Wer hätte nicht gern einen großen Bruder wie Sam, den Anton Weil in Sarah Miro Fischers Film „Schwesterherz“ spielt? Einen, bei dem man mitten in der Nacht auftauchen kann, wenn einen die Freundin aus der Wohnung geschmissen hat? Einen, mit dem man so verbunden ist, dass man es sich augenblicklich getrost am Fußende seines Bettes gemütlich macht und einschläft, dem Einwand zum Trotz, man schnarche schlimmer als die eigene Mutter?
„Als ich geboren wurde, warst du schon da und hast auf mich gewartet“, erzählt Marie Bloching als Rose später in einer spontanen Rede, die sie bei Sams Geburtstagsfeier hält. Als Zuschauer*in könnte man sich da auch denken, dass es vielleicht ein bisschen zu viel „Kleine-Schwester-Inszenierung“ ist, die sie hier aufführt.
Aber gleichzeitig genießt man die gezeigte Nähe dieser Menschen auch, beziehungsweise: Regisseurin Sarah Miro Fischer lädt am Anfang ihres Spielfilmdebüts förmlich dazu ein, sie zu genießen. All die kleinen Gesten der Vertrautheit und Sicherheit. Nicht nur die beiläufige, liebevolle physische Nähe, ein selbstverständliches Anfassen und Miteinandersein, sondern auch so Beiläufiges wie zusammen im Bad vor dem Spiegel stehen und sich die Zähne putzen.
Es ist ein intimer Akt, sich gegenseitig auch in solchen „hässlichen“ Momenten zu zeigen. Zu dieser Art der Intimität gehört nicht nur Vertrautsein, sondern Vertrauen. Bezeichnenderweise verbindet man letzteres, wenn es besonders groß ist, gern mit dem Wörtchen „blind“. Ein verräterisches Beiwort, wenn man es sich genau überlegt: Heißt es „blindes Vertrauen“, weil man die Sachen, die man nicht sehen will, dabei willentlich übersieht?
Die notwendige Distanz
Das wird zum Hauptthema dieses so bestechend beiläufig und zärtlich beginnenden Films: Der Zwiespalt von familiärer Nähe und Notwendigkeit zu Distanz, von blindem Vertrauen und nagendem Verdacht. Was kriegt man mit von den Menschen, die einem am nächsten stehen, und wie viel davon blendet man aus, um die Harmonie nicht zu stören?
Denn eines Tages hört und sieht Rose etwas, was sie nicht mehr ungesehen machen kann. Aber sie versucht es noch einige Zeit. Sie fragt sich selbst: Was hat sie denn wahrgenommen? Da war das Fußballspielen ihres Bruders und seiner Freunde im Park, zu dem sie dazustieß. Danach saß man zusammen und trank.
Sie war selbst damit beschäftigt, mit einem Mann zu flirten. Im beiläufigsten Erzählstrang dieses so kunstvoll beiläufig erzählten Films ist Rose eine junge bisexuelle Frau, die keinem erklären muss, warum sie gerade mit ihrer Langzeitfreundin Schluss gemacht hat und nun One-Night-Stands mit Männern sucht. Ihr Bruder tauschte verhalten Zärtlichkeiten mit Lia aus, einer von Jane Chirwa gespielten alleinerziehenden Mutter zweier Kinder.
Sie hört die Tür des Schlafzimmers, ein Rumpeln, ein Flüstern, dann rhythmisches Stoßen mit gedämpften Sexgeräuschen
Rose selbst ist irgendwann nach Hause gegangen; die anderen haben im Park noch weitergefeiert. Sie ist auf der Couch in der Wohnung von Sam eingeschlafen. Dann hat sie der Lärm geweckt, den Sam beim Nachhausekommen gemacht hat.
Er war nicht allein. Sie hört die Tür des Schlafzimmers, ein Rumpeln, ein Flüstern, dann rhythmisches Stoßen mit gedämpften Sexgeräuschen. Vor denen zieht sie sich ein Kissen über die Ohren. Als es still wird, steht sie auf, um in der Küche ein Glas Wasser zu trinken.
Sie steht an der Spüle, als eine ihr unbekannte Frau durch den Flur die Wohnung verlässt. Es kommt zu einem kurzen Blickwechsel. Nichts Besonderes passiert, oder?
Hier bewährt sich die quasidokumentarische Erzählweise, die Sarah Miro Fischer fast ohne jede musikalische Untermalung einsetzt und die Selma von Polheim Gravesen mit flüssiger Handkamera ohne künstliches Licht realisiert. Man fühlt sich als Zuschauer*in sehr unmittelbar in der Situation – und glaubt genau so viel beziehungsweise wenig zu verstehen wie Rose selbst. Was ist genau passiert? Was haben wir gehört? Und was davon begriffen?
