

Die meisten würden nicht tauschen wollen. Aus dem Panoramafenster ihres Wohnzimmers blickt Hilary nicht nur auf den weißen Sand von Zuma Beach, einen der längsten Strände Malibus. In der Ferne ist auch die Insel Santa Catalina zu sehen, bei Angelenos beliebt für Wanderungen und Segeltörns. „An besonders klaren Tagen reicht die Sicht bis Anacapa Island, immerhin fast 40 Kilometer weit“, sagt Hilary und zeigt gen Westen auf den Pazifik.
Doch trotz Strand und Inselblick zieht es die Psychologin nach Osten – zurück nach Pacific Palisades, wo einer der verheerendsten Flächenbrände in der Geschichte Kaliforniens vor einem Jahr ihr Zuhause in Rauch aufgehen ließ. „Es blieb nur Zeit für die beiden Taschen mit wichtigen Unterlagen, die immer gepackt waren“, erinnert sich Hilary bei einem Besuch in dem gemieteten Bungalow am Zuma Beach, den sie ihr „Übergangshaus“ nennt.
Dass sie mit Ehemann Ben und ihrer Labradorhündin Lisa nach Pacific Palisades zurückkehrt, ist für die Einundachtzigjährige keine Frage. „Wir bauen wieder auf. Unser Haus ist zwar Vergangenheit, aber das Land, auf dem es stand, ist immer noch unser Stück der Welt.“
„Es war klar, dass wir uns sofort in Sicherheit bringen mussten“
Die Flammen brauchten am 7. Januar 2025 nur wenige Minuten, um Hilarys „piece of the world“ und mit ihm ihr Leben drastisch zu ändern. Als die Therapeutin damals aus ihrem fast 100 Jahre alten Haus südlich des Sunset Boulevard in Los Angeles kam, sah sie das Feuer durch die Canyons der Santa Monica Mountains rasen. Sie lief zurück, um ihren Ehemann vor den Flammen zu warnen. „Als wir 15 Sekunden später wieder in der Einfahrt standen, war das Feuer schon größer. Es war klar, dass wir uns sofort in Sicherheit bringen mussten.“
Sie nahm die Taschen mit den Dokumenten, die Hundeleine und ihre Hündin, stieg ins Auto und fuhr in Richtung Ozean. Ihr Ehemann Ben blieb im Haus, um Computer und Fotoalben zu retten. „Als er zehn Minuten später in seinen Wagen stieg, war es schon zu spät. Die Autos stauten sich bereits auf der einzigen Straße, die aus den Palisades führt“, sagt Hilary.
Der Dreiundachtzigjährige stellte seinen Wagen am Straßenrand ab und lief zu Fuß zum Pacific Coast Highway. Am Fernseher bei Freunden im benachbarten Venice verfolgten Hilary und Ben in den nächsten Stunden, wie sich die Flammen durch Pacific Palisades fraßen, einen der wohlhabendsten Stadtteile von Los Angeles. „Es fühlte sich unwirklich an“, erinnert sich Hilary an den Moment, in dem die Flammen auch an ihrer Straße von Dach zu Dach sprangen. Wie den weiteren etwa 30.000 Bewohnern der Palisades wurde ihr das Ausmaß der Zerstörung erst in den Tagen nach den ersten Rauchschwaden über den Santa Monica Mountains bewusst.
Zwölf Menschen kamen in Palisades und dem benachbarten Stadtteil ums Leben
In Pacific Palisades und dem benachbarten Küstenort Malibu brannten fast 7000 Gebäude nieder. Zwölf Menschen kamen ums Leben, während sich die Flammen bei Trockenheit und ungewöhnlich starken Santa-Ana-Winden über fast 95 Quadratkilometer ausbreiteten. Wie in den Palisades versuchten Angehörige von Feuerwehr, Nationalgarde sowie der kalifornischen Behörde für Wald und Brandschutz (Cal Fire) damals auch in Altadena nördlich der Innenstadt von Los Angeles einen Flächenbrand einzudämmen. Der damalige Präsident Joe Biden erklärte die Region zum Katastrophengebiet, um Unterstützung aus Washington zu schicken. Zehntausende Südkalifornier kamen bei Freunden und in Hotels unter, waren plötzlich auf Kleiderspenden angewiesen und versuchten verzweifelt, sich mit ihrer Versicherung in Verbindung zu setzen.
