

Schon wieder wurden Drohnen über einem Standort der Bundeswehr gesichtet – und abermals war die Truppe offenbar nicht in der Lage, die unbemannten Fluggeräte vom Himmel zu holen. Der Vorfall ereignete sich schon am 1. Dezember über einer besonders sensiblen Einrichtung: dem Standort des neuen Arrow-3-Systems der Bundeswehr in der Annaburger Heide im Waldgebiet an den Grenzen von Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Das Operative Führungskommando der Bundeswehr bestätigte den Vorfall gegenüber der F.A.Z. Der Drohnenüberflug ereignete sich demnach über der Radarstellung der Arrow-3-Raketenabwehr. Das hochmoderne Radar gilt als Herzstück des Systems.
Die Bundeswehr ist die erste Armee in Europa, die die israelisch-amerikanische Luftverteidigung Arrow-3 Anfang Dezember in Betrieb genommen hat – nur zwei Tage nach den nun bekannt gewordenen Drohnenüberflügen. Eine beabsichtige Ausspähung und ein Zusammenhang mit der Inbetriebnahme des Waffensystems am 3. Dezember sei „wahrscheinlich“, zitieren WDR und NDR aus einem internen Bundeswehrbericht, es seien drei Drohnen gesichtet worden. Mit Arrow 3 will Berlin eine Fähigkeitslücke in der deutschen Luftverteidigung schließen. Es bekämpft Ziele außerhalb der Erdatmosphäre ab einer Höhe von 100 Kilometern und hat eine Reichweite von 2400 Kilometern – zuvor verfügte Deutschland über kein vergleichbares System. Es ist gegen weitreichende ballistische Raketen gerichtet, die in einer hohen Kurve fliegen.
Schüsse mit einem Spezialgewehr
Während der feierlichen Einweihung des Systems, an der unter anderem Luftwaffeninspekteur Holger Neumann und israelische Soldaten teilnahmen, sicherten Bundeswehrsoldaten den Standort mit Störsendern gegen Drohnen ab. Ob die Sicherheitsmaßnahmen damals aufgrund der Drohnensichtungen erhöht wurden, ist unbekannt.
Obwohl die Bundeswehr infolge vermehrter Drohnenüberflüge seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ihre Fähigkeiten zur Abwehr gestärkt hat, hat sie nach wie vor Schwierigkeiten mit der Verteidigung. Unmittelbar nach den Drohnensichtungen in der Annaburger Heide seien „die vorgesehenen Sicherheits- und Schutzmaßnahmen eingeleitet“ worden, heißt es von einem Sprecher des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr. Diese schlugen aber offenbar fehl.
WDR und NDR berichten unter Berufung auf den Bundeswehrbericht, dass die Soldaten erfolglos ein Antidrohnengewehr gegen ein unbemanntes Fluggerät eingesetzt hätten. Die Drohne sei schließlich außer Sichtweite geflogen. Bei dem gescheiterten Abwehrversuch soll das Sturmgewehr G27P mit der Zieloptik Modell Smash X4 zum Einsatz gekommen sein. Das intelligente Visier errechnet den richtigen Abschusswinkel und soll so das Anvisieren von Drohnen erleichtern. Warum der Abwehrversuch fehlgeschlagen ist, ist nicht bekannt. Mögliche Tatverdächtige werden in dem Bericht demnach nicht genannt.
Ein „Katz-und-Maus-Spiel“
Die Bundeswehr verfügt zwar über mehrere Drohnenabwehrsysteme, darunter auch elektronische Störsender. Allerdings waren sie in der Vergangenheit teils wirkungslos gegen moderne Drohnen. So schlugen mehrere Abwehrversuche über dem Truppenstandort Schwesing im Januar vergangenen Jahres, auf dem wohl ukrainische Soldaten an Patriot-Systemen ausgebildet wurden, laut der „Süddeutschen Zeitung“ fehl. Demnach konnte etwa der schultergestützte Störsender HP-47 „aufgrund mangelnder Reichweite nicht zum Einsatz gebracht werden“, zitierte die Zeitung aus einem Schreiben an das Verteidigungsministerium. Auch andere Systeme seien in der Erfassung und Störung wirkungslos geblieben.
Der frühere Inspekteur des Heeres, Alfons Mais, nannte im Gespräch mit der F.A.Z. im vergangenen Jahr den Technologiewettlauf zwischen Drohnen und Drohnenabwehr ein „Katz-und-Maus-Spiel“. Er habe noch kein Abwehrsystem gesehen, „bei dem die Wirksamkeit länger als sechs Wochen gedauert hat“, sagte Mais. Dann gebe es bei Drohnen durch eine neue Software bereits die „nächste Qualitätsstufe“, und die Abwehrmöglichkeiten seien „wieder verpufft“. Dazu komme der verstärkte Einsatz von Fluggeräten, die über Glasfaserverbindungen oder mit Künstlicher Intelligenz gesteuert werden. Außerdem können militärische Fluggeräte ihre Frequenz wechseln und schneller sowie höher fliegen als handelsübliche Drohnen oder autonom zu ihrem Ziel finden.
Die Herausforderungen bei der Drohnenabwehr seien groß, hieß es aus Kreisen der Bundeswehrführung. Deutschland stehe mit dem Problem nicht allein da. Zum einen sei das Risiko von Kollateralschäden hoch, wenn man eine Drohne einfach abschieße. Gleichzeitig sei es schwierig, einen Piloten ausfindig zu machen, wenn das Fluggerät mehrere Kilometer weit fliegt.
Welche Drohnen über der Annaburger Heide zum Einsatz kamen, ist offen. Die Bundeswehr äußerte sich zunächst nicht zu Details. Von einem Sprecher hieß es nur, dass die zuständigen militärischen Stellen und zivilen Sicherheitsbehörden über den Vorfall informiert worden seien. „Der Schutz unserer Liegenschaften sowie die Wahrung der Einsatzbereitschaft unserer Verbände stehen an oberster Stelle.“