Sagenhaft authentisch
Dann, ein paar Tage oder sind es Wochen später, findet Rose vor der Tür eine Kiste mit Dingen, die ihr die Exfreundin vorbeigebracht hat. Post ist auch darunter. Und eine Vorladung von der Polizei. Rose versteht nicht, worum es geht. Vielleicht aber versteht sie es auch zu gut.
Sie wird zur Zeugenaussage wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs gegen ihren Bruder eingeladen. Sie will es so wenig begreifen, dass sie zuerst ihrem Bruder gar nichts davon erzählt. Teilweise ist es nervenaufreibend, wie unartikuliert die Figuren dieses Films fast alle sind.
Gleichzeitig wirkt es sagenhaft authentisch. Wie in echten Familien findet hier niemand die richtigen Worte, jedenfalls nie im richtigen Moment. Oft dient das Reden mehr einem Ausweichen und Verschleiern als der Klarheit. Halbsätze wie „Ich weiß auch nicht …“, „keine Ahnung“ machen gefühlt die Hälfte der Konversationen aus.
Trotz allem geht Rose zur bestellten Zeugenaussage; sie sagt, dass sie nichts weiß und nichts gesehen hat. Die Szene wirkt geradezu gekünstelt, weil der Polizist (Aram Tafreshian) die rare Figur in diesem Film ist, die nicht um den heißen Brei herum redet.
Sam duckt sich weg
Er stellt klare Fragen, lässt Rose antworten und liest ihr schließlich die Zeugenaussage der Frau vor, der sie damals nachts im Flur begegnet ist. „In der Küche stand eine Frau, ich nahm an, es handelte sich um seine Schwester.“
Wo man vorher die Nähe zwischen den Geschwistern genossen hat, wird es nun zwiespältig. Was vorher eine beneidenswerte Intimität war, wird zu etwas Bedrückendem. Der Film fängt das erneut in Alltagsmomenten ein. Sam, der sich wegduckt beim Reden, sich nicht mehr ins Gesicht schauen lässt.
„Schwesterherz“. Regie: Sarah Miro Fischer. Mit Marie Bloching, Anton Weil u.a. Deutschland/Spanien 2025, 96 Min.
Lia, die sich distanziert, als Rose ihr durch die Blume mitteilt, dass Sam nach dem Flirt mit ihr nachts eine andere Frau mit nach Hause brachte. Die Mutter (Proschat Madani), die scheinbar völlig ungebrochen hinter ihrem Sohn steht. Rose, immer mehr im Fokus der Kamera, immer mehr isoliert, beginnt die Details aus der Zeugenaussage der Frau zu überprüfen.
„Zeichnet das, was ihr vor euch seht, nicht das, was ihr darüber denkt!“ lautet eine Anweisung, die sie beim Kurs zum Aktzeichnen erhält, den sie besucht. Von dort nimmt sie eines Abends auch einen Mann mit nach Hause und versucht beim missglückenden Sex die Rolle des Vergewaltigers einzunehmen.
Der intime Akt des Waxings
Sie sucht auch Elisa (Laura Balzer) selbst auf, die in einem Kosmetiksalon arbeitet. Der intime Akt eines Bikini-Zonen-Waxings wird zum doppeldeutigen Rollenwechsel: „Sag mir, wenn ich aufhören soll“, bietet Elisa mit falscher Freundlichkeit der vor Schmerz den Mund verziehenden Rose an.
Der Film schildert den fast unsichtbaren Übergang von liebendem Einverständnis und familiärer Solidarität zur Skepsis, zum Erkennen einer anderen Wahrheit, einer eigenen Sichtweise. „Ich bin kein Monster“, heult der ältere Bruder seiner kleinen Schwester irgendwann vor.
Wie kann man so einem Appell widerstehen? Aber immer öfter sehen wir Rose auch in ihrem Beruf; sie arbeitet als medizinische Fachangestellte in einer Frauenarztpraxis. Aus der kleinen Schwester wird zunehmend ein Mensch mit eigener Haltung, einer, der seiner eigenen Wahrnehmung vertrauen und seiner eignen Moral folgen will.
Auch wenn die Entscheidungen, die daraus resultieren, ihr schwerfallen und mit Schmerz verbunden sind. Nicht jede*r Zuschauer*in mag es nachvollziehen können, was sie am Ende tut. „Schwesterherz“ ist ein erstaunlich unbequemer, ungemütlicher Film.
