. Die Mafia bestellt die ­Ware, lässt sie zu einer Tarnadresse liefern, bezahlt diese nicht und setzt sie dann kurze Zeit später ein, um Inhaber italienischer Restaurants unter Druck zu setzen, indem sie diese zum Kauf der überteuerten Lebensmittel zwingt.

„Hätten Ermittlungsverfahren und Beamte gefährden können“

In diesem Fall soll es sich um Waren im Wert von 330.000 Euro gehandelt haben. Die Fellbacher Mafia-Zelle zur Organisation des doppelten Betrugs flog im Januar 2021 auf, als die Mafiosi die Inhaber eines italienischen Restaurants in Weinstadt-Beutelsbach bedroht hatten. Nach diesem Vorfall soll Antonio P. im Auftrag anderer Mafia-Mitglieder seinen Polizistenfreund Eric R. angerufen haben; er sollte recherchieren, ob gegen die Erpresser ermittelt wurde, ob die Kennzeichen ihrer Fahrzeuge – eines Audi A6 und eines Fiat Ducato – in der Datenbank der Polizei vorhanden waren. Das Kennzeichen des Fiat fand sich nicht in der Datenbank, das des Audi war wegen einer Ordnungswidrigkeit regis­triert. „Durch die Abfrage hätten Sie das Ermittlungsverfahren und Beamte der Ermitt­lungs­einheit Organisierte Krimi­nalität konkret gefährden können“, sagte der Staatsanwalt nun.

Der Polizist, der in einem weiteren Verfahren wegen der Anstiftung zum Totschlag angeklagt ist, habe Mitglieder der ’Ndrangheta vor der Strafverfolgung geschützt. Der Anwalt des Polizisten will am nächsten Verhandlungstag eine Erklärung seines Mandanten vorlesen. Das Gericht wird sich auch mit der Frage befassen müssen, ob der Angeklagte wegen einer angeblichen psychischen Erkrankung voll schuldfähig ist.