„Wir mussten in den ersten zweieinhalb Wochen sieben Mal umziehen“, erinnert sich Hilary an Aufenthalte bei ihrer Tochter, Bekannten und in einer Ferienwohnung. „Das Schwerste war zu unserer Überraschung, einen Ort zu finden, an dem unsere Hündin sich erleichtern konnte. Sie war an Rasen gewöhnt, oft gab es aber nur Beton.“ Fast drei Wochen nach dem Brand mietete sie den Bungalow in Malibu.
„Die Versicherung übernahm alle Kosten und zeigte sich großzügig. Wir hoffen, dass das auch so bleibt“, deutet sie mögliche Hürden beim geplanten Neubau auf ihrem „Stück der Welt“ an. Während sich ihr Ehemann in den Wochen nach dem Feuer auch einen Umzug nach Nordkalifornien oder auf ein Boot vorstellen konnte, bestand sie darauf, in den Palisades zu bleiben. Als Studentin war Hilary im Jahr 1974 für ein Seminar aus ihrer Heimatstadt Boston in Massachusetts nach Los Angeles gekommen. Aus den damals geplanten sechs Wochen sind inzwischen mehr als 50 Jahre geworden.
Ihrem Ehemann, einem Neuropsychologen, ging es ähnlich. Er flog im Jahr 1975 für einen Forschungsaufenthalt von der Ostküste nach Südkalifornien und blieb. Nach Stationen in Venice und Santa Monica kaufte das Paar Mitte der Achtzigerjahre ein Haus im Tudorstil in Pacific Palisades. „Wir haben mehr als 40 Jahre in den Palisades gelebt, dort drei Kinder großgezogen und viele Freundschaften geschlossen“, sagt Hilary.
Die Beziehung zu den Nachbarn hat sich seit den Bränden verändert
Ihre Beziehung zu den Nachbarn bekam durch das Feuer eine neue, unerwartete Facette. „Wir haben alle dasselbe durchgemacht. Vielleicht ist die Erfahrung vergleichbar mit einem Krieg, in dem man ein besonderes Gefühl der Gemeinschaft entwickelt.“ Viele ihrer Nachbarn haben sich dennoch entschlossen, nicht wieder aufzubauen. „Niemand übersteht so etwas ohne posttraumatische Belastungen. Viele waren der Ansicht, nie über das Feuer und den Verlust hinwegzukommen“, sagt die Psychologin.
Mit Schuldzuweisungen hält sie sich zurück. Schon in den Stunden nach den ersten Flammen waren Vorwürfe laut geworden. Trotz Warnungen des Nationalen Wetterdienstes vor Windböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern in der Stunde waren Reservoire und Hydranten leergeblieben. Das Los Angeles Fire Department soll nach Budgetkürzungen unterbesetzt gewesen sein. Auch an Bürgermeisterin Karen Bass wurde Kritik laut, weil sie ohne Rücksicht auf die Wetterwarnungen nach Ghana gereist war. Nach einem illegalen Silvesterfeuerwerk in den Hügeln der Palisades hatten Einsatzkräfte in den Tagen vor dem Palisades-Feuer schon einen kleineren Brand gelöscht. Kontrollen des Terrains blieben nach dem Einsatz aber aus.
Ein Jahr später bieten die früher von Palmen, Eukalyptus und Bougainvillea gesäumten Straßen ein trauriges Bild. Die meisten Wohnhäuser sind zerstört, die Grundstücke nach der Räumung durch das United States Army Corps of Engineers bis auf Schwimmbecken und Zäune leer. Nach Regengüssen macht sich der Geruch von Rauch und Trümmern breit. Auf einigen Grundstücken haben Bewohner der Palisades mit dem Wiederaufbau begonnen. Die ersten Holzstrukturen stehen schon.
Auf einigen Grundstücken wie der Palisades Bowl, einer zerstörten Wohnwagensiedlung am Pacific Coast Highway, liegen dagegen noch Autowracks und rostige Fahrgestelle. Wie man erzählt, soll der Katastrophenschutz die Räumung verweigert haben, da die Eigentümer, eine Erbengemeinschaft, das bislang für Pächter eher günstige Land zu einem Spekulationsobjekt machen möchten.
Der Neubau muss dort errichtet werden, wo sein Vorgänger stand
Auch in anderen Vierteln der Palisades herrscht Unsicherheit. Um den Wiederaufbau zu unterstützen, bieten die Behörden ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren an. Innerhalb von etwa zwölf Monaten, erklärt Hilary, könnten Eigentümer mit der Baugenehmigung rechnen, falls sie sich verpflichten, den Neubau nur bis zu zehn Prozent größer zu planen als das niedergebrannte Haus. „Der Neubau muss an dem Platz errichtet werden, an dem sein Vorgänger stand. Wir müssen auch Auflagen zu feuerfesten Materialien für Dach, Fassade und Fenster einhalten“, sagt sie. Nach 41 Jahren in einem historischen Gebäude setzt sie jetzt auf moderne Architektur. „Ben und ich haben das neue Haus selbst entworfen. Für Frühjahr erwarten wir die Genehmigung, für Sommer 2027 ist der Einzug geplant.“
Wie sich die Palisades in den kommenden Jahren entwickeln werden, ist aber noch offen. Schon jetzt kaufen Investoren die vergleichsweise günstigen Brandgrundstücke in Bestlage auf. Im Stadtrat bemühen sie sich um Gesetze, die höhere Bauten und das Zusammenlegen von Grundstücken erlauben. „Die Bewohner der Palisades beobachten das mit Sorge. Wir können nicht absehen, ob neben uns künftig ein Einfamilienhaus steht oder ein Gebäude mit acht Stockwerken“, sagt Hilary.
Wenn die Erinnerungen an verbrannte Kinderfotos, Andenken und Erbstücke zu groß werden, zieht es sie und ihren Ehemann mit Hündin Lisa an den Strand. „Besonders in den ersten schweren Wochen haben wir versucht, es ihr nachzumachen, einen Spaziergang zu unternehmen und Spaß an den Wellen zu haben“, beschreibt sie das Gefühl des Loslassens, das sie inzwischen „Hundehirn“ nennt.
Ein Jahr nach der Katastrophe hat Hilary immer noch Flashbacks. „Man denkt plötzlich an einen Gegenstand und will ihn holen, bevor einem klar wird, dass es ihn nicht mehr gibt.“ Nach einigen Monaten Abwesenheit aus ihrer Praxis entschied sie Anfang September, nicht mehr als Psychologin zu arbeiten. „Mir wurde bewusst, dass ich in meinem Leben zu viel zu tun habe, um mich um Patienten zu kümmern“, sagt die Einundachtzigjährige. Nach Listen mit Belegen über verbrannte Möbel und Wertsachen stellt sie seit Monaten Dokumente für die Katastrophenschutzbehörde (FEMA) zusammen, lässt den Boden ihres Grundstücks auf Rückstände von Blei untersuchen und tauscht sich mit Versicherung und Architekt aus.
Ihr Leben nach dem Feuer sieht Hilary pragmatisch bis hoffnungsvoll. „Wir haben nicht darum gebeten, aber jetzt, da es passiert ist, machen wir das Beste aus der Situation“, sagt sie. „Wie oft bekommt jemand nach dem 80. Geburtstag schon die Gelegenheit, sich neu zu erfinden?“ Dass auch die Palisades heilen werden, steht für sie außer Frage. „In spätestens zehn Jahren sind sie wieder der Ort von Gemeinschaft und Zusammenhalt, der sie vor dem 7. Januar 2025 waren.“
